# taz.de -- Foodwatch über Zuckerwerbung: „Die Zuckerlobby arbeitet gegen wissenschaftliche Erkenntnisse“
> Zuckerverbände arbeiten mit Fehlinformationen, sagt
> Foodwatch-Pressesprecherin Sarah Häuser. Eine Zuckersteuer versuche sie
> mit allen Mitteln zu verhindern.
(IMG) Bild: In Deutschland wird extrem viel Zucker über Erfrischungsgetränke konsumiert – mehr als über Süßigkeiten
taz: Frau Häuser, foodwatch fordert weniger Zucker in Limos. Aktuell tut
das auch eine Bundesratsinitiative. Ähnliches wurde zudem kürzlich als
[1][Reformvorschlag für die Krankenkassen] genannt. Mögen Sie denn die
Zero-Varianten?
Häuser: Ich trinke allgemein kaum Limos, weil ich immer denke, viel zu viel
Zucker. Und die mit Süßstoffen als Ersatz schmecken mir nicht. Ich
bevorzuge meistens einfach Wasser.
taz: Forderung nach einer Steuer auf zuckrige Getränke gibt es seit Jahren:
etwa von der [2][WHO], der Bundesärztekammer oder wissenschaftlichen
[3][Institutionen]. Die Bundesregierung sträubt sich trotzdem. Ist das der
Einfluss der Zuckerlobby?
Häuser: Es ist eine Mixtur aus einer starken Lobby und einer absoluten
ideologischen Verbohrtheit seitens der Politik. Es gibt irrationale
Vorbehalte gegenüber politischen Maßnahmen für eine Steuer auf
zuckerhaltige Getränke, die dann mit Bevormundung gleichgesetzt werden.
taz: Wer ist die Zuckerlobby?
Häuser: Wichtig ist der Lebensmittelverband Deutschland. Dann die
Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE), das sind beides
Lebensmittelbranchenverbände. Die äußern sich ziemlich prominent gegen die
Zuckersteuer. Dann gibt es auch die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker.
Gemeinsam mit dem Verein der Zuckerindustrie sind das die Zuckerverbände.
taz: Mitglied bei den Zuckerverbänden ist auch Südzucker, der größte
Zuckerhersteller der Welt. Mehr als [4][eine Million Euro] gab das
Unternehmen zuletzt für Lobbyarbeit aus. Wie geht die Zuckerlobby vor?
Häuser: Sie säen Zweifel am gesundheitlichen Effekt einer Zuckersteuer.
Häufig heißt es, nicht Zucker sei das Problem, sondern die allgemeine
Kalorienmenge. Was Quatsch ist. Es ist wissenschaftlich bestens belegt,
dass zuckergesüßte Getränke ein Haupttreiber für Adipositas und
Typ-2-Diabetes sind. Gerade in Deutschland wird extrem viel Zucker über
Erfrischungsgetränke konsumiert – mehr als über Süßigkeiten. Die
Zuckerlobby arbeitet gegen wissenschaftliche Erkenntnisse. Auf ihren
Websites behauptet sie ziemlich viel Blödsinn. Eine Plakatkampagne heißt
zum Beispiel „Kein echter Norden ohne Zucker“.
taz: Worum geht es dabei?
Häuser: Auf einem Plakat ist etwa eine traurige Oma zu sehen, die sich
angeblich wegen der Zuckersteuer keine Zuckerwürfel für ihren Ostfriesentee
mehr leisten kann. Das ist aber faktisch falsch. Es geht lediglich um eine
Herstellerabgabe für Limonaden, wie etwa in Großbritannien. Senken die
Hersteller den Zuckergehalt, wird das Getränk nicht teurer. Die
populistische Plakatkampagne erweckt aber gezielt den Eindruck, dass
generell Lebensmittel mit Zucker teurer gemacht werden sollen. Hinter der
Aktion stehen der BVE und der Lebensmittelverband. Die wissen selbst, dass
das nicht stimmt. Trotzdem machen sie sehr emotional Stimmung gegen die
Steuer.
taz: Als in Großbritannien 2018 die Zuckersteuer auf Limonaden eingeführt
wurde, setzte die damalige Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU)
stattdessen auf eine Selbstverpflichtung der Unternehmen. Was halten Sie
davon?
Häuser: Wenig. Gemeinsam mit der Industrie einigte sich Klöckner, dass bis
2025 Hersteller 15 Prozent weniger Zucker in Getränken verwenden wollen.
Nach dem Motto, man muss nur lieb fragen, dann macht das die Industrie von
selbst.
taz: Hat das geklappt?
Häuser: Nein, im letzten Bericht des Max-Rubner-Instituts, das die
Entwicklungen dafür prüft, steht, dass bisher 9 Prozent weniger Zucker
enthalten sind. Das Ministerium des aktuellen Bundesernährungsministers
Alois Rainer (CDU) hat das in einer Pressemitteilung bewusst falsch
interpretiert und 15 Prozent daraus gemacht. Zum Vergleich: Im selben
Zeitraum hat sich der Zuckergehalt in Getränken in Großbritannien um 35
Prozent reduziert. Die Fanta dort ist jetzt etwa halb so zuckrig wie in
Deutschland.
taz: Das heißt, Selbstverpflichtungen bringen wenig?
Häuser: Genau. Wir haben ein riesiges Problem mit Adipositas und ungesunder
Ernährung. Es braucht endlich wirksame Maßnahmen. Laut dem Publik Health
Index der AOK hinkt Deutschland da extrem hinterher. Es gibt kaum ein Land,
das sich weniger mit der Industrie anlegt.
taz: Aktuell will eine [5][Bundesratsinitiative die Zuckersteuer] nach
britischem Vorbild, gestartet vom schleswig-holsteinischen
Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Die Finanzkommission für die
gesetzlichen Krankenkassen schlug kürzlich dasselbe vor. Ist der Moment der
Zuckersteuer gekommen?
Häuser: Hoffentlich. Aber Rainer war bisher dagegen. Obwohl er als
Ernährungsminister eine Verantwortung für eine gesunde Ernährung hat und
nicht gegenüber der Lobby. Fachgesellschaften, Verbraucherverbände sind
dafür und auch die Bevölkerung ist so weit. Eine Steuer auf Limos ist kein
Allheilmittel, aber ein wichtiger Schritt.
11 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zuckersteuer-Eine-Idee-die-Krankenkassen-sowie-der-Bevoelkerung-hilft/!6167380
(DIR) [2] https://www.who.int/news/item/13-01-2026-cheaper-drinks-will-see-a-rise-in-noncommunicable-diseases-and-injuries
(DIR) [3] https://levana.leopoldina.org/receive/leopoldina_mods_01314
(DIR) [4] https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R001956/56982?backUrl=%2Fsuche%3Fq%3DS%25C3%25BCdzucker%26pageSize%3D25%26sort%3DRELEVANCE_DESC
(DIR) [5] /Zuckersteuer-im-Bundesrat/!6164290
## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
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