# taz.de -- Theater hinter Gittern: Vorgeschmack auf die Freiheit
> In der JVA Wiesbaden spielen junge Gefangene auf einer eigenen Bühne.
> Dabei fühlen sie sich schon ein bisschen so, als ob sie draußen wären.
(IMG) Bild: Wir gegen die: das ist die Anordnung in dem Theaterstück, das sie in der JVA Wiesbaden spielen
Am Ende gibt es tosenden Applaus. „Bravo!“, rufen einige und trampeln mit
ihren Füßen auf den Boden. Mehrmals kommen die neun Darsteller und zwei
Techniker auf die Bühne und verbeugen sich. Obwohl es nicht ihre erste
Vorführung ist, haben einige ein erleichtertes, andere ein stolzes Lächeln
auf den Lippen.
Nachdem der Applaus verebbt ist, sind die Zuschauer zu einem
Publikumsgespräch eingeladen. Weiße Stehtische werden hereingetragen, an
denen aber kaum jemand stehen bleibt. Zu groß scheint die Scheu, mit den
Darstellern ins Gespräch zu kommen. Denn es sind keine gewöhnlichen
Darsteller und das Theater ist kein gewöhnliches Theater.
Etwa 80 Menschen sind an diesem Abend in die [1][Jugendvollzugsanstalt]
Wiesbaden gekommen, um jungen Gefangenen auf der Bühne zuzuschauen. Seit
2008 können die 20- bis 24-Jährigen hier Theater spielen, seit 2013 gibt es
eine feste Studiobühne in dem Gefängnis – die erste und einzige in
Deutschland. Eine Produktion wird hier pro Jahr eingeübt und aufgeführt.
Inzwischen hat die Bühne ihr Publikum gefunden: Die zehn Aufführungen sind
innerhalb von wenigen Tagen ausgebucht.
Zwei Stunden vor dem letzten Applaus sind die jungen Männer schon bei der
Bühne. Sie sind aufgekratzt, manche stehen auf dem von Gittern umgebenen
Vorsprung, rauchen und hören Rap-Musik. Sie waren schon in der Maske, ihre
Gesichter sind schwarz und weiß angemalt, einer hat Schriftzüge im Gesicht.
Trotz der Gitter um sie herum, trotz des Stacheldrahts auf den dahinter
liegenden Mauern, sagt J., einer der Schauspieler: „Durch das Theater fühle
ich mich frei.“ Um die Gefangenen zu schützen und ihnen ein Leben nach dem
Gefängnis zu erleichtern, sind ihre Namen anonymisiert.
J. macht bereits das zweite Mal bei einer Theaterproduktion mit. Wie lang
er noch im [2][Gefängnis] bleiben muss, ob er also noch mal mitmachen
könnte, das will er nicht erzählen. In jedem Fall genießt der 23-Jährige
die Zeit außerhalb der Zelle und mit den anderen Gefangenen. J. macht im
Gefängnis außerdem eine Ausbildung zum Koch. Schauspieler will er später
nicht werden, vielleicht will er es als Hobby weiterverfolgen.
## Künstlerischer Ansatz
Für die wenigsten Gefangenen steht das Künstlerische im Mittelpunkt, doch
das ist bei Matze Vogel anders. Der Regisseur ist eigentlich gelernter
Schauspieler, lange Zeit arbeitete er fest im Ensemble am Staatstheater
Wiesbaden. Er verfolgt mit den Stücken keinen pädagogischen Ansatz, sondern
einen künstlerischen. „Zusammen mit Menschen, die keine Berührungspunkte
mit Theater hatten, ein Stück zu entwickeln, kann zu etwas Besonderem
werden“, sagt er.
In diesem Jahr hat Vogel sich für das Stück „DNA“ von Dennis Kelly
entschieden. Als das Stück beginnt, ist es stockdunkel auf der Bühne. Für
die Zuschauenden sind nur die Stimmen der Schauspieler zu hören. „Macht er
das?“, „Er macht’s“, „Ins Gesicht“, „Der Vollidiot“. Immer wieder. „Macht
er das?“, „Er macht’s“, „Ins Gesicht“, „Der Vollidiot“. Dann ein Knall.
Adam, der von seinen Mitschülern gemobbt wurde, ist in einen Schacht
gefallen. Was als Mutprobe begann, endet mit einem mutmaßlichen Tod. Und
der Frage der Clique, wie sie die Spuren ihrer Tat am besten verwischt. Als
der Scheinwerfer die Bühne beleuchtet, sind dort überlebensgroße, stehende
und liegende Dominosteine zu sehen. Sie symbolisieren die Verkettung der
Ereignisse, die über das weitere Schicksal der Jugendlichen bestimmen.
Das Stück des britischen Autors Dennis Kelly wurde 2007 am Londoner Royal
National Theatre uraufgeführt und ist mittlerweile ein Klassiker des
Jugendtheaters. Kelly zeigt darin Gruppendynamiken unter Jugendlichen auf,
in denen Gewalt entstehen kann. Das Stück stellt beklemmende Fragen an das
Gewissen der Täter, ohne Schuldzuweisungen vorzunehmen.
„Wir sind im Arsch. Was ist, wenn wir ins Gefängnis kommen?“ Immer wieder
stellt E. im Stück die verzweifelte Frage, die an einem Ort wie diesem
seltsam makaber anmutet.
Auch für E. sei das Theaterspielen ein Stück Freiheit, erzählt er bei einer
Zigarette vor der Aufführung. Und die Freiheit versucht er sich auch sonst
zu nehmen, wo es möglich ist. Er mache viel Sport und seit einigen Monaten
nehme er im Gefängnis Klavierunterricht. „Ich versuche alles mitzunehmen,
um es draußen besser zu machen“, sagt er. Das Theaterspielen zeige ihm, wie
er sich in andere hineinversetzen und dabei seine Emotionen verstehen
könne.
Gemeinsam etwas zu erreichen, mache ihm Spaß, sagt E., und genau das ist
einer der Gründe, aus denen das Theaterspielen hier angeboten wird: Es gilt
als Resozialisierungsmaßnahme. Michaela Wasemüller, Leiterin der JVA
Wiesbaden, sagt, durch das Theaterspielen könnten Jugendliche viele
Fähigkeiten erlernen, die sie auf ein Leben in sozialer Verantwortung
vorbereiten, wie sie es nennt. Auf ein Leben nach dem Gefängnis und ohne
Kriminalität, ein Leben als Teil der Gesellschaft.
Als Gruppe gemeinsam etwas zu erarbeiten und Konflikte konstruktiv
auszutragen, durchzuhalten, eigene Ängste zu überwinden und am Ende
Wertschätzung für das Erreichte zu bekommen: Das sind Erfahrungen, die das
Selbstbewusstsein der Jugendlichen stärken sollen. „Das ist gelebte
Präventionsarbeit“, sagt Wasemüller. Finanziert wird das Theater deshalb
auch vom hessischen Justizministerium.
Wer bei einem Projekt mitmachen will, muss sich erst mal bewerben – darauf
folgen Schauspiel- und Kennenlern-Workshops, bis sich ein Ensemble
herauskristallisiert. Knapp 20 solcher Bewerbungen gab es in diesem Jahr, 9
Personen wurden letztlich als Darsteller ausgewählt. Zusätzlich übernehmen
zwei Inhaftierte die Technik.
## Leichter zu managen
Für das kommende Stück will Regisseur Matze Vogel jedoch wieder mit weniger
Inhaftierten zusammenarbeiten, damit die Gruppe leichter zu managen ist.
Weshalb die jungen Männer inhaftiert sind, weiß Vogel nicht. Für ihn spielt
es auch keine Rolle. Klar ist: Die JVA Wiesbaden vollzieht
Jugendstrafrecht. Haftgründe sind Drogendelikte, aber auch Körperverletzung
oder Mord.
Dass die jungen Männer die Disziplin für das Theaterstück aufbringen, ist
nicht selbstverständlich. Einige von ihnen waren schon lange nicht mehr
regelmäßig in der Schule, jetzt müssen sie Text auswendig lernen und
verlässlich zu den Proben erscheinen. Anfangs finden diese zwei Mal die
Woche statt, später täglich. Doch nicht immer gelingt es, dass alle
dabeibleiben. In diesem Jahr ist Vogel selbst spontan eingesprungen,
nachdem einer der Schauspieler wegen eines nicht näher ausgeführten
Vorfalls nicht mehr mitmachen konnte.
Von mindestens einem ehemaligen Häftling weiß Nathalie Meyer, dass er heute
als professioneller Schauspieler arbeitet. Vor der Aufführung steht die
Kostümbildnerin in dem kleinen Raum hinter der Bühne, wo sie die
Inhaftierten schminkt und mit letzten Handgriffen die Kostüme richtet.
Beleuchtete Spiegel hängen über einem niedrigen Schminktisch, in den
Regalen an der Wand stapeln sich Schuhe, Nähzeug und Stoffe. Die
Einrichtung ist, ebenso wie die Bühne und der Zuschauerraum, in Schwarz
gehalten.
Nathalie Meyer arbeitet bereits seit zehn Jahren für das Projekt und ist
damit die Dienstälteste. „Es ist mein absolutes Herzensprojekt, ich habe
schon andere Aufträge dafür abgesagt“, sagt sie. Und das, obwohl die Arbeit
mit einigen Hindernissen verbunden ist: Jede Schraube, jede Nadel, jede
Schere für das Bühnenbild oder die Kostüme muss sie genehmigen lassen.
Absolut alles, was sie ins Gefängnis bringt, muss am Ende auch wieder
rauskommen. So wollen es die Sicherheitsbestimmungen.
Meyer versucht deshalb, mit möglichst wenig Equipment auszukommen. Trotzdem
will sie nicht nur den Darstellern ein Mitspracherecht bei Kostümen und
Bühne geben, sondern bindet auch die Schreiner, Schlosser und Maler aus der
JVA in die Gestaltung mit ein. Und doch ist auch ihr größter Anspruch: „Wir
wollen einfach Kunst machen.“
B. übernimmt dabei in diesem Jahr bereits das zweite Mal die Technik. Bei
der Aufführung ist er für das Licht und die Musik verantwortlich, hat
teilweise Stücke selbst komponiert. Bevor er ins Gefängnis kam, hat er
selbst elektronische Musik gemacht. In der Haft macht er eine Ausbildung
zum Schreiner, um später Messebauer zu werden, erzählt er nach der
Vorstellung. Er übernehme gern Verantwortung, wolle aber lieber im
Hintergrund bleiben. „Trotzdem ist es schön, die Gruppe um sich zu haben.“
Wenige Minuten vor der Vorstellung testet B. noch einmal alles: den lauten
Paukenschlag, der die Szenenwechsel markiert, die dramatische Geigenmusik,
das Licht. Dann stellt er sich zu den anderen Männern auf die Bühne. Bevor
es losgeht, haben sie ein Ritual: Die 11 jungen Männer stehen im Kreis, die
Köpfe zusammengesteckt, die Arme auf den Schultern des Nachbarn. Ein kurzer
Moment des Innehaltens, dann rufen sie „Ninjamotherfucker“ und werfen dabei
die Arme in die Luft. Schnell laufen sie hinter die Bühne, bevor die ersten
Zuschauer den Raum betreten.
2 Apr 2026
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