# taz.de -- Höcke-Kritiker Lucassen tritt zurück: Wichtigster AfD-Verteidigungspolitiker geht zurück ins Glied
> Rüdiger Lucassen hatte es mehrfach gewagt, Björn Höcke zu kritisieren.
> Nun kam er seiner Abwahl als Verteidigungssprecher mit seinem Rücktritt
> zuvor.
(IMG) Bild: Wer die AfD Führungsriege nicht liebt, soll die Afd Führungsriege verlassen: Rüdiger Lucassen entschied in sein eigenes Schwert zu fallen
Mit dem Rücktritt des wichtigsten Verteidigungspolitikers der extrem
rechten AfD ist die Partei noch ein wenig stärker auf den völkischen Kurs
eingeschwenkt. Rüdiger Lucassen war einer der wenigen AfD-Leute, die es
überhaupt noch wagen, den Rechtsextremisten Björn Höcke, aber auch allzu
dreiste Putin-Propagandisten öffentlich deutlich zu kritisieren.
Das brachte ihm rechte Shitstorms, Ordnungsverfahren in der AfD-Fraktion
und nun auch einen Abwahlantrag im Arbeitskreis Verteidigung ein, dessen
Sprecher der 74-Jährige seit dem ersten Einzug in den Bundestag 2017 war.
Seiner bevorstehenden Abwahl kam Lucassen nun mit seinem Rücktritt zuvor.
In einem der taz vorliegenden Schreiben an den Fraktionsvorstand um Alice
Weidel und Tino Chrupalla vom Montag teilte Lucassen mit, dass er mit
sofortiger Wirkung von seinen Ämtern als Leiter des Arbeitskreises
Verteidigung, als verteidigungspolitischer Sprecher und Obmann der Fraktion
im Verteidigungsausschuss zurücktrete. Lucassen bleibt allerdings
ordentliches Mitglied im Arbeitskreis und Ausschuss.
Lucassen begründete seinen Rückzug mit einer „Freund-Feind-Spirale“, in der
die öffentliche Auseinandersetzung um seine Person stecke – das wolle er
mit Blick auf die Landtagswahlen vermeiden. Man muss sich das
Zusammenschlagen der Hacken dazudenken, wenn er schreibt: „Land, Partei,
Person: Das ist die Reihenfolge, die für mich immer galt.“ Seine
inhaltliche Positionierung indes nimmt er nicht zurück. Er sehe seine
Partei auf dem Weg zur Regierungsbeteiligung und wolle dazu seinen Beitrag
leisten – zur „Rettung unseres Landes“. Lucassen hatte zuletzt mehrfach für
einen Realokurs anstelle der Fundamentalopposition von Höcke, Weidel und Co
plädiert.
## Für Wehrpflicht und gegen Höcke
Innerhalb seiner Partei galt der ehemalige Bundeswehroberst mit
Nato-Erfahrung als kantig. In seinem Arbeitskreis warf man ihm offiziell
„Alleingänge“, ein „Führungsdefizit“ und „irreführende Darstellung interner
Abstimmungsstände“ vor, ebenso das nicht abgesprochene Durchgeben von
Informationen und Papieren an die Presse. Er selbst sieht darin kein
Problem, weil er sich nie außerhalb der Positionen der Partei bewegt habe
und als verteidigungspolitischer Sprecher schließlich etwas Beinfreiheit
brauche.
Ein offenes Geheimnis ist, dass der Gegenwind vor allem daher kommt, dass
er seine Sicht immer klar und teils auch öffentlich mitgeteilt hat. Seine
russlandreisenden Fraktionskollegen, deren Aussagen immer wieder
verblüffende Parallelen zum Propaganda-Spin des Kremls aufweisen, rückte er
mal bei Lanz in die [1][Nähe von „Volksverrätern“].
Ebenso widersprach er ausdauernd Parteichef Tino Chrupalla und dem
AfD-Pseudopazifismus, indem er nicht nur an der Grundsatzforderung nach
einer Wehrpflicht trotz Ukrainekrieg festhielt, sondern auch gleich
Atomwaffen für Deutschland forderte. Seinen Gegnern galt er deswegen als
hoffnungsloser Transatlantiker, „Westextremist“ oder gleich als
„Nato-Knecht“, „Spalter“ und „VS-Zersetzer“. Subtext: Lucassen muss weg.
Vor allem Vertraute von Höcke hatten in der Bundestagsfraktion ausdauernd
daran gearbeitet, Lucassen abzusägen. Der Grund dafür liegt auf der Hand:
Mit seinem Pochen auf die Wehrpflicht hatte der auch ihren verehrten
Landesvorsitzenden kritisiert. Als Höcke im Thüringer Landtag gegen die
Wehrpflicht plädierte und insinuierte, dass das „woke“ Deutschland ohnehin
nicht schützenswert sei, warf Lucassen ihm in einer Bundestagsrede
sinngemäß vor, [2][dass Höcke nicht für Deutschland kämpfe].
Darauf folgten ein extrem rechter Shitstorm und wütende Angriffe von
Höcke-Jüngern in der Bundestagsfraktion. Das brachte Lucassen bereits eine
Missbilligung des Fraktionsvorstands ein. Den Angriffen tat das keinen
Abbruch. An Lucassen wurde gewissermaßen ein Exempel statuiert: Wer Höcke
angreift, wird aufs Schärfste bekämpft – und abgestraft.
## Abrechnung mit Neurechten
Zwei Tage vor seinem Rücktritt hatte Lucassen unter anderem einen engen
Vertrauten von Höcke, Torben Braga, auf X persönlich scharf angegriffen –
auch weil dieser sich seit Monaten dort an Lucassen abarbeitete. In einem
sehr ausführlichen Post, der sich wie eine Abrechnung liest, warf Lucassen
ihm haarklein vieles vor („Ungedienter“, Abwesenheit im Arbeitskreis
Verteidigung, Kremlnähe, „Anti-BRD-Sound“ und damit die „Re-Etablierung des
alten DDR-Kampfbegriffs“).
Während der Lektüre der länglichen Ausführung lernt man nicht nur viele
innerrechte Schimpfwörter kennen, mit denen Lucassen belegt wurde und die
gerne von der neurechten X-Bubble benutzt werden („Cuckservative“, „Halbe“,
„Larper“, „Simper“, „Nato-Boy“, „Nato-Hure“ und „Nato-Stieffellecker“,
„Nato-Schwanzlutscher“ und „BRD-Boomer“). Der Ausführung auf 23.000 Zeichen
ist deutlich zu entnehmen, dass sich während des monatelangen Shitstorms
von Braga und Co viel angestaut hat. Lucassen fragt: „Könntet Ihr
eigentlich genauso gut einstecken, wenn ich ähnlich schreiben würde? Mich
über Eure altbackenen Dreiteiler, Eure Körperfülle, Euer unfreiwilliges
Zölibat, oder Eure ganzen Lücken zwischen weltanschaulicher Kraftmeierei
und privater Lebensführung öffentlich auslassen würde?“
Lucassen teilt auch gegen den neurechten Ideologen Benedikt Kaiser aus,
dessen Umsturzideologie für viele innerhalb der Partei mittlerweile ein
fester ideologischer Bezugspunkt geworden ist. Er arbeitet im Bundestag für
einen weiteren Höcke-Mann (Robert Teske). So schreibt Lucassen dann auch:
Was ihn am meisten störe, sei die „Schmähung unseres Staates“. Er beendet
seine Abrechnung mit den Worten: „Deutschland ist nicht mehr das Land von
1850. Wer an solchen romantischen Bildern hängt, wird politisch scheitern.“
Politisch gescheitert hingegen ist mit seinem Rücktritt nun zunächst
Lucassen. Höckes Leute im Bundestag hingegen haben bewiesen, dass dessen
Macht in der Fraktion in dieser Legislaturperiode deutlich stärker ist.
## Lucassens Nachfolger ist stromlinienförmig und russlandnah
Lucassens Nachfolger ist Jan Nolte aus dem Landesvorstand Hessen, ebenfalls
Soldat. Er teilte am Dienstag mit, dass er einstimmig bei einer Enthaltung
gewählt wurde, dankte gleichzeitig aber Lucassen für seine Dienste – auch
wenn er „einige der Kritikpunkte“ teile.
Den östlichen Landesverbänden und dem Höcke-Lager dürfte Nolte deutlich
besser passen: Zwar gilt auch er als Befürworter der Nato, aber auch als
deutlich stromlinienförmiger als Lucassen. Großen Widerspruch gegen
Putin-Propaganda wird es von ihm nicht geben: Er ist verheiratet [3][mit
einer Moderatorin, die unter anderem für russlandhörige Medien wie das
Compact-Magazin] sowie [4][Auf1 tätig war]. Nolte selbst bekennt sich zum
russisch-orthodoxem Glauben. Sein Schwiegervater ist
[5][russisch-orthodoxer Priester].
In seinem Bundestagsbüro beschäftigte Nolte zeitweise den damals unter
Terrorverdacht stehenden Maximilian T. Dessen Kamerad Franco A. war 2022
wegen der Planung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, unerlaubten
Besitzes von Waffen und Kriegswaffen, Munition und Explosionsmitteln sowie
[6][Betrugs] zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden.
15 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-Volksverrat-Vorwurf/!5929243
(DIR) [2] /Hoecke-will-nicht-fuer-BRD-kaempfen/!6136447
(DIR) [3] /Verhaeltnis-der-AfD-zu-den-Medien/!5495583
(DIR) [4] /Radikal-rechter-Sender-Auf1/!5987759
(DIR) [5] https://www.belltower.news/russischer-einfluss-fliessen-verborgene-geldstroeme-in-rechtsaussen-strukturen-133611/
(DIR) [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Betrug_(Deutschland)
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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