# taz.de -- Nachruf auf Buckelwal Timmy: Mehr als ein Einzelfall
       
       > Der Wal ist tot. Aber die Menschen, die sich um ihn gesorgt haben, leben.
       > Und haben die Chance, Wal- und Artenschutz nicht als Event zu
       > zelebrieren.
       
 (IMG) Bild: Nun ist Timmy von uns geschwommen
       
       Liebe Trauergemeinde, nun ist er also von uns geschwommen in den ewigen
       Ozean der Zeit. [1][Timmy/Hope/der Wal ist tot.] Er hinterlässt 80
       Millionen Trauernde, Trauerkritiker sowie einen verzweifelten
       Medienbetrieb, der sich jetzt wieder Irankrieg, Energiekrise oder
       Brandmauer zuwenden muss.
       
       Unser besonderes Mitgefühl gilt den engsten Angehörigen, also den
       „Bild“-Reportern vor Ort, die nun keine Spesenabrechnung mehr einreichen
       können, um ihrer Neigung zu Tagebuchkitsch zu frönen: „Es war still, fast
       idyllisch, und doch lag eine bedrückende, beinahe friedhofsartige Ruhe über
       der sogenannten Kirchsee in der Wismarbucht. Als die Dämmerung über die
       Insel Poel hereinbrach, war nur leises Vogelgezwitscher und in der Ferne
       das Muhen der Rinder zu hören.“
       
       Jetzt hingegen: Möwengeschrei und das Schweigen der Rinder. Alle News-Blogs
       und Live-Streams (wiederum bild.de: „Du guckst es doch auch!“) werden
       abgeschaltet. Passend zum Eurovision Song Contest wartete man eigentlich
       nur noch auf die Rückkehr von Alexandra: Mein Freund, der Wal, ist tot / er
       sank im frühen Morgenrot.
       
       ## Timmy, Hope, oder doch Elvis?
       
       Am 8. März war der etwa 12 Meter lange und 12 Tonnen schwere Buckelwal bei
       Wismar aufgetaucht, wo ihm Reste eines Netzes am Maul entfernt wurden.
       Später strandete er mehrfach und wurde immer wieder befreit oder, je nach
       Sichtweise, verscheucht, bis er schließlich von einer Privatinitiative auf
       einem Spezialschiff in die Nordsee verbracht und unter noch ungeklärten
       Umständen ins Meer entlassen oder gekippt wurde. Offenbar hat das
       [2][beratungsresistente Tier] die Chance genutzt, gleich wieder Richtung
       Ostsee zu schwimmen, wo etwa 70 Kilometer entfernt sein Kadaver vor der
       dänischen Insel Anholt entdeckt wurde, die nun beste Chancen hat, zum
       Walfahrtsort zu werden.
       
       Weil der Peilsender am Tier bei einer ersten Leichenschau nicht gefunden
       wurde, bezweifeln in den sozialen Medien nicht wenige prompt die
       offiziellen Verlautbarungen und wittern eine Verschwörung finsterer Eliten
       aus Staat und Wissenschaft. Andere klammern sich aus demselben Grund
       weiterhin an die Hoffnung, der Wal lebe noch. So wird er dann nach Timmy
       und Hope vielleicht bald Elvis heißen. Die Bilder von dutzenden zufriedenen
       Möwen, die sich am Wal-Blubber gütlich tun, und die Meldung, das Tier müsse
       wegen Explosionsgefahr gesperrt werden, sind die bitteren Abschlusspointen
       dieser absurden Tragikomödie.
       
       ## Menschlichkeit zeigen
       
       Dabei hat der Wal uns viel gelehrt. Über die Empathiefähigkeit des
       Menschen, sicherlich. Aber auch über [3][grundsätzliche Ambivalenzen im
       Tierschutz], wo mit enormem Ressourceneinsatz einzelne Individuen betüdelt
       werden, während am Imbiss nebenan Currywurst verkauft wird. Oder wo beim
       Neubau eines Baumarkts lautstark beklagt wird, dass den verrückten Ökos
       Kröten wichtiger als Menschen seien, nur weil ein Gericht in Anwendung
       bestehender Naturschutzgesetze verhindert, dass ein Feuchtbiotop mit
       hunderten Amphibien einfach weggebaggert wird.
       
       Aber auch die wabernde Wissenschaftsfeindlichkeit, die wir von Klimawandel
       bis Corona kennen, wurde deutlich und machte möglich, dass fachfremde
       Millionäre, Youtube-Selbstdarsteller mit Selfiestick und Wal-Flüsterer, die
       schon erfolgreich einen aus Filmen bekannten Orca um die Ecke gebracht
       hatten, wichtiger genommen wurden als die Expertise aller namhaften
       Fachleute.
       
       Was auch immer dem Wal widerfahren ist und zu seinem vorzeitigen Ableben
       geführt hat, es hat mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem Menschen zu tun.
       Was wiederum auch alle anderen Wale betrifft, deren Lebensraum wir deshalb
       im Ganzen schützen und zu deren Rettung wir gegebenenfalls auch beherzt
       eingreifen sollten.
       
       Im Golf von Kalifornien etwa schwimmen derzeit nur noch zehn letzte
       Überlebende des Kalifornischen Schweinswals oder [4][Vaquitas]. Sie werden
       nicht medienwirksam stranden, sondern sich in Fischernetzen verfangen und
       ertrinken. Die einzige Chance, sie zu retten, hätte darin bestanden, sie zu
       fangen und in menschliche Obhut zu bringen, bis vor Ort wirksame
       Schutzmaßnahmen getroffen worden wären. Letztlich wurde auch aus Furcht vor
       dem unvermeidlichen Lärm von Tierfreiheitsromantikern darauf verzichtet.
       
       Wenn diese letzten Vaquitas bald gestorben sein werden, sind das nicht nur
       zehn traurige Einzelschicksale, jedes so rührend wie das des
       Ostsee-Buckelwals, sondern eine ganze Art wird für immer verschwunden sein.
       
       ## Auferstehung ausgeschlossen
       
       Für die anderen Verwandten von Timmy/Hope/dem Wal können wir dagegen durch
       die richtigen Entscheidungen noch etwas tun. Wenn sein Schicksal dazu
       beiträgt, uns [5][an unsere Verantwortung zu erinnern], war das Spektakel
       zumindest nicht ganz sinnlos.
       
       Dafür muss man vielleicht nicht so weit gehen wie
       [6][Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus], der im ersten
       Akt des Dramas gesagt hatte: „Er hat seine Chance gehabt. Wir stehen vor
       Ostern. Da ist man in Gottes Hand. Und was mit Jesus passiert ist, wissen
       wir auch.“ Auf die Auferstehung des Wals sollten wir aber besser nicht
       setzen. Sondern darauf, zu verhindern, dass immer weitere seiner Verwandten
       ihm in ähnlich tragischer Weise nachfolgen.
       
       17 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heiko Werning
       
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