# taz.de -- Verlosung in Schweden: Jedermanns Insel
       
       > In Schweden gibt es das Jedermannsrecht. Um es bekannter zu machen,
       > werden nun fünf Inseln „verlost“. Unsere Autorin hat sich eine
       > angeschaut.
       
 (IMG) Bild: Die Natur am großen Vänern gehört allen
       
       Der Vänern ist so riesig, dass er wirkt wie ein Meer. Dabei ist er ein See,
       der größte Schwedens, der größte der EU sogar, zehnmal so groß wie der
       Bodensee. Als ich auf ihn blicke, verschwimmen Wasser und Himmel am
       Horizont zu einem bläulichen Nichts.
       
       Schweden hat etwas mehr Fläche als Deutschland, aber nur knapp elf
       Millionen Einwohner. Natur ist hier Bestandteil von Alltag und Identität,
       und daher ist der freie Zugang zur ihr gesetzlich festgeschrieben.
       [1][Allemansrätten, Jedermannsrecht], nennen die Schweden das. Jeder und
       jede darf sich frei in der Natur bewegen, selbst auf privatem Grund. Das
       ist weltweit so ziemlich einmalig.
       
       Um dieses Jedermannsrecht noch ein wenig bekannter zu machen, hat der
       schwedische Tourismusverband im Februar zu einer Inselverlosung aufgerufen.
       Oder eher: Zur Adoption auf Zeit, denn offizieller Besitzer wird man nicht,
       lediglich Inselpate für ein Jahr. Dafür musste man ein Motivationsvideo
       einschicken, über 18 sein und kein Milliardär, die wurden „im Sinne eines
       demokratischen Luxus“ ausgenommen. Insgesamt fünf unbewohnte Inseln wurden
       so vergeben. Vier davon liegen in der Ostsee, die fünfte, Tjuvholmen, liegt
       am südlichen Rand des Vänern. Sie will ich heute besuchen.
       
       Die Einheimischen waren von der Verlosungsaktion überrascht: „Alle hier
       kennen das Jedermannsrecht“, sagt Evelina Pettersson, „für uns ist das
       nichts Besonderes“. Die junge Frau, die mich wie alle in Schweden sofort
       mit dem Vornamen anspricht und umgekehrt nichts anderes erwartet, lebt auf
       Kållandsö, der großen bewohnten Nachbarinsel von Tjuvholmen. Als Kind war
       der Wald Evelinas Spielplatz. Stundenlang hat sie dort Höhlen gebaut, Käfer
       und Beeren gesammelt. Heute arbeitet sie im Naturum, einer Mischung aus
       Besucherzentrum, Restaurant und Hotel direkt am Ufer des Vänern.
       
       Insgesamt gibt es 32 solcher Naturhäuser, verteilt über ganz Schweden,
       meist einem Schutzgebiet gewidmet. Rund um den Vänern liegen ein
       Biosphärenreservat, ein Unesco-Geopark und – mitten im See – der
       Djurö-Nationalpark, ein Mosaik aus Inseln und Schären. Mehr als genug für
       Jedermann? Nun, im Sommer werde es schon mal voll, meint Evelina. Die Wiese
       vor dem Naturum, auf der jetzt, Ende März, nur Enten watscheln, sei dann
       voller Badegäste. „Aber dann schaue ich einfach zum Horizont, und nach der
       Arbeit gehe ich in den Wald hinter meiner Wohnung, wo selbst im Sommer
       niemand ist.“
       
       Um mir Tjuvholmen von nahem anzuschauen, treffe ich Cecilia Störm. Auch sie
       ist auf Kållandsö aufgewachsen. Ihr Vater war hier Leuchtturmwärter in
       fünfter Generation. Cecilia hat eine Zeitlang auf dem Festland gearbeitet,
       doch die Natur hat ihr gefehlt, daher kehrte sie vor 15 Jahren heim. Heute
       organisiert sie mit ihrem Mann Kajaktouren. „Wenn ich über die Brücke nach
       Kållandsö fahre, verlangsamt sich mein Herzschlag. Das wollen wir den
       Leuten zeigen“, sagt sie.
       
       Als wir uns treffen, nieselt es, der Wind hat Cecilias Haare zu krausen
       Locken frisiert. Sie wuchtet [2][zwei prall gefüllte Ikea-Tüten aus dem
       Auto]. „Was sonst?“, fragt sie lachend. Im Schutz des Toilettenhäuschens
       packt sie aus: Dicke Socken, Neoprenschuhe, wasserdichte Handyhülle,
       Handschuhe und – das wichtigste – der Drysuit. Kein Neoprenanzug, wie ich
       dachte, sondern ein knallrotes voluminöses Ding. „Damit kannst du über Bord
       gehen, ohne nass zu werden“, erklärt Cecilia. Ich habe es später
       ausprobiert: Es funktioniert! Man schwimmt wie eine menschliche
       Luftmatratze.
       
       Um in den Anzug zu steigen, muss ich meinen Kopf durch den
       Wurstpellen-engen Gummikragen quetschen. Bevor man den Reißverschluss vorm
       Körper schließt, [3][muss man einmal „das Kötbullar machen]“, wie Cecilia
       es nennt: in die Hocke gehen, die Arme ranziehen und sich rund machen,
       damit die Luft rausgeht. Ich fühle mich wie eine Mischung aus Teletubby und
       Extrembergsteigerin, aber gut gewappnet für die rauen Bedingungen, die uns
       auf dem See erwarten.
       
       Kaum raus aus der Bucht, beginnen unsere Kajaks zu schaukeln. Der Wind
       verwandelt die Wasseroberfläche in eine rollende Hügellandschaft. An
       stürmischen Tagen können die Wellen mehrere Meter hoch sein, erzählt
       Cecilia. Der Wind treibt uns voran, und so dauert es keine halbe Stunde,
       bis wir das Ufer von Tjuvholmen erreichen. Für schwedische Verhältnisse ein
       Klacks. Viele machen mehrtägige oder -wöchige Touren, zum Beispiel einmal
       um den ganzen See.
       
       Als ich das höre, frage ich mich, ob ich das, was Cecilia nun auf dem Gras
       ausbreitet, verdient habe. Es ist Zeit für die fika, die schwedische
       Variante der Kaffeepause, die tief im sozialen Leben des Landes verwurzelt
       ist. Cecilia hat Thermoskannen mit Kaffee und Tee mitgebracht,
       Studentenfutter und prall gefüllte vaniljbullar, Hefeteilchen mit
       Vanillecreme. Ich beiße in die süße Wolke, lecke mir die Creme von den
       Fingern und dann die Kleckse, die auf meinen roten Anzug getropft sind.
       Cecilia lacht. „Draußen an der frischen Luft schmeckt alles besser.“
       
       Gefragt, woher die schwedische Naturliebe kommt, zuckt sie mit den
       Schultern. „Sie ist einfach Teil unseres Lebens.“ Das Recht auf Natur mag
       eine Selbstverständlichkeit sein – der Umgang mit ihr ist dennoch, oder
       gerade deshalb, von Respekt geprägt. „Nicht stören und nichts zerstören“,
       lautet ein wesentlicher Grundsatz des Jedermannsrechts. Es gibt genaue
       Regeln zum Feuermachen, Fischen, Übernachten. Zwei Nächte darf man sein
       Zelt aufschlagen. Selbst auf Privatgrund? Klar, sagt Cecilia. Lediglich die
       hemfridszon („Heimatfriedenszone“) gelte es zu beachten. Wie groß dieser
       respektvolle Abstand zu Privathäusern sein sollte, ist Ermessenssache.
       Faustregel: außer Sichtweite. „Man sollte jetzt nicht vor der Terrasse
       zelten.“
       
       Platz ist in Schweden kein Luxus, daher ist es einfacher, die Natur für
       alle zu öffnen. Andererseits: Auch in den USA gibt es weite Landschaften.
       Dort aber gilt das Betreten von Privatgrund als Hausfriedensbruch.
       Deutschland geht den Mittelweg. Das Betretungsrecht erlaubt das Gehen in
       Wiesen und Wald, zu Erholungszwecken auch auf Privatgelände. Einfach sein
       Zelt aufzuschlagen ist verboten.
       
       Nach der fika machen wir eine Erkundungstour über die Insel. Das geht
       schnell, sie ist vielleicht 100 Meter lang und 25 Meter breit. Vom
       südlichen Ende aus hat man einen tollen Blick auf das schneeweiße Schloss
       Läckö auf Kållandsö, das im 13. Jahrhundert als Bischofssitz erbaut wurde.
       Auf der Karte sieht Tjuvholmen aus wie ein ausgefranster Farbklecks. Ihren
       Namen bekam die Insel Ende des 19. Jahrhunderts. Damals lebten dort
       Menschen, die auf den umliegenden Höfen einfielen und Lebensmittel raubten.
       Heute hausen keine Diebe – tjuvar – mehr auf der Insel. Es gibt nur Pinien,
       Wacholderbüsche und Waldboden, der weich wie eine Turnmatte ist.
       
       Im Mai wird verkündet, wer für ein Jahr der Inselpate von Tjuvholmen sein
       darf. Zur Patenschaft gibt es einen Reisekostenzuschuss, um nach und durch
       Schweden zu gelangen – das ist der eigentliche Preis. Denn besondere Rechte
       haben die Auserkorenen nicht. Eingriffe in die Natur sind tabu. „Du kannst
       hier zelten“, sagt Cecilia. „Aber jeder andere darf das auch.“
       
       Die schwedische Natur, so die Botschaft, gehört niemandem. Und damit uns
       allen.
       
       Transparenzhinweis: Die Autorin war im Anschluss an eine Pressereise am
       Vänern. Sie hatte dafür ihren Aufenthalt auf eigene Kosten verlängert, den
       Hin- und Rückflug zahlte allerdings der schwedische Tourismusverband.
       
       27 Apr 2026
       
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