# taz.de -- Ballerbü statt Bullerbü: Was sind das für Schüsse? Warum kommen die näher?
       
       > Von wegen ruhiges Dorfleben in Schweden: Dort erschrecken unerwartete
       > Kampfgeräusche. Hätte man vorher nicht mal wenigstens Bescheid sagen
       > können?
       
 (IMG) Bild: Wegen des Kriegs in der Ukraine und der allgemeinen Weltlage wird auch beim schwedischen Militär aufgebaut, rekrutiert und geübt
       
       Ich höre Schüsse. Viele, schnell nacheinander abgefeuerte Schüsse. Eine
       Nachbarin, die sonst nie anruft, meldet sich. Sie fragt beunruhigt: „Hörst
       du die Schüsse?“ Und schiebt direkt hinterher: „Ich hab in Los Angeles
       gelebt, ich weiß, wie Maschinengewehre klingen.“
       
       Ich sage, weil ich dieser Tage schon mehrfach Soldaten in der Gegend
       gesehen habe und gerade ein Marineschiff auf dem Fluss kreuzt: „Das ist
       eine Militärübung, mach dir keine Sorgen.“ „Aber so nah!“, sagt sie. Da hat
       sie recht. Es klingt wie Häuserkampf im Dorf. Zumindest wie ich, die
       bislang von Krieg verschont wurde, mir diesen Klang vorstelle.
       
       Wir sind noch am Telefon, als das Geballer lauter wird. „Ich wollte
       eigentlich gerade einkaufen gehen“, sagt die Nachbarin. „Glaubst du, das
       ist gefährlich?“ Die Sorge ist wohl übertrieben, aber sie ist in diesem
       Moment für meine Nachbarin real. „Die schießen sicher nicht mit scharfer
       Munition“, sage ich, weil alles andere nicht sein kann.
       
       Schwedens Streitkräfte haben wie die Bundeswehr eine lange Phase des
       Rückbaus hinter sind. Und auch in Schweden ist es damit wegen Russland, des
       Kriegs in der Ukraine und wegen der Weltlage insgesamt vorbei. Mit
       Nachdruck. Es gibt [1][neue Prioritäten], es wird [2][aufgebaut,
       rekrutiert, geübt]. Alte Militärstandorte werden reaktiviert.
       
       Dass die Übungs-Einschläge aber so nah kommen können, gehörte bislang nicht
       zur Allgemeinbildung. Ich spreche noch mit anderen im Dorf an diesem Tag.
       Unser altmodisches Fazit: Einen Zettel im Briefkasten mit einer kleinen
       Vorwarnung hätten wir gut gefunden.
       
       Die Nachbarin ruft wieder an: „Patronenhülsen am Straßenrand!!“ Sie erzählt
       es mit zwei Ausrufezeichen. Und schickt Fotos. Die Dinger anzufassen traut
       sie sich nicht.
       
       Vor zwei Jahren, da war ich gerade erst hergezogen, hab ich das erste Mal
       über Kriegsschiffe auf dem Fluss gestaunt. Der Anblick war damals auch für
       die Alteingesessenen ungewohnt – ich kam gleichzeitig mit der militärischen
       Wiedererweckung Schwedens hier an. Ich hab ja begriffen, dass diese Gegend
       strategisch relevant ist.
       
       Trotzdem: Warum kündigen die ihre Patronenhülsen nicht vorher an?
       Wenigstens ist es nicht schwer, im Nachhinein herauszufinden, was hier los
       ist. Die Übung heißt „Nifelheim“, was in der nordischen Mythologie ein
       eisiges Gebiet im Norden bezeichnet. Das Stockholmer Amphibienregiment
       trainiere zusammen mit lokalen Akteuren die schnelle Verlegung eines
       Bataillons. Auf der Webseite der Streitkräfte finde ich die Pressemeldung
       nun schnell. Da steht: „An einigen Orten könnten Schüsse mit Übungsmunition
       vorkommen“. Dazu die Karte über ein reichlich großes Gebiet.
       
       Wie viele Schüsse können denn jetzt noch vorkommen? Um welche Tageszeit
       ungefähr, und wie nah? Ich frage bei der Armee und bei der
       Kommunalverwaltung in Härnösand nach. Deren Sprecherin schickt mir den Link
       zur Manöver-Info auf der Homepage der Kommune. Von alleine hatte ich die
       tatsächlich nicht gefunden. Steht aber auch nicht mehr drin als bei den
       Streitkräften.
       
       Sie hätten nicht gewusst, dass und wo genau so nah an Wohngebieten
       geschossen werden würde, sagt die Sprecherin am Telefon. Sonst hätte die
       Kommune zusätzlich versucht, die Menschen über lokale Facebook-Gruppen zu
       erreichen. „Das ist eine Herausforderung heutzutage“, sagt sie, „man hat
       nicht mehr die eine große Plattform, mit der man alle erreicht.“ So wie
       einst die Lokalzeitung, meint sie. Aber diese hatte ja auch nur die
       allgemeinen Infos.
       
       Die Pressestelle der Streitkräfte lässt sich Zeit mit der Antwort auf meine
       Frage, ob sie nicht etwas genauer hätten Bescheid sagen können. Dafür weiß
       ich jetzt fürs nächste Mal, wie die sich das vorstellen: Über den gesamten
       Manöver-Zeitraum und in einem großen Gebiet soll man überall und allzeit
       mit Kampfgeräuschen rechnen. Stellt euch einfach drauf ein.
       
       Beim Abendspaziergang treffe einen Bekannten, der mir sofort Patronenhülsen
       zeigt. Er hat die Hosentaschen voll davon. Messing, meint er, gebe gutes
       Geld beim Schrotthändler. Na also, zumindest einen haben sie glücklich
       gemacht.
       
       7 Apr 2026
       
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