# taz.de -- Vorwurf Vulkangruppen-Vordenker: „Im engeren Sinne ist das Bullshitting“
> Der Wissenschaftler und Aktivist Guido Arnold wird von rechten Medien als
> Vordenker der „Vulkangruppe“ bezeichnet. Der taz erklärt er, wie es
> wirklich ist.
(IMG) Bild: Einfach mal die Stecker ziehen? Aus der Analyse ins Handeln kommen
taz: Herr Arnold, sind Sie der Vordenker der Vulkangruppe?
Guido Arnold: Vermutlich nicht. Das ist aber auch eine unsinnige
Zuschreibung. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht genau, was Vordenker heißen
soll. Wenn wir alle ein bisschen mehr nachdenken, würde mir das schon
reichen.
taz: Zuerst die Welt, dann das rechte Krawallportal Nius bezeichneten Sie
in Beiträgen so, zuletzt auch der Spiegel. Weil Sie neben Ihrer
Forschungsarbeit auch für die Gruppe Çapulcu auftreten, deren radikale
Technologiekritik Inhalten der Bekennerschreiben der Vulkangruppen ähnelt –
und weil einige Bekennerschreiben auch in Çapulcu-Heften dokumentiert sind.
Arnold: Das ist schlicht eine Behauptung, ich würde sagen, eine
Diffamierung. Denn es übergeht, dass ich mich als Wissenschaftler mit
Dingen beschäftige, die andere womöglich aufgreifen. Wenn man dem folgt,
ist man schon auf die scheinbar selbstkonsistente Erzählung von Welt und
Nius reingefallen. Ich habe keinen Einfluss darauf, wer meine
wissenschaftlichen Texte verwendet.
taz: Sie haben nichts mit den Vulkangruppen zu tun?
Arnold: Warum sollte ich?
taz: Ihre Gruppe Çapulcu belässt es nicht bei Analysen, sondern ruft auch
zum Widerstand gegen eine aufziehende Technokratie auf. Sind Sie also
Wissenschaftler oder Aktivist – oder beides?
Arnold: Ich bin notwendigerweise beides. Man kann sich in diesen Zeiten, in
denen wir uns auf eine technokratisch rechte bis faschistoide Zukunft
hinbewegen, nicht auf eine reine Forscherrolle zurückziehen und nur
beschreiben, was in dieser Welt passiert. Da braucht es auch eine Form von
politischem Aktivismus. Ich habe mich in den Neunzigerjahren in der
Anti-Atom-Bewegung politisiert. Deshalb beschäftigt mich die Entwicklung
als Person, die Zukunftsideologien analysiert – aber auch als eine, die
politisch darum streitet.
taz: Sie sehen sich als Opfer einer „Schlammpresse“. Was meinen Sie damit?
Arnold: Damit meine ich, dass zuerst von rechten Influencern Unsinnigkeiten
oder Dinge mit sehr, sehr geringem Nachrichtenwert aufgewühlt werden, die
dann rechte Medien wie Nius oder Apollo News medial so aufbereiten, dass
sie eine konsistente Story ergeben. Über diese Scharnierfunktion werden die
Geschichten dann auch von klassischen Medien aufgegriffen. Im engeren Sinne
ist das Bullshitting, weil der ursprüngliche Wahrheitsgehalt egal ist. Aber
es entfaltet am Ende eben öffentlichen, politischen Druck, mit dem man
umgehen muss.
taz: Was die Welt und Co anführen, ist der Begriff des „technologischen
Angriffs“: ein zentraler Terminus von Çapulcu – den auch die Vulkangruppe
in ihrem Bekennerschreiben zum Brandanschlag auf eine Strombrücke zu
Jahresanfang in Berlin verwendete. Zufall?
Arnold: Dieser Begriff ist schon sehr viel älter. Çapulcu hat ihn dann 2015
als Analysekonzept vorgeschlagen. Seitdem wird dieser Begriff breit
rezipiert. Dabei gehen wir davon aus, dass Technologie nie neutral ist,
sondern bereits ihre Entwicklung eng verwoben ist mit den
gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Einige Technologien wie die
künstliche Intelligenz verändern eine Gesellschaft bewusst so tiefgreifend,
dass man von einem technologischen Angriff spricht. Und wie gesagt: Wenn
andere unsere Kritik aufgreifen, liegt dies nicht in unserer Verantwortung,
auch nicht, was sie daraus machen. Unsere Hefte dokumentieren
Debattenbeiträge und Aktivitäten zum Thema Technologiekritik – das gibt
nicht automatisch die Meinung von Çapulcu wieder. Bekennungen zu
dokumentieren, hat die taz übrigens auch schon getan.
taz: Die Çapulcu-Hefte geben selbst an, „zur Förderung des Widerstands
gegen den technologischen Angriff“ zu erscheinen. Und dann werden dort
Sabotagen oder Hacking-Aktionen dokumentiert. Das kann doch als Aufruf zu
solchen Taten verstanden werden?
Arnold: Nein. Natürlich kann sich aus unseren Analysen der Wunsch ableiten,
ins Handeln zu kommen – weil wir ansonsten vor einer antidemokratischen
Zukunft stehen. Und wenn wir sehen, mit welcher Geschwindigkeit diese
Entwicklung voranschreitet, ist doch klar, dass wir diese technokratische
Zukunftsideologie sabotieren müssen. Aber das bedeutet nicht zwingend an
brennende Rechenzentren zu denken. Das kann auch einfach heißen, dass man
diese Ideologie delegitimiert und versucht, ihr die Basis zu entziehen. Da
gibt es sehr, sehr viele Möglichkeiten, dieser düsteren Zukunftsvision
etwas entgegenzusetzen.
taz: Sie warnen vor einer Technokratie. Was genau ist Ihre Befürchtung?
Arnold: Eine offene Abkehr von demokratischen Grundprinzipien hin zu etwas,
das ich als CEO-Monarchie benennen würde, angeführt von
Big-Tech-Protagonisten wie Elon Musk oder Peter Thiel. Eine Art modernes
Bevölkerungsmanagement unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz, das
denjenigen Macht zuspricht, die in der Lage sind, diese lenkenden
Algorithmen zu kreieren. Langsame demokratische Aushandlungsprozesse werden
dann zurückgedrängt.
Zwar wird von den Big Tech vorgegeben, soziale Probleme zu lösen, aber
gelöst werden in der Regel nur Ersatzprobleme, die man technologisch fassen
kann. In den USA erleben wir unter Trump ja momentan, wie die
Big-Tech-Unternehmen inzwischen eine aktive politische Rolle übernehmen –
und zwar eine rechte. Das erinnert mich an den Futurismus vor 100 Jahren in
Italien, der auch in einer Phase der Stagnation propagierte, wir brauchen
wieder das Recht des Stärkeren, wir brauchen entfesselte Männlichkeit. Das
war keine verquere Avantgarde, sondern daran konnte später der Faschismus
unter Mussolini andocken.
taz: Ihre Antwort ist eine Ablehnung dieser technologischen Entwicklung.
Aber lässt sich das überhaupt noch aufhalten? Muss es nicht eher darum
gehen, die Entwicklung progressiv umzulenken?
Arnold: Eine fundamentale Ablehnung jeder Form der Technologie wäre
unsinnig. Das vertrete ich auch nicht. Aber wir müssen uns für jede
einzelne Technologie genau anschauen, welche gesellschaftlich wirklich
gebraucht wird, und welche nicht – gerade, auch wenn wir uns den enormen
Ressourcenverbrauch der KI anschauen, [1][deren Rechenzentren Unsummen an
Strom und Wasser verbrauchen]. Ist etwa Social Media vergesellschaftbar?
Brauchen wir wirklich KI-Sprachmodelle?
Meine Antwort wäre: nein. Oder wie ließe sich ein Portal wie Immoscout
nutzen, damit es wirklich Menschen hilft, die eine Wohnung suchen und nicht
denen, die mit Wohnraum Profite machen wollen? Und wenn wir uns bestimmte
Technologien leisten: Wie können wir diese von ihrem Herrschaftscharakter
befreien? Das ist alles nicht simpel, das gilt es auszuhandeln. Darüber
braucht es eine fundierte gesellschaftliche Debatte.
taz: Sie und andere wollen diese Debatte am Wochenende auf einer Konferenz
in Berlin führen, den [2][„Cables of Resistance“]. Auch dort soll es um
Widerstand gegen Big Tech gehen. Wie weit ist dieser Widerstand zu
verstehen?
Arnold: Das weiß ich nicht, ich bin keiner der Organisatoren dieser
Konferenz. Und laut Manifest der Konferenz wird dort zwar KI in voller
Breite delegitimiert – eine durchaus begrüßenswert klare Ansage. Aber in
diesem Manifest steht nichts davon, dass dies mit Formen erreicht werden
soll, die einige schwierig finden können.
taz: Wir hatten Sie schon im Januar, nach den ersten Berichten, für ein
Gespräch angefragt, da hatten Sie nicht reagiert. Jetzt sprechen Sie doch.
Warum?
Arnold: Mir war nach den medialen Angriffen von vornherein klar, dass es
notwendig ist, das zu kontern. Jede sofortige Reaktion aber hätte wieder
als neues Futter für die mediale Hetzkampagne genutzt werden können.
Deshalb blieb ich erstmal strategisch still. Jetzt aber ist der Zeitpunkt,
um klar zu benennen, was hier vor sich geht: ein Angriff nicht nur auf
meine Person, sondern auf viele Menschen, die progressiv denken. Sich hier
wegzuducken, wäre kontraproduktiv.
taz: Sie wollen noch mehr. Ende April wird sich Ihre Gruppe auch an einer
weiteren Initiative beteiligen: gegen Nius und deren Redaktionssitz in
Berlin-Kreuzberg.
Arnold: An der Initiative beteiligt sich eine Kreuzberger Gruppe, die sagt,
sie wollen Nius raus aus dem Kiez und raus aus dem Netz haben. Aber es
beteiligen sich auch sehr viele Personen, die ins Kreuzfeuer von Nius
geraten sind. Wir wollen eine Gegenstrategie erarbeiten, wie hier ein
Schulterschluss gelingen kann und eine tiefergehende Analyse dieses
Kulturkampfs von rechts, zu der auch die Hetze von Nius gehört. Man muss
ihnen die gesellschaftliche Berechtigung entziehen, indem man ihre
Machenschaften und ihre Art zu arbeiten offenlegt. Wobei der Begriff
Kulturkampf hier eigentlich zu harmlos ist.
taz: Warum? Was wäre treffender?
Arnold: Es findet gerade gesamtheitlich eine Delegitimierung und
Einschüchterung von progressiver Politik statt. Wir erleben, wie die Rote
Hilfe Konten verliert, nur weil der US-Präsident eine Antifa-Gruppe als
terroristisch einstuft. Wir erleben [3][Gesinnungsprüfungen bei der Vergabe
von Fördermitteln]. Kulturkampf klingt, als würde hier politisch auf einer
rein symbolischen Ebene um eine Deutungshoheit gerungen. Geschichtlich ist
Kulturkampf aber die Erweiterung von Politik raus aus den Parlamenten auf
die Straße, ein Erhöhen der sozialen Temperatur, um aus Sicht der Rechten
im besten Fall etwas zu generieren, was eine Gewalteskalation bis hin zum
Bürgerkrieg ermöglicht. Kein Bürgerkrieg hat jemals aus dem Nichts
angefangen, sondern hatte immer Straßengewalt als Vorläufer. Deshalb ist es
so wichtig, dass wir jetzt dagegen aktiv werden.
9 Apr 2026
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