# taz.de -- Debatte um Wiedereinstieg: So klimafreundlich ist Atomkraft wirklich
       
       > Wenn Staaten neue AKWs planen, wird das oft als Beitrag zum Klimaschutz
       > verkauft. Aber stimmt das überhaupt?
       
 (IMG) Bild: Das Kernkraftwerk Leibstadt spiegel sich im Rhein
       
       Atomkraft, das werden ihre Fürsprecher*innen nicht müde zu betonen, ist
       emissionsarm. „Kernenergie zählt zu den saubersten Energiequellen, wenn man
       die gesamte Lieferkette betrachtet“, schreibt die Internationale
       Atomenergie-Organisation IAEO. Fatih Birol, Chef der Internationalen
       Energieagentur IEA, nennt Atomstrom „eine Möglichkeit für den
       Energiesektor, seine Treibhausgasemissionen zu reduzieren“ und hält auch
       deshalb [1][Deutschlands Atomausstieg] für einen „historischen Fehler“.
       EU-Kommissionsvorsitzende Ursula von der Leyen bezeichnete bei einem
       Atomgipfel im März den europäischen Rückzug aus der Atomkraft als
       „strategischen Fehler“. Denn bei der Atomenergie handele es sich um eine
       „zuverlässige, bezahlbare Quelle emissionsarmer Energie“.
       
       Und tatsächlich: Selbst Christoph Pistner, Leiter des Bereichs
       Nukleartechnik und Anlagensicherheit beim traditionell atomkraftkritischen
       Öko-Institut, sagt: „Betrachtet man ausschließlich die CO2-Bilanz pro
       erzeugter Kilowattstunde Strom, hat Atomstrom genauso wie Strom aus
       erneuerbaren Quellen einen geringen Fußabdruck.“ Zwar entstünden beim
       [2][Abbau des Urans] CO2-Emissionen, bei dessen Weiterverarbeitung zum
       Brennstoff, beim Bau des Atomkraftwerks, bei dessen Betrieb und bei der
       Entsorgung des Mülls – die seien aber vergleichbar wie bei Bau, Betrieb und
       Entsorgung von Windrädern oder Solaranlagen.
       
       „Wenn so ein AKW steht, kann es hervorragend dafür sorgen, dass das Klima
       geschützt ist“, sagt auch Mathias Mier, Energieexperte beim Ifo-Institut.
       Er ist nicht grundsätzlich gegen Atomstrom: „Die bestehenden, sicheren
       Meiler abzuschalten, war ein Fehler“, sagt er. Aber aus ökonomischer Sicht
       sei es schon falsch gewesen, die Atomkraftwerke überhaupt zu bauen. Denn
       „die Frage ist: Wie teuer ist das, und gibt es Alternativen?“
       
       Will die Menschheit schnell aufhören, CO2 in die Luft zu pusten und so die
       Erde zu erhitzen, muss die Stromerzeugung rasch und möglichst billig
       CO2-frei werden. Dafür gibt es neben der Atomkraft auch [3][Strom aus Wind,
       Sonne und Wasser]. „In Anbetracht dieser anderen Optionen ist Atomstrom in
       Europa viel zu teuer“, sagt Mier. Die Sicherheitsanforderungen seien sehr
       hoch. „In China machen die das anders“, sagt Mier, „da gibt es nicht die
       gleichen Umweltgutachten und keine demokratische Beteiligung.“
       
       Das Preisargument sei noch aus einem anderen Grund irreführend, sagt Mier.
       Denn wenn zum Beispiel von 10 Euro Kosten pro Megawattstunde Atomstrom
       gesprochen wird – deutlich weniger als für fossilen Strom –, sei nur von
       den variablen Kosten die Rede, also: Wie viel kosten Brennstoffe,
       Hilfsenergie, Wasser und Chemikalien, um die nächste Megawattstunde zu
       erzeugen? Um die vollständigen Kosten eines Atomkraftwerks zu decken,
       inklusive der vielen Hundert Beschäftigten, Ersatzteilen, den hohen
       Investitionskosten, die beim Bau anfallen, und den Versicherungen für den
       Ernstfall seien mindestens 110 bis 140 Euro pro Megawattstunde nötig –
       ansonsten ist Atomkraft ein Verlustgeschäft und muss staatlich
       subventioniert werden – wie es auch in Deutschland der Fall war.
       
       ## Warum werben Unionspolitiker*innen für einen Wiedereinstieg?
       
       Dazu kommt: „Planung, Genehmigung und Bau eines Atomkraftwerks dauern sehr
       lang“, sagt Pistner vom Öko-Institut. Als die britische Regierung 2013 die
       nötigen Subventionen für den [4][Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point]
       versprach, sollte das Kraftwerk 2023 in Betrieb gehen. Inzwischen ist von
       2030 die Rede – mit verdoppelten Baukosten.
       
       Atomkraftverteidiger*innen wie die IAEO preisen zudem die
       Grundlastfähigkeit von Atomkraftwerken. Sie können wie Kohlekraftwerke
       nahezu im Dauerbetrieb laufen, während Solaranlagen in der Nacht und
       Windräder bei Flaute keinen Strom erzeugen.
       
       Aber: Je mehr Strom aus Wind und Sonne kommt, desto schlechter eignen sich
       die Atomkraftwerke als Kombination. „Atomstrom funktioniert sicher und
       günstig nicht gut mit Wind und Sonne“, sagt Mier. Weil Wind- und
       Sonnenstrom billiger als Atomstrom sind, müsste man die AKWs ständig hoch-
       und runterfahren. „Dann gehen sie schneller kaputt“, sagt Mier. Bessere
       Alternativen, die bei [5][Dunkelheit und Flaute] einspringen könnten, seien
       zunächst noch Gaskraftwerke, später dann Batteriespeicher, Biomasse oder
       CO2-freie Gasalternativen wie Wasserstoff.
       
       Warum werben dann Unionspolitiker*innen wie von der Leyen, Markus
       Söder und Jens Spahn für einen Wiedereinstieg? „Weil sie keine Ahnung
       haben“, sagt Mathias Mier vom Ifo-Institut. „Ich weiß nicht, wer ihnen
       diese Flausen in den Kopf gesetzt hat.“
       
       25 Apr 2026
       
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