# taz.de -- Bulgakow-Denkmal in Kyjiw: Zwischen Kulturgut und Dekolonialisierung
       
       > Vorige Woche wurde in Kyjiw ein Denkmal von Michail Bulgakov entfernt.
       > Der berühmte Schriftsteller wird in der Ukraine heute zwiespältig
       > gesehen.
       
 (IMG) Bild: Nicht mehr zu sehen im kyjiwer Stadtbild: Denkmäler, die an den Schriftsteller Mikhail Bulgakov erinnern
       
       Man stelle sich vor: ein junger Mann, bestens gekleidet, setzt sich vor dem
       Museum eines berühmten Dichters auf einen prominenten Platz und beginnt,
       deutlich vernehmbar aus dessen Werken zu lesen.
       
       Anerkennende Blicke, vielleicht sogar ein Lob der Museumsleitung, dürften
       ihm sicher sein. Nicht so in Kyjiw. Am Freitag war genau das passiert. Ein
       junger Mann hatte sich auf ein kleines Mäuerchen am Bulgakow-Museum am
       Kopfsteinpflaster des Andreassteigs gesetzt und aus Werken von Michail
       Bulgakow zitiert.
       
       Doch lange konnte er nicht zitieren: sichtlich aufgebracht traten Hanna
       Putova vom Bulgakow-Museum und Museumsleiterin Lyudmila Gubianuri an den
       Mann heran und warfen ihm vor, mit seiner Lesung den Ruf des Museums zu
       beschädigen. [1][Wortlos folgte der junge Mann der Aufforderung, den Ort zu
       verlassen.] 
       
       Die Szene zeigt, wie blank die Nerven in der Stadt liegen, wenn es um den
       1891 in Kyjiw geborenen und 1940 in Moskau verstorbenen ukrainischen
       Schriftsteller Michail Bulgakow geht. Berühmt geworden war Bulgakow vor
       allem durch seine Werke „Die weiße Garde“, „Hundeherz“ und „Der Meister und
       Margarita“.
       
       ## Entfernung wurde 2025 beschlossen
       
       Kyjiws Stadtrat hat am 18. Dezember 2025 beschlossen, das Denkmal des
       Schriftstellers Michail Bulgakow zu entfernen. Der Rat stützt sich auf ein
       Gutachten des Ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung, das im
       Rahmen eines ukrainischen Gesetzes erstellt wurde, das Propaganda der
       russischen imperialen Politik verbietet sowie die „Dekolonisierung“ von
       Orts- und Straßennamen vorsieht.
       
       Dem Gutachten zufolge zählt Bulgakow zu den Persönlichkeiten, die in der
       russischen Propaganda zur Verherrlichung der imperialen Politik des Kremls
       genutzt werden. Dementsprechend sollten Denkmäler solcher Figuren aus den
       ukrainischen Städten entfernt werden.
       
       ## Nicht alle waren für den Abbau des Denkmals
       
       Bereits im April 2024 hatte das Institut Bulgakow als Symbol der russischen
       imperialen Politik eingestuft, das einer „Dekolonisierung“ unterliegt. Der
       Abbau des Denkmals, das den Nachkommen des Denkmalschöpfers übergeben wird,
       hat eine Debatte ausgelöst.
       
       Man dürfe nicht außer Acht lassen, so die Bloggerin [2][Elizabeth Bielska],
       dass Bulgakow der ukrainischen Staatlichkeit, der ukrainischen Sprache und
       der Ukrainisierung feindlich gegenübergestanden habe. In seinen Werken
       würden der ukrainische Unabhängigkeitskampf, die Anhänger von
       Nationalistenführer Simon Petljura und die ukrainische Armee überwiegend
       negativ dargestellt, während seine Sympathien den Kräften gegolten hätten,
       die für ein „einiges und unteilbares Russland“ kämpften. Die Entfernung des
       Denkmals sei kein Angriff auf die Literatur. Seine Bücher könne man
       weiterhin lesen. Eine Ehrung mit einem Denkmal sei nicht angebracht.
       
       ## Vor allem kritisiert, weil er auf Russisch schrieb?
       
       Gegenüber der taz kritisierte die Odessitin Anastasia Piliavsky,
       Anthropologin, Politikwissenschaftlerin und Professorin am King’s College
       London, die Demontage des Denkmals. Sie verbringt jedes Jahr viele Monate
       in Odessa und gründete das Netzwerk Ukrainian Cosmopolis, eine
       zivilgesellschaftliche Gemeinschaft. Bulgakow, unter anderem berühmt
       geworden durch seinen Roman „Hundeherz“, „wahrscheinlich die gnadenloseste
       Satire auf die Absurditäten des sowjetischen Systems“, ist vom Ukrainischen
       Institut für Nationales Gedenken als Symbol russisch-imperialer Propaganda
       eingestuft. Nach Ansicht von Piliavsky stützt sich diese Bewertung jedoch
       vor allem darauf, „dass er einen Teil seiner Karriere in Moskau verbrachte
       und auf Russisch schrieb“.
       
       Besonders kritisch sieht Piliavsky die sprachpolitische Dimension dieser
       Entscheidung. Bulgakow habe in einer Sprache geschrieben, „die für
       Millionen Ukrainer bis heute Muttersprache ist, darunter viele Verteidiger
       der Ukraine an der Front“. Zugleich werde diese Sprache von den Ideologen
       der staatlichen Dekolonisierung „immer häufiger nicht als Sprache
       ukrainischer Bürger, sondern ausschließlich als Sprache des Besatzers
       dargestellt“.
       
       Piliavsky beschreibt die Folgen der Entscheidung als gesellschaftliche
       Spaltung. Während „ethnonationalistische Aktivisten einen symbolischen Sieg
       feiern“, erlebe „ein erheblicher Teil Kyjiws einen Verlust“. Dies zeige
       sich deutlich in den sozialen Netzwerken, wo die Entscheidung „eine Welle
       der Empörung ausgelöst“ habe.
       
       ## Eigentlich geht es um Identitätsfragen
       
       Für Piliavsky berührt die Debatte eine grundsätzliche Frage der
       ukrainischen Identität und ihrer internationalen Wahrnehmung. Die Ukraine
       müsse sich in der Welt „nicht nur durch die Tragödien des Krieges
       behaupten, nicht nur als Land von Buschtscha und Tschornobyl“. Um einen
       festen Platz in der globalen kulturellen Vorstellungskraft einzunehmen,
       brauche das Land bedeutende Schriftsteller von internationalem Rang.
       
       „Das Land braucht Babel, Gogol, Bulgakow, Scholem Alejchem und Lessja
       Ukrajinka – ukrainische Schriftsteller von weltweiter Bedeutung“, schreibt
       Piliavsky. Die kulturelle Strahlkraft dieser Autoren könne dazu beitragen,
       die Ukraine nicht allein über Krieg, Leid und Zerstörung zu definieren.
       „Der Abriss von Denkmälern bringt dieses Ziel nicht näher“, argumentiert
       sie. „Eher das Gegenteil ist der Fall.“
       
       Auch Präsident Selenskyj liest Bulgakow. [3][Ein im Februar 2021
       aufgenommenes Video] zeigt den in diesem Video russisch sprechenden
       Präsidenten mit einem Stapel von Bulgakow-Büchern. Bulgakow, so Selenskyj,
       sei „unser ukrainischer Schriftsteller, den wir genauso wie unsere
       Territorien niemandem abgeben oder schenken wollen“.
       
       8 Jun 2026
       
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