# taz.de -- Reportage von der Zapfsäule: Keiner sagt hier Tankeschön
       
       > Wie kommt der geplante Spritrabatt bei Autofahrenden an? Ein Nachmittag
       > an der informellen Tankstelle der Bundesregierung.
       
 (IMG) Bild: Eine Kundin tankt an der inoffiziellen Tankstelle der Bundesregierung
       
       Vor dem Reichstagsgebäude sitzen zwei Fahrer auf einer Parkbank und
       genießen die Frühlingssonne. Daneben parken die schwarzen Limousinen. Heute
       Morgen, erzählt der eine, hat er einen CDU-Abgeordneten zur Arbeit
       gefahren. Natürlich ging es um den Tankrabatt. „Dit wird verpuffen, hat er
       mir jesacht“, sagt der Fahrer, und zwei Monate, das reiche doch niemals, so
       der Abgeordnete. Dann kämen die Sommerferien, dann könne man die Preise
       doch nicht wieder erhöhen.
       
       Die Fahrer des Bundestags müssten die hohen Benzinpreise nicht
       interessieren, sie zahlen mit Tankkarte. Trotzdem tanken sie immer vor 12
       Uhr, vor der möglichen täglichen Preiserhöhung also. „Alles für den
       Steuerzahler“, sagen sie und lachen. Und die Abgeordneten? „Die müssen
       nicht tanken, die haben ja uns“, sagt einer der Fahrer. „Die haben ihre
       BahnCard, die haben fürstliche Diäten. Die schweben auf ’nem janz anderen
       Level.“
       
       Am liebsten, erzählen die Männer, fahren sie aber ohnehin die Elektroautos
       der Fahrzeugflotte. „So leise“, schwärmt der eine. „Der zieht einfach“,
       sagt der andere. Bis 2030 soll die gesamte Flotte des Bundestags
       elektrifiziert werden. Die Fahrer glauben nicht daran.
       
       Es ist Mittwoch, zwei Tage nachdem die Bundesregierung angekündigt hat,
       [1][die Mineralölsteuer demnächst um 17 Cent zu senken]. Es gibt viel
       Kritik an der Maßnahme. Aber wie kommt sie bei den Autofahrern an?
       
       ## Man fühlt sich abgezockt
       
       Die Fahrer der Abgeordneten tanken einen guten Kilometer von den
       Bundestagsgebäuden entfernt an einer Aral-Tankstelle in Berlin-Moabit. Hier
       bekommen sie auch die „Bundestagswäsche“, erzählt die Tankwartin mit den
       knallrot gefärbten Haaren. Wer die Tankkarte mit dem Bundesadler benutze,
       bekomme 1 Euro Rabatt auf die Autowäsche. Ihren Namen will sie nicht
       verraten. Aber sie erzählt, dass an der Tankstelle von Krise nichts zu
       spüren sei. Auch die teuren Süßigkeiten gingen weg wie nichts.
       
       Treibt man sich ein paar Stunden an dieser informellen Tankstelle der
       Bundesregierung herum, erfährt man einiges über die Seelenlage des
       deutschen Autofahrers.
       
       Das ernüchternde Ergebnis für die Bundesregierung: Selbst an der Tankstelle
       kommt der Tankrabatt nicht gut an. Weil man sich hier immer abgezockt
       fühlt, egal, was ist.
       
       ## Alili findet: Deutschland muss an sich denken
       
       Alili Safi ist 52 Jahre alt, kurz vor 12 Uhr betankt er noch schnell seinen
       Kleinwagen. Auf dem Beifahrersitz wartet seine Frau, auf dem Rücksitz
       liegen Putzmittel. Sie betreiben eine Reinigungsfirma, er hat einen zweiten
       Job als Pizzabäcker. Wenn man nicht vom Staat leben wolle, müsse man sich
       anstrengen, sagt Safi. Er ist vor 35 Jahren aus Nordmazedonien gekommen.
       Safi regt sich über die Spritpreise auf.
       
       Der Tankrabatt? Reiche nicht aus, schließlich seien die Preise viel stärker
       gestiegen. Safi tankt trotzdem lieber Super Plus, das sei besser für sein
       Auto. Wählen darf er in Deutschland nicht, aber Olaf Scholz gefiel Safi
       besser als Friedrich Merz. Dass Deutschland die Ukraine unterstützt, findet
       er richtig. Aber: „Deutschland braucht jetzt auch Hilfe. Deutschland muss
       mehr an sich selbst denken“, sagt er und verabschiedet sich.
       
       Häufig kommen Menschen zum Tanken, die nicht selbst zahlen müssen. Weil sie
       in Firmenwagen unterwegs sind oder in Carsharingautos. Ein Polizist auf dem
       Weg zu seiner Schicht hat noch nichts von der 12-Uhr-Regel mitbekommen,
       geschweige denn vom Tankrabatt.
       
       ## Nour kann nicht tanken
       
       Nour steht jetzt am Zapfhahn und blickt sich Hilfe suchend um. Tanken, das
       musste sie in der Fahrschule nie machen. Sie fragt um Rat: Welche Sorte
       soll sie nehmen?
       
       Vom Tankrabatt hat Nour noch nichts gehört. 17 Cent? „Na ja, das ist nicht
       viel.“ Vor sieben Jahren ist sie aus der Türkei gekommen, nun arbeitet sie
       für einen Pflegedienst. Nour entschuldigt sich ungefragt für ihr perfektes
       Deutsch.
       
       Egal, wen man an der Tankstelle fragt, die Pflegerin, den Polizisten, den
       Lkw-Fahrer – das tankende Volk nimmt den Tankrabatt eher hin, als artig
       „Tankeschön!“ zu sagen. Viele wissen sehr genau, wie hoch der Anteil von
       Steuern am Benzinpreis ist: über 60 Prozent.
       
       Erstaunlicherweise wird es nach 12 Uhr voller auf der Tankstelle.
       
       ## Yousef hat eine bessere Idee
       
       Yousef sitzt schon eine Weile am Rand der Tankstelle in seiner S-Klasse. Er
       betreibt eine Mietwagenfirma und wartet auf Arbeit. Eigentlich kutschiert
       er „VIPs“ in Luxusautos. Jetzt habe er immer weniger Kunden. Wenn es so
       weitergehe, müsse er Insolvenz anmelden. Er nimmt seine
       Ray-Ban-Sonnenbrille ab und schaut eindringlich: „Die Politiker sind
       verrückt. Wir wollen diesen Krieg nicht!“
       
       Und der Tankrabatt? „Das ist gut, aber nichts, wo ich sage: Wow.“ Yousef
       hat einen Gegenvorschlag: Besser wäre es doch, Transportfirmen direkt zu
       entlasten.
       
       ## Emily und Janek träumen vom eigenen Auto
       
       Emily und Janek fahren mit einem Mietwagen von Miles auf die Tankstelle.
       Sie sind 19, haben seit einem Jahr den Führerschein. Für jedes Mal Tanken
       bekommen sie von der Mietwagenfirma eine Gutschrift. Janek weiß Bescheid
       über den Tankrabatt und sagt: „Das ist ein bisschen wenig.“ Emily steht
       daneben und nickt. Janek träumt von seinem eigenen Auto, er hat seine
       Mutter gefragt, ob die Versicherung nicht auf sie laufen könne. Sie will es
       sich überlegen. Er macht eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann, da sei es
       doch gut, einen Wagen zu haben.
       
       ## Mahmoud will die Grünen wählen
       
       Mahmoud, 26, lehnt an seinem weißen Golf. Links und rechts am Hals trägt er
       Tattoos: eine Pistole, eine Kalaschnikow. Aber die seien nicht echt, er
       wollte das nur mal ausprobieren. Mahmoud ist 2017 aus Syrien geflohen, nun
       ist er Bauingenieur. „Ich habe diesem Land viel zu verdanken“, sagt er.
       „Wenn das Land mich braucht, bin ich bereit, viel zu geben.“ Aber warum er
       nun bezahlen muss für diesen völkerrechtswidrigen Krieg, das versteht er
       nicht. „Wir haben doch kein Problem mit Iran!“ Friedrich Merz habe er nicht
       gewählt, der sei nicht offen für die Meinung von anderen. „Ich bin für die
       Mitte“, sagt Mahmoud. Damit meint er die Grünen.
       
       ## Anna hat schon Schlimmeres erlebt
       
       Anna parkt ihren SUV mit ukrainischem Kennzeichen. 2022 ist sie nach
       Deutschland geflohen, seit Kurzem betreibt sie ein Café in Charlottenburg.
       Das laufe gut, es kämen immer mehr Kunden. Bei 144 Euro hört die Anzeige an
       der Zapfsäule auf zu steigen. „So viel hab ich noch nie gezahlt“, sagt sie,
       es scheint sie nicht zu stören. Sie ist heute eine der wenigen, die nicht
       schimpft. Vielleicht, weil sie schon Dramatischeres erlebt hat als hohe
       Benzinpreise.
       
       ## Hans-Joachim will den Preisdeckel
       
       Hans-Joachim ist an diesem Nachmittag der einzige Lkw-Fahrer. Er ist 74 und
       Rentner, aber zu Hause sitzen will er nicht, also fährt er Lkw, manchmal
       auch fürs Verkehrsministerium. Er hat einen Rauschebart und trägt einen
       Pullover mit der französischen Aufschrift „le coq sportif“– „der sportliche
       Hahn“ – und ein freundliches Lächeln.
       
       „Mir ist dit ejal, zahlt die Firma“, sagt er über die hohen Preise. Und
       über den Tankrabatt: „Politisch ist das ’n Witz. Das geht alles an die
       Mineralölkonzerne.“ Der Staat müsse die Preise deckeln wie in anderen
       Ländern. „Alles andere bringt nüscht.“
       
       ## Hayat fährt Fahrrad
       
       Hayat wäscht sein Fahrzeug. Nicht seinen Golf, der steht zu Hause und
       „schläft“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Hayat wäscht sein Fahrrad. Er
       nimmt den Scheibenputzer und fährt damit immer wieder über den Rahmen
       seines Rads. Die Tankpreise seien verrückt, deshalb sei er jetzt immer mit
       dem Fahrrad unterwegs. Das sei gut für seine Muskeln, meint er und streicht
       sich über den Bauch. „Der Krieg muss enden“, sagt er noch, und fährt mit
       dem Fahrrad davon.
       
       ## Der Polizist will Merz nicht mehr wählen
       
       Zwei Muskelmänner sitzen vorne im VW Sharan. Das Funkgerät zwischen ihnen
       verrät sie: Zivilpolizei. Heute bewachen sie die Sudankonferenz, in den
       nächsten Tagen kümmern sie sich um die Neue Generation, die
       Straßenblockaden angekündigt hat. Einer der beiden erzählt, dass er die CDU
       gewählt hat. Aber das würde er nicht wieder tun, so wie der Kanzler über
       Minderheiten spreche.
       
       ## Sindy hat einen Traum
       
       Sindy tankt ihren Mini jetzt immer nur noch halb voll – mal sehen, wie die
       Preise morgen sind. Sindy ist 39 und medizinische Fachangestellte. Sie
       macht Hausbesuche bei Patienten in ganz Brandenburg, dafür muss sie viel
       Auto fahren. Für jede Fahrt kriegt sie eine Pauschale, von der immer
       weniger übrig bleibt. Nebenbei arbeitet Sindy in einer Bar. Alles, um sich
       ihren Traum zu erfüllen: ein Haus in Italien. Noch zehn Jahre, dann ist es
       so weit, sagt sie.
       
       Vom Tankrabatt hat Sindy noch nicht gehört, ist aber skeptisch. „Ich
       vertrau der Regierung nicht“, sagt sie. „Davon profitiert doch wieder nur
       die obere Schicht.“
       
       17 Apr 2026
       
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