# taz.de -- Posthume Ausstellung von Günther Uecker: Er hämmerte die Essenz des Seins ins Holz
> „Die Verletzlichkeit der Welt“ ist im Arp Museum Rolandseck in Remagen,
> zu sehen. Ueckers aktionistische Kunst kehrt zurück an eine alte
> Wirkungsstätte.
(IMG) Bild: Uecker’scher Ritus zur Einweihung am Rolandseck: Still aus „Die Treppe“ von 1964
Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen ist heute ein
architektonisches Juwel, das Alt mit Neu auf besonders clevere Weise
verbindet. Am noch betriebenen Bahnhof in Sichtweite des Rheins erhebt sich
das spätklassizistische Bahnhofsgebäude, an den dahinter aufsteigenden Berg
schmiegt sich elegant der verglaste Neubau des US-amerikanischen
Architekten Richard Meier.
Von solcher Gediegenheit konnte 1964 noch keine Rede sein. Damals verfiel
das Bahnhofsgebäude trotz seiner malerischen Lage, bevor der Galerist und
Kunstsammler Johannes Wasmuth den auratischen Ort entdeckte und ihn nach
und nach zum Künstlerbahnhof Rolandseck umfunktionierte. In Düsseldorf
hatte Wasmuth bereits 1959 den damals noch gänzlich unbekannten Günther
Uecker kennengelernt, der ihm 1964 nach Remagen folgte und den Bahnhof
durch das Setzen einer Nagelspur vom Vorplatz bis ins Treppenhaus und mit
seinen lautstarken Hammerschlägen gleichsam in Besitz der aktionistischen
Kunst nahm.
Der diese Aktion dokumentierende Film „Die Treppe“ begrüßt das Publikum im
Tunnel zu den Aufzügen zwischen Bahnhofsebene und Meier-Bau als erstes
Objekt der Ausstellung, die sich oben in den lichten Räumen in dicht
gedrängter Intensität versammelt. Auch das zweiteilige Nagelrelief „Bett
zum Aufwachen“ von 1965 war ein Geschenk Ueckers an Johannes Wasmuth. Es
befindet sich heute in der Sammlung des Museums, in der Schau wird es an
prominenter Stelle präsentiert. Das imposante, doch karge Möbelstück aus
Holz mit seiner 260 cm hohen Rückwand ist mit wogenden Feldern aus Nägeln
bedeckt.
Anhand von ausgestellten handschriftlichen Briefen Ueckers in energisch
gezackter Handschrift entsteht ein plastisches Bild der verrückten Zeit des
Künstlerbahnhofs. Hier wurde offenbar ausufernd gefeiert und allerhand
zertrümmert. Mit von der Partie waren damals neben Uecker auch [1][Gerhard
Richter], Sigmar Polke, Yves Klein oder Gotthard Graubner. Zu den Partys
schaute wohl auch gelegentlich die große Pianistin Martha Argerich vorbei.
Sie ist auf einem der dokumentierenden Fotos zu sehen, die die Ausstellung
begleiten.
## Im Namen der Politik
„Die Quellen der Kunst liegen außerhalb der Kunst“, stellte Uecker
anlässlich der großen Werkschau im Düsseldorfer K20 vor elf Jahren mit
großer Entschiedenheit klar. Er hat sich also nie als Künstler gesehen, der
formal-ästhetische Fragenstellungen ins Zentrum stellt, oder mit
Materialien um ihrer selbst willen experimentiert. Ihm ging es immer um
Bewältigung des Lebens, des Leidens, der Verletzungen, die Menschen
einander antun, auch und vor allem im Namen der Politik.
Dennoch oder gerade deshalb fühlte er sich vor allem [2][in der
Abstraktion] zu Hause und nicht in ausformulierten politischen Statements.
Eine Ausnahme bildet der Zyklus „Brief an Peking“, der aus 19
großformatigen Tüchern besteht und unter dem Eindruck einer China-Reise
entstand. In Remagen ist einer dieser Briefe zu sehen, mit dem Uecker halb
unter Farbe verborgen die Menschenrechtserklärung aufpinselte und
unentziffert [3][nach China] schmuggelte.
Ansonsten hämmere er „bewusstlos die Essenz des Seins“ in das Holz: „Die
Felder sind meine Autobiografie“, sagte er damals. Die Nagelfelder, für die
er berühmt wurde, sind auch in Rolandseck zu sehen. Auch hier erzeugen
diese genagelten Tagebücher auf frappierende Weise starke Energien. Die so
widerständigen Nägel wirbeln mal in sogartig sich verdichtenden Strukturen,
die magnetische Kraftfelder zu erzeugen scheinen, dann wieder formieren sie
sich zu federleichten, luftigen Ordnungen, die sich wie Pflanzenhalme in
einem leichten Windhauch biegen.
## Der Uecker’sche Furor
Die rohen Nägel wirken entmaterialisiert und der Uecker’sche Furor
befriedet in überraschender Zärtlichkeit. Geradezu magisch scheint die nur
800 Gramm leichte, mit Nägeln bestückte und in weiße Farbe getauchte Kugel
zu sein. In der entdeckt Ueckers Sohn Jacob, der an der Ausstellung
mitarbeitete, einen „kosmischen Zusammenhang“.
Insgesamt sind 45 Arbeiten zu sehen aus den Jahren 1957 bis 2020, also
Werke aus sieben Jahrzehnten. Neben den bekannten Nagelobjekten auch
kinetische Arbeiten, wie etwa „Die tanzende Nadel für Pina Bausch“ von
2019, die erstmals überhaupt zu sehen ist und eine historische Nähmaschine
aus dem Kostümfundus von Pina Bausch benutzt, die Uecker in eine tanzende,
nagelbestückte Maschine verwandelt hat. Oder die „Sandmühle“, eine
meditativ-rotierende Installation mit [4][Memento-mori-Charakter], in der
unzählige geknotete Schnüre leise im Kreis schnarren.
Eine eindringliche Ausstellung, die Günther Ueckers Werk in seiner
erstaunlichen Vielfalt würdigt und ihn als hellwachen, auf
gesellschaftliche Prozesse sensibel reagierenden Weltbürger zeigt. Gerade
in der Rückkehr seiner Arbeiten an die einstige Wirkungsstätte früher
Aktionen im Geiste der widerständigen Anarchie der frühen 1960er Jahre
zeigen sie eine berührende Dringlichkeit.
8 Apr 2026
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