# taz.de -- Sparpläne für das Gesundheitssystem: Was steckt hinter der „einnahmen-orientierten Ausgabenpolitik“?
> Wer das Sparpaket für das Gesundheitswesen verstehen will, kommt an der
> „einnahmenorientierten Ausgabenpolitik“ nicht vorbei. Doch die Maßnahme
> hat ihre Tücken.
(IMG) Bild: Nicht nur diese beiden mit ihren Knopfaugen gucken besorgt auf die Lage der Krankenhäuser
Es muss gespart werden im Gesundheitswesen, damit die Beiträge der
gesetzlich Versicherten nicht weitersteigen. Das Sparpaket von
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) liegt auf dem Tisch und soll
in der letzten Aprilwoche im Kabinett beschlossen werden. Die grundlegende
Maßnahme darin ist die sogenannte einnahmenorientierte Ausgabenpolitik.
[1][Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner] bezeichnet sie als „die Melodie der
Reform“. Aber was genau verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff, und wie
wirksam ist die Maßnahme?
Die Einnahmen der Krankenkassen bestehen im Wesentlichen aus den Beiträgen
der Versicherten und ihrer Arbeitgeber. 2025 sind diese Einnahmen um 5,3
Prozent gestiegen, unter anderem weil die Löhne und Gehälter der
Versicherten (die sogenannte Grundlohnsumme) entsprechend zunahmen. Was die
Krankenkassen ausgeben – unter anderem für Krankenhausbehandlungen,
Arzneimittel, ärztliche Behandlungen –, nahm im selben Zeitraum um 7,8
Prozent zu. Auch, weil Ärzt*innen, Krankenhausträger und
Arzneimittelhersteller höhere Vergütungen und Preise aushandelten.
Hier liegt eines der Kernprobleme des Gesundheitswesens: Die Ausgaben
steigen stärker als die Einkommen der Versicherten – und damit die
Versicherungsbeiträge. Die Kassen leben quasi über ihren Verhältnissen.
Deshalb soll die Vergütung der Krankenhäuser, niedergelassenen Ärzt*innen,
Psychotherapeut*innen, Arznei- und Hilfsmittelhersteller – also aller
Leistungserbringer im Gesundheitswesen – gleichermaßen begrenzt werden.
Verbindliche Obergrenze ist dann die Einkommensentwicklung der
Versicherten, selbst wenn die tatsächlichen Kosten im jeweiligen Bereich
stärker gestiegen sind. Wenn beispielsweise die Löhne und Gehälter der
Versicherten um 4 Prozent steigen, dann darf sich auch die jährlich
verhandelte Vergütung für Krankenhausbehandlungen, Ärzt*innen oder
Arzneimittel nur um 4 Prozent erhöhen. In den Jahren 2027 bis 2029 soll für
diese Deckelung noch ein zusätzlicher Abschlag von 1 Prozent gelten.
## Es gibt Gründe für ein Abweichen von der einnahmenorientierten
Ausgabenpolitik
Im Grunde ist das wie bei einem Privathaushalt: Zum Jahresanfang gibt es
vielleicht eine Gehaltssteigerung von 3 Prozent. Wenn dann im Verlauf des
Jahres nicht nur die Energiekosten gestiegen sind, sondern auch die Butter
teurer wird, muss im Zweifel Margarine gekauft oder woanders gespart
werden. Im nächsten Jahr werden die höheren Preise dann hoffentlich mit
einer Gehaltssteigerung ausgeglichen.
So müssen die meisten Menschen haushalten, und es klingt fair und
nachvollziehbar, wenn diese Deckelung auch für das Gesundheitswesen, in dem
ja ohnehin überwiegend gut verdient wird, gelten soll. Dieses Prinzip der
einnahmenorientierten Ausgabenpolitik ist simpel, und es wurde auch nicht
erst jetzt erdacht. Es gehört zur Grundverfassung der Finanzierung des
deutschen Gesundheitswesens und ist im Sozialgesetzbuch verankert. Aber in
den vergangenen Jahren wurde es für nahezu jeden Leistungsbereich des
Gesundheitswesens aufgeweicht.
Ein prominentes Beispiel ist das Pflegebudget: Es war gesellschaftlich
erwünscht, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden und Krankenhäuser mehr
Pflegekräfte einstellen, nachdem ein Abbau in diesem Bereich zu
schlechterer Versorgung geführt hatte. Also wurde seit 2020 die Bezahlung
der Pflegekräfte aus den Fallpauschalen – also dem Geld, das die
Krankenhäuser für die jeweiligen Behandlungen bekommen und mit dem sie
lange den gesamten Krankenhausbetrieb finanzieren mussten – herausgelöst,
und die Kostensteigerungen wurden in dem Bereich vollständig von den
Krankenkassen bezahlt. Mit gewissem Erfolg: Zwar besteht noch immer
vielerorts Personalmangel, aber es sind wieder mehr Pflegekräfte in den
Krankenhäusern beschäftigt, und sie werden besser bezahlt.
Es gab also Gründe für ein Abweichen von der einnahmenorientierten
Ausgabenpolitik in einzelnen Bereichen. Regelmäßig sorgt aber auch die
Verhandlungsmacht der starken Lobbygruppen im Gesundheitswesen für
überproportionale Vergütungsanstiege: bei Herstellern patentgeschützter
Arzneimittel, aber auch bei mächtigen Klinikvertretern.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzlage der Krankenkassen ist eine
konsequente Rückkehr zur einnahmenorientierten Ausgabenpolitik angebracht,
das sagt die Finanzkommission Gesundheit, die [2][die Grundlagen für das
Sparpaket erarbeitet] hat. Das sagen die Krankenkassen. Und das sagt jetzt
auch Gesundheitsministerin Nina Warken.
Sie will damit bereits im kommenden Jahr 4,9 Milliarden Euro sparen, bis
zum Jahr 2030 sollen es 21 Milliarden Euro sein. Es ist nicht nur der
grundlegendste, sondern auch der größte Batzen im Sparpaket, und er wird
sehr wahrscheinlich umgesetzt. Am Mittwoch will Warken [3][das Sparpaket im
Kabinett beschließen], bei den nächsten Vergütungsverhandlungen im Herbst
soll die Deckelung schon greifen.
Die Rückkehr zur einnahmenorientierten Ausgabenpolitik passiert allerdings
in einer schwierigen Situation. 75 Prozent der Krankenhäuser schreiben laut
Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) rote Zahlen. Das betreffe fast 90
Prozent der öffentlichen und fast 70 Prozent der freigemeinnützigen
Kliniken mit Trägern wie Kirchen und Wohlfahrtsverbänden. Die privaten
Träger, die sich teils auf profitablere Leistungen spezialisiert haben,
erwirtschafteten dagegen noch zu über 80 Prozent Profite.
Die große Krankenhausreform, 2024 noch unter dem damaligen
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) verabschiedet, soll die
Kliniklandschaft durch eine veränderte Vergütungssystematik neu ordnen und
stabilisieren. In weniger Kliniken als bisher sollen vor allem aufwendigere
Behandlungen konzentriert werden. Zugleich soll eine mengenunabhängige
Finanzierung über sogenannte Vorhaltepauschalen die Versorgung in dünn
besiedelten Regionen sichern. So sollen jene Krankenhäuser erhalten und
gestärkt werden, die für eine gute Versorgung notwendig sind.
## Vielen Krankenhäusern fehlt der Spielraum für Sparmaßnahmen
Kurz vor der Präsentation der Sparpläne hat Warken allerdings die
Krankenhausreform [4][mit einem Anpassungsgesetz abgeschwächt]. Durch
Fristverlängerungen und Ausweitung der Ausnahmen wird die Wirkung nach
hinten verschoben – ohne dass sich die finanzielle Situation vieler
Kliniken substanziell verändert hätte. Experten rechnen nun erst 2030 mit
deutlichen Effekten der Krankenhausreform.
Vor diesem Hintergrund fehlt vor allem kommunalen und freigemeinnützigen
Krankenhäusern der Spielraum für Sparmaßnahmen. Viele von ihnen, so der
Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen (Grüne), konnten nur dank der
bisherigen jährlichen Vergütungsanstiege überleben. Wenn die nun geringer
ausfallen und tatsächliche Kosten nicht mehr komplett abdecken, könnte das
schon 2027 für Krankenhäuser lebensbedrohlich werden. Um noch einmal das
Beispiel des Privathaushalts und der Butter zu bemühen: Wenn für einen
einkommensschwachen Haushalt schon jetzt nur Margarine bezahlbar ist, dann
bleibt bei weiteren Preissteigerungen keine Ausweichmöglichkeit mehr. Das
Warten auf den Gehaltsanstieg im nächsten Jahr kann dann nicht mehr
überbrückt werden.
Ein kaltes, also unkontrolliertes Krankenhaussterben prophezeite in dieser
Woche DKG-Vorstandschef Gerald Gaß. Das Poltern gegen Sparmaßnahmen ist
sein Job, aber er ist damit nicht allein. Vor allem freigemeinnützige
Kliniken wie die der Caritas, deren Defizite nicht von Kommunen übernommen
werden, sehen sich gefährdet. „2027 wird für die Krankenhäuser brutal
hart“, sagt auch Gesundheitspolitiker Dahmen. Er ist [5][eigentlich ein
Befürworter der einnahmenorientierten Ausgabenpolitik], aber damit sie
strauchelnde Kliniken nicht unverhältnismäßig trifft, hätte man die
Krankenhausreform nicht verschieben, sondern vorziehen müssen.
Im vergangenen Sommer hatte die Gesundheitsministerin den Kliniken mit
einem [6][4-Milliarden-Euro-Paket unter die Arme gegriffen] – allen
Kliniken. Wenn das Sparpaket jetzt dazu führe, dass wieder
Klinikrettungsgelder mit der Gießkanne verteilt würden, sagt Dahmen, sei
das nicht nur kurzsichtig und sehr teuer, sondern auch weit weg von einer
gezielten Umgestaltung der Krankenhauslandschaft.
26 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Manuela Heim
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