# taz.de -- Atomenergie in Südkorea: Atomkraft? Jein, danke!
> Südkorea setzt stärker auf Atomenergie als andere Staaten, doch in der
> Bevölkerung ist die Technologie umstritten. Nur: Alternativen sind
> schwierig.
(IMG) Bild: Südkoreaner:innen in Seoul protestieren am Jahrestag des Reaktorunglücks in Fukushima, am 11. März 2026, gegen Atomkraft
Kaum ein Land hat so eine komplexe Beziehung zur Atomenergie wie Südkorea:
Wirtschaftlich spielt die Technologie eine immens wichtige Rolle. Doch
innerhalb der Bevölkerung gilt sie als umstritten.
Zwar liegt das Land am Han-Fluss nur anderthalb Flugstunden vom japanischen
Fukushima entfernt, doch hat das dortige Reaktorunglück vor 15 Jahren für
keinen nachhaltigen politischen Umschwung gesorgt. Obendrein fallen die
Südkoreaner in öffentlichen Umfragen stets durch eine praktisch einmalige
Besonderheit auf: Viele, die Atomenergie ablehnen, befürworten gleichzeitig
eine eigene Nuklearbombe zur militärischen Abschreckung. Kurzum: Es ist
kompliziert.
Tatsächlich fährt Südkorea in seiner Atompolitik einen chaotischen
Zickzack-Kurs. Als der linke Moon Jae In vor knapp zehn Jahren an die Macht
kam, versprach er einen langfristigen, sanften Ausstieg aus der
Atomenergie. „Bislang hat sich unsere Energiepolitik vor allem auf günstige
Preise und Effizienz fokussiert, während die öffentliche Sicherheit
zweitrangig war. Dies muss sich nun ändern“, [1][sagte Moon 2017 bei der
Schließungszeremonie] des damals ältesten Atomreaktors des Landes. Seine
Worte kamen einer regelrechten Revolution gleich.
Dabei handelte es sich lediglich um einen schleichenden „Exit“, der
innerhalb von vier Dekaden sukzessive vollzogen werden sollte. Dennoch
wurde die Maßnahme von der Zivilgesellschaft euphorisch gefeiert. Denn NGOs
wie Greenpeace kritisierten stets, dass die allmächtige Nuklearlobby einen
immensen Einfluss auf Regierungsbeamte sowie Medien besitzen würde. Moon
schien sich dem als erster Präsident des Landes zu widersetzen.
## Zwei neue Atomreaktoren in Südkorea
Sobald jedoch mit [2][dem konservativen Yoon Suk Yeol] das politische
Pendel wieder nach rechts schwang, war der Atomausstieg Geschichte. Yoon
legte nach Amtsantritt eine radikale Kehrtwende hin: So versprach der
ehemalige Staatsanwalt einen umfassenden Ausbau der Kernenergie, sprach gar
von einer „nuklearen Renaissance“. Gerechtfertigt wurde der Schritt auch
mit dem wirtschaftlichen Potenzial, das die Nuklearenergie für Südkorea
besitzt: Mit dem Bau von Kernreaktoren im Ausland wollte man die seit der
Corona-Pandemie angekratzte Wirtschaft wiederbeleben.
Mittlerweile sitzt Yoon längst wegen eines versuchten Coups im Gefängnis,
und mit Lee Jae Myung steht erneut ein linker Präsident an der Spitze der
Regierung. Auch wenn Lee versprochen hat, erneuerbare Energien auszubauen,
wird es [3][weiterhin keinen Atomausstieg] geben – ganz im Gegenteil. In
Südkorea werden neben den 26 aktiven Kernreaktoren sogar noch zwei weitere
gebaut.
Dabei verweisen Regierungsbeamte stets auf den erhöhten Strombedarf der
Volkswirtschaft. Denn diese hängt stark von der energieintensiven
Produktion von Halbleitern ab. Und Kernenergie wird als notwendiges Übel in
Kauf genommen, um die Energieabhängigkeit von den Golfstaaten zu reduzieren
und dabei dennoch nicht die CO2-Bilanz zu strapazieren. Die Frage nach
einer Endlagerung des Atommülls versucht man unter den Teppich zu kehren.
Die Fakten offenbaren, welch immense Bedeutung die Atomenergie für Südkorea
weiterhin hat: Das Land ist überaus ressourcenarm und generiert 30 Prozent
seines Strombedarfs aus AKWs. In Gigawatt hochgerechnet liegt Südkorea bei
der Produktion von Atomenergie an weltweit fünfter Stelle, praktisch
gleichauf mit Russland. Hinzu kommt, dass Südkorea ebenfalls einer der
führenden Exporteure beim Bau von Kernreaktoren im Ausland ist –
insbesondere in der Golfregion haben südkoreanische Firmen riesige
Infrastrukturprojekte ergattern können.
## Boykotte nach Fukushima-Katastrophe
Innerhalb der Umweltbewegung ist man darüber wenig erfreut. Schon 1986, als
ein Block im AKW Tschornobyl explodierte, löste dies im entfernten Südkorea
vereinzelte Proteste aus. Doch die damalige Militärregierung scherte sich
nur wenig um die Anliegen der Zivilgesellschaft. Erst im Jahr darauf hielt
das Land erste freie Wahlen ab.
Die deutlich wichtigere [4][Katastrophe ereignete sich 2011 im quasi
benachbarten Fukushima]. Und das mediale Echo war stark: Über Jahre hinweg
boykottierten etliche SüdkoreanerInnen Fischprodukte aus Japan, selbst als
Gesundheitsexperten längst die Bedenken für übertrieben hielten. Und als
Japan 2023 damit begann, aufbereitetes, mit Meerwasser verdünntes
Kühlwasser aus dem zerstörten AKW in den Pazifik einzuleiten, waren die
Proteste in Südkorea immens. Nur: Zu einem politischen Umdenken im eigenen
Land führte das nicht. Denn die Kosten für einen nachhaltigen Atomausstieg
schienen stets zu hoch.
22 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bbc.com/news/world-asia-39866696
(DIR) [2] /Urteil-in-Suedkorea/!6156065
(DIR) [3] /Energiekrise-in-Suedkorea/!6165789
(DIR) [4] /Experte-ueber-Atom-Gefahr-im-Iran-Krieg/!6161116
## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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