# taz.de -- Höhere Hürden bis zum schwedischen Pass: „Demokratie aufs Spiel gesetzt“
> Bei der Abstimmung zum verschärften Einbürgerungsgesetz ignorieren die
> rechtspopulistischen Schwedendemokraten bewusst ein ungeschriebenes
> Gesetz.
(IMG) Bild: Der Zugang zur schwedischen Staatsangehörigkeit soll erschwert werden
Sprachkenntnisse, Wissenstest, eigenes Einkommen: Ab dem 6. Juni verlangt
Schweden deutlich mehr von Menschen, die eingebürgert werden wollen. Dass
der Reichstag für die Verschärfung des Einbürgerungsgesetzes stimmen würde,
war absehbar. Spannung aber lag in der Frage, ob die Mitte-links-Opposition
wenigstens eine Übergangsregelung durchsetzen könnte. Doch scheiterte das
knapp, weil [1][die rechtspopulistischen Schwedendemokraten] sich nicht an
die parlamentarischen Gepflogenheiten hielten.
Die strengeren Kriterien sollten nach dem Willen der Opposition nicht für
Menschen gelten, die ihre Einbürgerungsanträge schon vor Jahren gestellt
hatten und nun wegen der langen Bearbeitungszeiten ihre Chancen auf
Einbürgerung durch geänderte Regeln verlieren könnten.
Der Antrag auf eine Übergangsregelung wurde mit 147 zu 146 Stimmen
abgelehnt. Obwohl Grünen-Fraktionschefin Annika Hirvonen zwei inzwischen
parteilose Ex-Schwedendemokraten dafür gewonnen hatte. Es hätte reichen
müssen. Doch ließen die Schwedendemokraten zwei ihrer Abgeordneten
abstimmen, die eigentlich für diesen Tag abgemeldet waren.
„Sie stellen ihren politischen Willen über die parlamentarischen Routinen“,
kommentierte die Politikwissenschaftlerin Marie Demker gegenüber der
Zeitung Dagens Nyheter. Das sei eine ernste Sache, denn es zeige, dass die
Schwedendemokraten solche Übereinkünfte nicht ernst nähmen.
## Mitte-links-Opposition verlangt erneute Abstimmung
Wie in Deutschland ist es im schwedischen Parlamentarismus etablierte
Praxis, dass die Mehrheitsverhältnisse korrekt beibehalten werden, indem
alle Parteien die Zahl ihrer abstimmenden Abgeordneten entsprechend
anpassen, wenn Fraktionen wegen Verhinderung nicht vollständig erscheinen.
Die Opposition aus Zentrumspartei, Sozialdemokraten, Grünen und Linkspartei
verlangt nun eine Wiederholung der Abstimmung. Es sei undemokratisch, das
auf Vertrauen basierende System zu missachten, sagte Martin Ådahl
(Zentrumspartei) im Sender SVT. Laut der sozialdemokratischen
Fraktionschefin Lena Hallengren setzten die Schwedendemokraten mit ihrem
Verhalten die Demokratie aufs Spiel.
Deren Fraktionsvorsitzende Linda Lindbergse sagte ungerührt, wichtige
Gesetzgebung müsse über dem Einfluss von Parteilosen und dem
Ausgleichssystem stehen. Von ihren Gegnern wird dieses Verhalten warnend
mit dem von US-Präsident Trump verglichen.
Demokratie und Rechtssicherheit sind im Zusammenhang mit der jetzigen
liberal-konservativen Regierung immer mal wieder ein Thema. So wird die
Koalition aus Moderaten, Christdemokraten und Liberalen mit ihrem
Mehrheitsbeschaffer Schwedendemokraten auch für den Umgang mit einer
weiteren demokratischen Praxis scharf kritisiert.
## Auch Richtergremium vermisst Übergangsregelung
Laut einer neuen [2][Studie zur schwedischen Demokratie] werden
Gesetzesvorhaben von Ulf Kristerssons Regierung häufiger und gravierenderer
als davor üblich vom „Lagråd“ kritisiert. Dieses Gremium aus Richtern der
höchsten Gerichte Schwedens prüft die Vereinbarkeit von Gesetzentwürfen mit
der Verfassung und Rechtsordnung. Die aktuelle Regierung setzt demnach auch
mehr Gesetzesvorhaben ungeachtet der Kritik um als ihre Vorgänger.
Auch das neue Einbürgerungsgesetz kritisierte der Lagråd – nicht zuletzt
wegen der fehlenden Übergangsregelung. Dadurch sei die Rechtssicherheit und
das Vertrauen in den Staat gefährdet. Dass die Regierung auch darüber
hinwegging, gehört zu den Gründen, warum sich viele Schweden über die
Richtung ihres Landes sorgen.
Der erschwerte Zugang zur schwedischen Staatsangehörigkeit wäre vielleicht
gar nicht so ein großes Thema. Da Schweden als eines von nur wenigen
Ländern jahrzehntelang keine Sprachkenntnisse und keinen Nachweis der
finanziellen Eigenständigkeit verlangte, könnte die Regierung mit dem
Hinweis, man gleiche sich doch nur den Nachbarländern an, durchkommen. Doch
ist diese Gesetzesänderung nur eine von sehr vielen, die derzeit Menschen
ohne schwedischen Pass verunsichern.
Die Fraktionsspitzen fast aller Parteien wollen noch am Donnerstag bei
einem Krisentreffen über das Abstimmungsverhalten der Schwedendemokraten
sprechen. Die sind als einzige dazu nicht eingeladen.
30 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
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