# taz.de -- Entlastung in der Energiekrise: Warum der Tankrabatt genau richtig ist
       
       > Wir brauchen mehr Großzügigkeit im Kleinen für die utopische
       > Transformation im Großen. Ein bisschen Gießkannenprinzip schadet dabei
       > gar nicht.
       
 (IMG) Bild: Verbraucher:innen tanken bei steigenden Preisen trotzdem und sparen eher woanders
       
       Normalerweise geht es hier um Reformen für eine bessere Welt. Heute nicht.
       Heute geht es um etwas Grundsätzlicheres. Das richtige Mindset. Keine
       Sorge, nicht so wie es „So wirst du erfolgreich“-Karrierecoaches als
       Kalenderspruch verwenden, sondern als progressives Konzept. Zum Beispiel
       für eine Energiepreiskrise, wie sie gerade wegen des Irankriegs wieder über
       uns rollt.
       
       Wer die Welt grüner und gerechter machen will, braucht schließlich nicht
       nur die besten Ideen, sondern dafür auch noch politische Mehrheiten. Denn
       nur die führen in unserer Demokratie zu Macht, mit der sich die Welt
       verbessern lässt. Tosender Applaus in linksgrünen Blasen verändert alleine
       nämlich gar nichts. Grüne und Linke scheinen das in der aktuellen Debatte
       um Spritpreise jenseits der 2-Euro-Marke und der harschen Kritik am
       Tankrabatt als Entlastungsmaßnahme zu ignorieren.
       
       Der [1][Soziologe Steffen Mau] schreibt in seinem Buch über Triggerpunkte.
       Das sind Probleme, an denen gesellschaftliche Konflikte und Spaltlinien
       sichtbar werden. Die steigenden Spritpreise sind ein Paradebeispiel dafür.
       Für jene, die auf ihr Auto angewiesen sind, um Familienalltag und Beruf zu
       wuppen, sind sie nämlich ein Gradmesser dafür, ob das eigene Leben noch
       bezahlbar ist. Sie sind im Alltag extrem sichtbar, jede Tankstelle wird zur
       Anzeigetafel der Krise. Sie erzeugen Verteilungsfragen. Und sie lassen sich
       politisch aufladen – [2][Klimaschutz gegen Bezahlbarkeit, Auto gegen Bus,
       Stadt gegen Land].
       
       Bei Entlastungsmaßnahmen in Krisen geht es nicht nur um ökonomische
       Effizienz, sondern auch darum, diese Triggerpunkte sensibel zu beachten und
       notfalls auch symbolische Entlastungen zu wählen. Maßnahmen, die vielleicht
       nicht perfekt zielgenau sind, aber dort wirken, wo der Schmerz entsteht: in
       diesem Fall direkt an der Zapfsäule. Und die ein Signal senden: Der Staat
       sieht dich – unabhängig davon, ob du einen 14 Jahre alten Polo auf dem Land
       fährst oder ein geleastes E-Auto in der Stadt.
       
       Wer hingegen empfiehlt, die schockartig gestiegenen Preise einfach mal
       wirken zu lassen, gewissermaßen als Erziehungsmaßnahme für jene, die noch
       Verbrenner fahren; oder den Tankrabatt als klimaschädliches Instrument für
       reiche Raser abtut, ignoriert den Triggerpunkt. Dabei ist der Tankrabatt
       nicht einmal wirkungslos, Auswertungen aus 2022 zeigen, dass er in weiten
       Teilen an die Verbraucher:innen weitergegeben wird.
       
       Außerdem zeigen diverse Studien, dass die sogenannte Preiselastizität bei
       schockartigen Anstiegen gering ist. Heißt: Verbraucher tanken bei
       steigenden Preisen trotzdem und sparen eher woanders. Zwei Monate
       Tankrabatt stehen langfristigem Klimaschutz also nicht einmal ökonomisch
       entgegen. Und politisch schon gar nicht, zeigt ein Tankrabatt doch, dass
       der Staat unerwartete Preisspitzen dämpft – unabhängig davon, dass fossile
       Energien durch den [3][CO2-Emissionshandel] in Zukunft sowieso teurer
       werden.
       
       Der erbitterte Widerstand gegen den Tankrabatt ist also ökonomisch falsch
       und strategisch blind. Progressive Politik muss sensibel sein gegenüber
       Triggerpunkten. Auch über diese Energiepreiskrise hinaus, für die eigene
       Utopie. Sie muss zeigen, dass sie in der Lage ist, kurzfristig zu entlasten
       und langfristig zu transformieren. Für das Mindset heißt das: sich für
       Krisenmaßnahmen eine strategische Großzügigkeit aneignen. Kleine
       Zugeständnisse für die [4][große Utopie]. Die langfristige Transformation
       zu einer klimaneutralen Wirtschaft verlangt den Menschen schließlich schon
       genug ab.
       
       28 Apr 2026
       
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