# taz.de -- Reichsbürger-Stück am Berliner Ensemble: Taten, die in der Zukunft liegen
> Regisseurin Marie Schwesinger verfolgt den Reichsbürger-Prozess gegen die
> Gruppe Reuß. „Sturm auf Berlin“ über Umsturzfantasien, die in staatliche
> Strukturen reichen.
(IMG) Bild: Die Regisseurin Marie Schwesinger
„Wir brauchen eine Insel“, das ist einer der Sätze aus dem Prozess, der
Marie Schwesinger in Erinnerung bleiben wird. Geschrieben hat ihn eine der
Angeklagten. Dahinter verbirgt sich die Überlegung, eine Nordseeinsel zum
Staatsterritorium zu erklären. Dort eine druidische Glaubensgemeinschaft
auszurufen, um so die Corona-Impfung aus religiösen Gründen ablehnen zu
können. Schwesinger erklärt im Gespräch, wie sich darin viele ideologische
Elemente des Milieus verdichten: ein „Wir gegen den Rest der Welt“, aber
auch ein „Wir verkapseln uns im Schloss Waldmannsheil im Thüringer Wald und
versuchen von hier aus, die Neuordnung Deutschlands zu planen.“ Mutmaßlich,
das müsse man immer dazusagen.
[1][Die Regisseurin] beobachtete seit Jahren mehrere Prozesse gegen
Rechtsextreme: den Mordprozess um [2][Walter Lübcke], das Verfahren gegen
den Bundeswehrsoldaten Franco A. und den NSU 2.0. Nun sitzt sie im
[3][Reichsbürger-Prozess gegen die sogenannte Gruppe Reuß], der seit 2024
an drei Standorten läuft. Im Frankfurter Oberlandesgericht entstanden 1.200
Seiten Protokoll. Sie sind die Grundlage für „Sturm auf Berlin“, das
Theaterstück, das sie im Regie-Nachwuchsprogramm WORX am Berliner Ensemble
entwickelt hat. Darin erforscht sie, was geschieht, wenn der Staat von
innen angegriffen wird.
25 Angeklagte stehen vor Gericht. Ihnen wird die Mitgliedschaft in einer
terroristischen Vereinigung vorgeworfen, dazu die Planung eines gewaltsamen
Umsturzes und Hochverrat. Ein Vorwurf, der für Schwesinger historische
Parallelen öffnet.
## Parallele zum sogenannten Kapp-Putsch
Im März 1920 marschiert das Freikorps „Marinebrigade Ehrhardt“ auf Berlin.
Die Organisation, die hinter dem sogenannten Kapp-Putsch steht, plante
Heimatschutzkompanien in ganz Deutschland. Verdeckte Schläferzellen sollten
auf einen Befehl hin in die Hauptstadt ziehen. Es sei, ergänzt Schwesinger,
dieselbe Gruppe, die später [4][Walther Rathenau und Matthias Erzberger
ermorden würde.] Die Weimarer Republik übersteht den Putsch nur dank eines
landesweiten Generalstreiks. Gut hundert Jahre später soll die Gruppe Reuß
exakt 286 solcher Kompanien geplant haben. Die Parallele ist dem
Anklagedossier im Frankfurter Prozess zu entnehmen, ist also keine
dramaturgische Konstruktion, die Schwesinger zurechtbiegen muss.
Was Schwesinger an diesem Milieu fasziniert, ist auch das, was sie als
größte Herausforderung beschreibt. Es ist heterogen, zusammengesetzt aus
sogenannten besorgten Bürgern und Menschen aus der Ökoszene, die sich oft
beim Demonstrieren gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen gefunden haben.
„Keine klassischen Neonazis.“ Marie Schwesinger erlebt dort Menschen, die
sich selbst als Retter der Demokratie verstehen, die sagen, sie wollten die
demokratischen Strukturen erst wiederherstellen. „Das trifft auf einen
Staat, der versucht zu sagen, das, was ihr vorhattet, war der Sturz der
Demokratie.“
Dabei sind die Angeklagten weder Aussteiger noch Abseitige. Viele waren
Teil staatlicher Strukturen. „Da sitzt der Gründer des KSK, der Teil des
Nato-Hauptquartiers war. Da sitzt jemand, der Teil des
Fallschirmjägerbataillons war. Da sitzt ein Ex-Polizist, der sich sehr klar
antisemitisch in Telegram-Gruppen geäußert hat und zuständig war, ein neues
Sicherheitskonzept für jüdische Gemeinden in Niedersachsen zu entwickeln.
Da sitzen eine Richterin und Bundestagsabgeordnete der AfD.“ Für die Kunst
und das Theater interessiert die Regisseurin daran besonders, was passiert,
wenn solche Denkweisen in den Staat hineinragen. Wenn Menschen mit
Umsturzplänen Zugang haben zu Waffen und zu Informationen, zu Munition und
zu Macht.
## Premiere am 7. Mai
„Sturm auf Berlin“ feiert am 7. Mai Premiere, lange bevor ein Urteil
erwartet wird. Für die Stückentwicklung ist die Frage der Verurteilung aber
auch nicht die Wichtigste. Schwesinger möchte erforschen, wie
Verschwörungserzählungen die Gesellschaft und ihr demokratisches Fundament
porös machen. Damals, beim Kapp-Putsch, wie heute, beim geplanten Putsch
der Gruppe Reuß.
Auch die Sprache, die im Gerichtssaal gesprochen wird, interessiert
Schwesinger. Sie will untersuchen, was Aussagen wie „Wir brauchen eine
Insel“ auslösen, wenn sie diese vom Gerichtssaal in den Theatersaal
transportiert. Sie will Sätze, die im Prozess fielen, auf der Bühne
aufeinanderprallen lassen – sie im Zweifel aber auch auseinandernehmen,
wenn es sich um Verschwörungserzählungen handelt. Wie sie das anstellen
möchte? Sie trägt die Irritation in ihre Inszenierung. Spielende
unterbrechen sich gegenseitig, sagen vielleicht: „Nee, Entschuldigung, das
kann ich nicht sprechen“ oder: „Was hast du da gerade gesagt?“ Dann
sprechen sie weiter, ohne eine große pädagogische Lehrnummer daraus zu
machen.
6 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Luca Klander
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bleibt unfokussiert. Es ist ein Flop voller Ausweichmanöver.