# taz.de -- Selbstversuch Joggen: Laufen lernen
       
       > Wie man aus dem einfachen Wunsch, mal wieder zu joggen, eine alberne
       > Wissenschaft machen kann.
       
 (IMG) Bild: Schuhe anziehen und losrennen? Wenn es doch bloß so einfach wäre!
       
       Einfach rausgehen und eine Runde laufen. Es kann doch nicht so schwer sein,
       mal für einen Augenblick mehr zu bewegen als nur den Daumen [1][beim
       Doomscrolling auf der Couch]. Ist ja auch viel schöner draußen, mit der
       Frischluft, den Vögeln, dem Frühling und so.
       
       Der Entschluss ist also gefasst, die Laufroute durch den Park steht, die
       Playlist auch, nur die Schuhe … die sind da, wo ich sie zuletzt anhatte,
       bei meinen Eltern auf dem Land. Wann war das, vor zehn Kilo Hüftspeck
       vielleicht?
       
       Gut, die waren ohnehin alt und ausgelatscht. Ich begebe mich also ins
       Internet, um mir neue, meinen Ansprüchen angemessene Laufschuhe zu
       bestellen – und stürze für Stunden, ja Tage in ein [2][bodenloses
       Rabbithole] der Laufexpertise. Schnell beschleicht mich das Gefühl, mein
       Leben lang nicht gelaufen, sondern bestenfalls gefallen zu sein.
       
       Sportmagazine und Influencer, Krankenversicherungen und Sportgeschäfte
       wissen allesamt alles über das richtige Lauftraining durch den richtigen
       Laufstil in dem perfekten Laufschuh. Einig sind sie sich dabei in keinem
       Punkt, außer einem: Die perfekten Schuhe müssen gar nicht mal teuer sein,
       aber schon auch nicht ganz billig, und besser wäre, gleich zwei Paar zu
       besitzen, die man regelmäßig wechselt und sofort durch neue ersetzt, sobald
       die Sohlen runtergelaufen sind.
       
       ## Biomechanik des eigenen Fußes
       
       Welcher Schuh tatsächlich passt, liegt natürlich an der Form, oder, cooler
       gesagt, Biomechanik des eigenen Fußes. Kann man doch neben einer neutralen
       Form auch einen Senk-Spreizfuß aka Plattfuß haben, mit Überpronation, wie
       jeder fünfte Mensch.
       
       Oder aber, was immerhin noch ein Zehntel betrifft, einen Hohlfuß mit
       entsprechender Supination. Auf deutsch: Mal knickt der Fuß beim Abrollen
       nach innen, mal nach außen. Das muss der Schuh schon vorher wissen.
       
       Das Abrollen entscheidet nämlich darüber, wie viel Halt benötigt wird. Für
       die Plattfüße sollte es lieber ein stabiler Stabilitätsschuh oder gar ein
       noch stabilerer Motion-Control-Schuh sein, für die Hohlfüße genau nicht,
       sondern ein besonders flexibles Modell. Dann kommt es auf das Trainingsziel
       an. Schuhe für den entspannten Dauerlauf haben eine stärkere Dämpfung, die
       für Bestzeiten im Wettkampf sind leichter. Zusätzlich – ich hoffe, Sie
       können noch folgen – muss man natürlich wissen, wie gut trainiert man ist
       und wie stark das eigene Körpergewicht die Gelenke staucht.
       
       Und nachdem entschieden ist, was die Sohle für den Fuß tun muss, kann man
       sich noch überlegen, auf welchen Untergrund sie denn angepasst sein soll:
       für harten Asphalt, weichen Waldboden oder unebenes Gelände gibt es mehr
       oder weniger Grip unter dem Schuh aus mehr oder weniger wasserabweisendem
       Material.
       
       Dämpfung der Sohle
       
       Die Dämpfung der Sohle hat übrigens, Achtung, hier blamieren sich selbst
       Fortgeschrittene!, noch gar nix mit der alles entscheidenden Sprengung der
       Sohle zu tun. Diese bezeichnet den Höhenunterschied zwischen dem vorderen
       und dem hinteren Teil des Fußes und muss an den Laufstil angepasst werden.
       Spätestens hier stellt sich die Frage: Wo berührt der Fuß den Boden zuerst?
       
       Fersenläufer kommen mit der Ferse auf und belasten ihre Knie zu sehr,
       Vorfußläufer kommen mit dem Vorfuß auf und schädigen die Achillessehnen.
       Wer eine Verletzung vermeiden will, muss die Sprengung anpassen. Aber was
       heißt das jetzt für mich? Vier oder neun Millimeter? Und wo überhaupt?
       
       Um das alles herauszufinden, kann man sich zum Beispiel beim Laufen von
       hinten und von den Seiten filmen. In Zeitlupe abgespielt verrät das Video
       dann vielleicht schon etwas darüber, ob und wie die Füße einknicken. Man
       kann seine Füße auch mit Farbe bepinseln und sich anschauen, wie platt der
       Abdruck auf dem Boden aussieht. Besser ist eine Analyse im Fachhandel. Dort
       kann man seine Füße scannen und ein Fußprofil erstellen lassen. Aus der
       individuellen Länge, Breite und Form des Fußes wird dann bestimmt, welcher
       Schuh am besten passt.
       
       Oder aber man unterzieht sich einer Laufstilanalyse. Wie bei Leonie Krahl
       und ihrem Team im BeMoveD, der Bewegungsdiagnostik der Berliner Charité.
       Jeden Monat kommen um die 100 Menschen in ihr Lauflabor und zahlen, je nach
       Krankenversicherung, 250 bis 500 Euro, oder gar nichts, wenn sie Teil eines
       bestimmten Gesundheitsprogramms sind.
       
       ## Gerede über Schuhe
       
       Krahl hält nicht viel von dem Gerede über Schuhe. Die Sportwissenschaft
       habe lang genug Fußabdrücke anhand des ersten Bodenkontakts beurteilt, sagt
       die Physiotherapeutin. Doch weder Barfußschuhe noch die schnell
       verschleißenden Carbonsohlen würden Anfänger zu Profis machen.
       
       Zum Laufen gehörten eben mehr als nur zwei Füße und deren guter Sitz im
       richtigen Schuh. Viel wichtiger sei, wie sich das Bein im Verhältnis zum
       Körper bewegt, wie lang die Schritte sind, wie die Hüfte schwingt und so
       weiter.
       
       Von Infrarotkameras umgeben stehe ich also auf einem breiten Laufband und
       schaue in einen Wald auf einer Großbildleinwand. Zuvor hat mich Leonie
       Krahl mit 26 Reflektoren beklebt, ein paar an Hals, Hüften, Knien, ganz
       viele an den Schuhen – die wesentlichen Messpunkte für die Analyse.
       
       Nun sitzt sie an einem Rechner und nimmt auf, wie ich mich anstelle. Ich
       laufe, wie man läuft, wenn man dabei genau beobachtet wird, und bin
       zufrieden, dass ich immerhin nichts kaputtmache. Nach ein paar Minuten
       stoppt Krahl die Aufnahme und geht sie anschließend mit mir durch.
       
       ## Mehr Springen als Laufen
       
       Wir schauen auf Kurven und Linien, rot das linke Bein, grün das rechte. Die
       Wissenschaftlerin deutet auf Knotenpunkte und Gelenkwinkel und
       diagnostiziert: Das rechte Bein schwingt ein bisschen weit raus, die Fersen
       kommen oft zuerst auf, die Hüfte schwingt etwas durch, ich schlurfe ein
       wenig. Ist das schlimm? „Gar nicht“, sagt Leonie Krahl. Sofern ich keine
       Beschwerden habe, müsse ich auch nichts ändern.
       
       Kann ich aber! Dafür geht Krahl mit mir in einen Fitnessraum auf der
       anderen Seite des Gangs. Wir steigen Stufen, strecken Waden, kräftigen
       Hamstrings. Wenn ich effizienter laufen will, muss ich zweimal pro Woche
       meine Übungen machen.
       
       Und beim Laufen selbst: kürzere Schritte, Knie mehr anheben, schneller und
       stärker abstoßen. Weniger Bodenkontakt, leicht gebeugte Knie, Hüfte
       fixiert, Unterschenkel parallel zum Körperschwerpunkt. „Laufen ist
       eigentlich mehr Springen als Gehen“, sagt Leonie Krahl. Wusste ich doch,
       dass ich das mein Leben lang falsch verstanden habe!
       
       Das werde ich nun ändern. Sobald ich es geschafft habe, mich zu
       entscheiden, welche Schuhe ich mir dafür nun zulegen sollte.
       
       29 Apr 2026
       
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