# taz.de -- Berliner Kinder- und Jugendtheater: Mit der DDR am Tisch
> Plötzlich sitzt man im geteilten Deutschland: Mit der Inszenierung
> „Splitter“ macht das Theater Strahl DDR-Geschichte für junges Publikum
> greifbar.
(IMG) Bild: Was-wäre-wenn-Gedankenspiele im Stück „Splitter“
„Jetzt mal Real Talk: Ich geh’ nicht auf die Bühne“, raunt es aus den
hinteren Reihen, während sich der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Die
Bühne, das sind ansteigende Podeste und leere Stühle, wie ein Spiegel des
Zuschauerraums, in den man von gegenüber blickt. Eine stumme Aufforderung.
Zögerlich nehmen Vereinzelte dann doch auf der Bühne Platz, umspielt von
den drei Schauspieler:innen des Abends, die umtriebig bunte
Plastikbecher verteilen.
In einer ehemaligen Turnhalle am Ostkreuz hat das Theater Strahl, eine der
Kiezbühnen für junges Publikum, seit nunmehr drei Jahren seine Spielstätte.
Die angrenzende Jugendherberge sei zu DDR-Zeiten eine Ostberliner Schule
gewesen, in der Russisch unterrichtet wurde und rote Pionierfähnchen
geschwungen wurden, erfährt man im Stück von Schauspielerin Yasmina Hempel.
Was hat das mit einer jungen Generation zu tun, in deren Wahrnehmung die
DDR nicht mehr und nicht weniger ist als ein Land, das es nicht mehr gibt?
Zwischen komödiantischem Musiktheater und dokumentarischer Spurensuche
zerlegt Regisseurin Anna Vera Kelle in „Splitter“ die deutsch-deutsche
Vergangenheit in ihre Bestandteile. In wechselnden Rollen werden
Erinnerungen, Zeitzeugnisse und letztlich auch das Publikum neu
zusammengesetzt. Etwas befremdet sitzt man sich in der Inszenierung
gegenüber und beäugt, was die „da drüben“, jenseits einer Mauer aus
aufgetürmten Tischen, so machen. Zum Beispiel besagte rote Pionierfähnchen
durch die Luft wedeln, die ihnen die Schauspieler:innen Jana Heilmann,
Yasmina Hempel und Marcus Thomas beschwingt in die Hand drücken: „Und, wärt
ihr zu den Pionieren gegangen?“
## Was wäre, wenn
Das Leben in der DDR, so will es die Inszenierung vermitteln, war mehr als
Unterdrückung. Also [1][wird Nina Hagen gesungen] und Klarinette gespielt,
der duftende Pflaumenkuchen und die Beschaulichkeit eines Landes gelobt,
das nur sich selbst hatte. Was auf den ersten Blick klischeehaft, ja fast
verklärend heiter wirkt, zeigt sich dann doch überraschend vielschichtig:
Denn moralische Entscheidungen überlässt die Inszenierung dem Publikum.
Durch Was-wäre-wenn-Gedankenspiele und Szenen, in denen man plötzlich
selbst zur Protagonistin wird, vermittelt der Abend ein feinsinniges Gespür
dafür, was es bedeutet, in einem autoritären Regime zu leben. Etwa, wenn
gefragt wird: „Würdest du deine große Liebe besuchen, wenn eine Mauer euch
trennt?“ Wer zustimmt, soll aufstehen. Immer drängender wird das Spiel, bis
es sich erschreckend real anfühlt: „Würdest du für die große Liebe dein
Leben riskieren?“ Am Ende steht niemand mehr. Was bleibt, ist das
Unbehagen.
17 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ella Rendtorff
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