# taz.de -- Ausstellung im Kindl Berlin: Auf du und du mit Pilz und Tiger
> Verstand und Fantasie wird von Simon Faithfull und anderen im Kindl
> Berlin getriggert, um das Verhältnis des Menschen zu Tieren und Pflanzen
> zu überdenken.
(IMG) Bild: Simon Faithfull: Re-enactment for a Future Scenario #2: Cape Romano, 2019
Die Meeresspiegel steigen. Das ist eine bedrohliche Folge der Klimakrise,
nicht nur für Küstenbewohner. Das Wissen darum bildet eine düstere Folie
für eine Reihe von Performances des britischen Künstlers Simon Faithfull.
2016 etwa entstand das Video „Going Nowhere 1.5“
([1][https://www.simonfaithfull.org/works/going-nowhere1-5/]) in der
Nordsee, das ihn von einer Drohne gefilmt auf einer Sandbank zeigt, von
beiden Seiten meerumspült.
Er läuft die Ränder zwischen trockenem Sand und der Wasserlinie ab. Man
sieht das Meer nagen an der Sandbank, zunehmend kleiner wird die Fläche,
bis die Figur im Meer verschwindet. Das ist zwar nur Ebbe und Flut
geschuldet, aber doch ein Hinweis auf Drohszenarien der Gegenwart.
Simon Faithfull, der in Berlin lebt, tritt im Kindl Berlin jetzt in zwei
Ausstellungen auf, einmal als Künstler und einmal als Kurator. In
„Earth-ling“, kuratiert von Kathrin Becker, sind Fotografien, Skulpturen,
ein Film und eine Postkarten-Serie mit Geschichten von ihm zu finden. In
den Fotos folgt man dem Weg einer Ameise über seinen Arm, bis der Weg zu
einer tätowierten Linie auf seiner Haut geworden ist.
Im Film sieht man, wie ein Luxusresort an Floridas Küste, eine Reihe von
Kuppelbauten aus den 1980er Jahren, heute zur Ruine geworden im Meer steht.
Kormorane und andere Vögel leben nun hier. Keine Katastrophenstimmung
unterliegt diesen Bildern in „Reenactment for a Future Scenario no.2: Cape
Romano“, sondern mehr eine friedliche Beobachtung der neuen Bewohner. Die
Skulpturen sind Büsten von Faithfulls eigenem Kopf, bewohnbar gemacht für
Pilze und Bienen.
## Verhältnis des Menschen zu Tieren und Pflanzen
Um das Verhältnis des Menschen zu Tieren und Pflanzen, um
Perspektivwechsel, die das Narrativ vom Menschen als Krone der Schöpfung
korrigieren, um andere Formen des Miteinanders geht es auch in den Werken
der 12 Künstler:innen, die Faithfull als Kurator für „An Intimacy with
Strangers“ ausgewählt hat. Seine eigene Ausstellung wird so gewissermaßen
zu einem Prolog, eine sympathische Geste der Bescheidenheit.
Die Suche nach einer Neugestaltung des Verhältnisses zwischen dem Menschen
und anderem Leben äußert sich vielgestaltig. Vor wenigen Wochen war es
[2][der Film „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi],
der in drei Episoden von der Kommunikation mit Pflanzen erzählte, einmal
auch als Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einer Geranie. In
„An Intimacy with Strangers“ ist es der chinesische Künstler Zheng Bo, der
eine erotisch aufgeladene Beziehung zwischen unbekleideten jungen Männern
und den Farnen und Wurzeln in einem Urwald Bild werden lässt.
Weil sie so klein und verloren wirken, berühren die weißen Objekte, die
Peggy Atherton in die Ecken der Räume gebettet hat. Man ahnt bald, dass die
Formen in der Serie „Roadkill“ auf Tierkadavern beruhen, Vögeln, Mäusen,
Eichhörnchen und Karnickeln, gefunden auf Straßen. Was sie so weiß umhüllt
wie ein Leichentuch, ist Porzellan, in dessen Inneren die Tier-Skelette zu
Asche verbrannt sind.
Die sterblichen Reste so zu verwandeln, ist eine symbolische Handlung, um
das vergangene Leben der Tiere zu ehren. Das Alltägliche als etwas
Besonderes herausheben, das geschieht auch bei Pope L., der mit einer
kleinen Topfpflanze, einem Löwenzahn, kriechend auf New Yorks Straßen
unterwegs war, in Fotografien dokumentiert.
Joseph Beuys, der einem toten Hasen die Kunst erklärt hat, mag hier Pate
gestanden haben. An seine Aktion, sich 1974 in der New Yorker Galerie von
René Block mehrere Tage mit einem Kojoten einschließen zu lassen, erinnert
wiederum Jessica Segall: Deren Zweikanal-Videoarbeit „(un)common intimacy“
zeigt sie unter Wasser, mit einem Tiger und einem Alligator.
Sie trägt dabei rote Stöckelschuhe und ein rotes Kleid, drückt Kopf und
Schultern an den Bauch des Alligators oder streckt ihre Hände mit
rotlackierten Nägeln den Tigertatzen entgegen. Man staunt über dieses
Abenteuer, den circensischen Mut, die ungewohnte Nähe. Was sonst noch im
Lauf der Performance passierte, weiß man nicht.
In seinem Buch „Survival of the Nettest“ hebt der Naturwissenschaftler Dirk
Brockmann die Notwendigkeit der Kooperation hervor, die er als
erfolgreiches Modell des Überlebens schildert, abgeleitet aus Analysen
verschiedener naturhistorischer Szenarien. Die Ausstellungen von Simon
Faithfull und seinen Künstlerkolleg:innen bieten in diesem Kontext
Bilder an, die Verstand, Gefühl und Fantasie triggern, um von gewohnten
Mustern der Einordnung abzuweichen. Auch wenn vielleicht nicht alles
funktioniert, was sie vorschlagen.
2 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.simonfaithfull.org/works/going-nowhere1-5/
(DIR) [2] /Interview-mit-Regisseurin-Ildiko-Enyedi/!6140215
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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