# taz.de -- Widerrufene Zusagen für Afghan:innen: Abgelehnt und ausgeliefert
> Deutschland wollte Demokrat:innen vor den Taliban schützen – und ließ
> sie hängen. Ein Ex-Richter und seine Familie müssen um ihr Leben
> fürchten.
(IMG) Bild: Abschiebe-Minister: Alexander Dobrindt (CSU)
Bevor Mohammad Anwar Hashimi leise über den schlimmsten Tag seines Lebens
spricht, hebt er im Videocall sein Hemd und zeigt die Narben an Bauch und
Bein. Er und seine Kollegen waren im November 2019 in einen Hinterhalt der
Taliban geraten. Ein Kollege starb, Hashimi überlebte schwer verletzt. Doch
es ist nicht der Angriff, der ihn nachts wach hält. Es ist der Anruf seiner
ältesten Tochter vor einigen Wochen.
Als sie anruft, sitzt Hashimi in seinem Zimmer in einem Safe House irgendwo
in Kabul. Seine Tochter ist 19 Jahre und ruft aus Pakistan an. „Papa, sie
sagen, wir wurden abgelehnt“, sagt sie unter Tränen. „Wir wurden alle
abgelehnt!“
Hashimi öffnet sein E-Mail-Postfach. Auch er hat sie erhalten: die
Nachricht der GIZ mit Betreff „Beendigung des Aufnahmeverfahrens“. Die GIZ,
also die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, ist im
Auftrag der Bundesregierung für die Koordinierung der Aufnahmeprogramme für
afghanische Staatsbürger:innen zuständig. In der E-Mail heißt es, dass
die Bundesregierung nach erneuter Prüfung entschieden habe, dass die
Grundlage für die Aufnahmezusage für Hashimi und seine Familie nicht länger
bestehe.
Wenige Monate zuvor war der siebenköpfigen Familie eine Aufnahme nach
Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes zugesichert worden. „In meinem Kopf
vermischten sich die Worte meiner verzweifelten Tochter und die Worte des
Taliban, der mir mit der Entführung meiner Familie gedroht hatte“, sagt
Hashimi. An jenem Abend habe er, sagt er, das erste Mal seit langem wieder
geweint.
Hashimi arbeitete bis zur Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 als
Richter in einer der gefährlichsten Regionen der Provinz Paktia im Süden
Afghanistans. Aus Paktia stammt auch Sirajuddin Haqqani, Anführer des
berüchtigten Haqqani-Netzwerks, eines Taliban-Zweigs, der heute großen
Einfluss im ganzen Land hat und zentrale Behörden wie das Innenministerium
kontrolliert.
Als Richter verhandelte Hashimi zahlreiche Fälle, darunter auch Mord- und
Scheidungsprozesse. Einer dieser Fälle wurde ihm schließlich zum
Verhängnis: Im Jahr 2019 sprach er einer Frau die Trennung von ihrem
gewalttätigen Ehemann zu. Nach Ideologie der Taliban und vieler islamischer
Gelehrter ist eine solche Entscheidung nicht zulässig.
## Aufnahmezusage nach vier Jahren Todesangst
Mit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 sah Hashimi sich gezwungen,
die Region zu verlassen. Der Druck der Taliban auf ihn wurde immer größer,
er fürchtete, verhaftet zu werden. Auch der inzwischen den Taliban
beigetretene Ex-Ehemann der Frau bedrohte Hashimi im März 2023 in einer
WhatsApp-Nachricht: „Wenn ich dich erwische, bist du erledigt – deine Frau
und deine Tochter nehme ich mir.“ Da, wo Hashimi gearbeitet hat, kommt es
vor, dass Menschen aus Rache getötet, Frauen und Töchter zwangsverheiratet
werden.
Nach vier Jahren auf der Flucht und in ständiger Todesangst erhalten
Hashimi und seine Familie im Frühjahr 2025 schließlich eine Aufnahmezusage
für Deutschland. Es gelingt ihm, seine Familie nach Pakistan in Sicherheit
zu bringen. Bei der deutschen Botschaft in Islamabad reichen sie alle
erforderlichen Unterlagen ein. „Wir glaubten, der deutsche Staat würde uns
beschützen“, sagt Hashimi. Doch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch.
Am 3. September 2025 wird Hashimi in seiner Unterkunft in Islamabad
zusammen mit anderen Bewohner*innen von pakistanischen Polizisten
festgenommen. Kurz darauf wird er nach Afghanistan abgeschoben. Als er
seine Familie schließlich telefonisch erreicht, sagt eine seiner Töchter
etwas, das ihn bis heute berührt: „Papa! Ich gebe der Polizei meine Puppe,
damit sie dich wieder freilassen!“
2021 übernahmen die radikal-islamistischen Taliban die Macht in
Afghanistan. Zehntausende Menschen, die für die Bundeswehr gearbeitet oder
sich für Menschenrechte engagiert hatten, mussten fürchten, verfolgt zu
werden. Die damalige Bundesregierung versprach, gefährdete Personen
aufzunehmen. Bislang kamen nach Angaben des Auswärtigen Amtes 36.000
Afghan:innen nach Deutschland, die meisten von ihnen direkt nach der
Machtergreifung der Taliban. Doch die seit Mai 2025 amtierende
Bundesregierung beendete die Aufnahmeprogramme. Rund 2.300 Menschen mit
einer Aufnahmezusage aus Deutschland warteten damals noch auf ihr Visum.
Knapp 1000 von ihnen sind inzwischen in Deutschland, viele davon nur, weil
sie erfolgreich auf die Einhaltung des Aufnahmeversprechens geklagt hatten.
## Bundesverwaltungsgericht als letzte Chance
Auch Hashimi hatte geklagt. Er hatte im Frühjahr 2025 über die sogenannte
Menschenrechtsliste eine Zusage erhalten, doch seit einigen Monaten ist
klar: Für Personen aus der afghanischen Zivilgesellschaft, wie ehemalige
Richter und Staatsanwälte, Journalist*innen oder
Frauenrechtsaktivist*innen, soll es keine Einreiseerlaubnisse mehr geben.
640 betroffene Personen sollen es sein. Gerichte kamen in diesen Fällen zu
dem Schluss, dass die Zusage nicht zwingend rechtsverbindlich sei und die
Aufnahme im politischen Ermessen der Verantwortlichen läge.
Das Verwaltungsgericht Berlin entschied im Januar, dass die Bundesregierung
die Visumanträge von Hashimi und seiner Familie erneut prüfen und dabei die
Rechtsauffassung des Gerichts berücksichtigen soll. Vor dem
Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg unterlag er jedoch. Seine letzte
Chance ist nun das Bundesverwaltungsgericht. Viel Hoffnung habe er nicht,
sagt Hashimi.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte nach einer ähnlich
lautenden Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts entschieden, dass
„kein politisches Interesse zur Aufnahme“ mehr bestehe. Betroffenen
Antragsteller:innen bot man Geld als Entschädigung an.
Hashimi erinnert sich an den Moment, als eine seiner Töchter ihn fragte:
„Papa, was heißt ‚politisches Interesse‘?“ Er sagt, er habe seine Tränen
heruntergeschluckt und ihr gesagt: „Geh spielen, mein Kind.“ Es sei eine
grausame Formel, sagt Hashimi. Eine Formel, die über Leben und Tod
entscheide.
Die Schutzunterkunft, in der Hashimi untergebracht wurde, ist seit Januar
unter Kontrolle der Taliban. Hashimis sagt, seitdem seien mehrere queere
Personen, die dort gelebt hatten, verschwunden. Über ihren Verbleib wisse
er nichts.
Inzwischen musste Hashimi auch das Safe House in Kabul verlassen. Er sagt,
dass ihm seine Gespräche mit Journalist*innen über seine Abschiebung
und die Bedingungen in der Unterkunft zum Verhängnis geworden seien.
Derzeit verstecke er sich bei Verwandten. Seine Frau und die Kinder warten
in Pakistan weiterhin auf ihre Abschiebung nach Afghanistan. Das
finanzielle Unterstützungsangebot, das ihm und seiner Familie zuvor gemacht
worden war, gilt nicht mehr. Am 31. März verstrich auch für andere
Afghan*innen mit Aufnahmezusage diese Frist.
„Die Geschichte wird das nicht vergessen“, sagt Hashimi. „Deutschland hat
uns aus unseren Verstecken geholt, uns sichtbar gemacht und uns dann mit
vollem Wissen denen ausgeliefert, die unser Blut wollen.“
Auf die Frage nach dem schlimmsten vorstellbaren Szenario schweigt er
lange. Schließlich sagt er: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten – entweder wir
werden vor den Augen unserer Kinder von den Taliban hingerichtet oder wir
versuchen, über die Berge und das Meer illegal an einen sicheren Ort zu
gelangen.“
2 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Khadem Azad
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