# taz.de -- Neue Gesundheitspolitik in Russland: Russinnen ohne Kinderwunsch sollen zum Psychologen
       
       > Der Druck auf Frauen in Russland, Kinder zur Welt zu bringen, ist
       > traditionell groß. Nun steht eine neue Initiative des
       > Gesundheitsministeriums in der Kritik.
       
 (IMG) Bild: Spaziergängerin in St. Petersburg: Das Gesundheitsministerium will eine „positive Einstellung“ zur Mutterschaft
       
       dpa | Frauen ohne einen [1][Kinderwunsch] in Russland sollen künftig von
       ihrem Arzt an einen Psychologen überwiesen werden. So will es Moskaus
       Gesundheitsministerium – und hat damit selbst bei dem von Kremlchef
       Wladimir Putin gesteuerten Menschenrechtsrat scharfe Kritik ausgelöst.
       Schon jetzt ist der Druck auf Frauen in Russland, Kinder zur Welt zu
       bringen, massiv. Doch angesichts niedriger Geburtenraten wird der Kampf um
       die Gebärmütter immer verzweifelter im flächenmäßig größten Land der Erde.
       
       Antworten Frauen bei Vorsorgeuntersuchungen zur reproduktiven Gesundheit
       auf die Frage ihres Arztes, wie viele Kinder sie „unter Berücksichtigung
       ihrer aktuellen Lebensumstände“ haben möchten, mit „keine“, sollen sie
       „Hilfe“ von einem Psychologen erhalten. Zwar handelt es sich um
       Empfehlungen, aber in einem autoritären Staat wird so etwas schnell als
       Pflicht verstanden.
       
       Ziel der Maßnahme, erklärt das Ministerium, sei die Verhinderung von
       Schwangerschaftsabbrüchen und die Förderung einer „positiven Einstellung“
       zur Mutterschaft. Genau darum aber ist nun eine Debatte entbrannt, weil
       Experten vor einer Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Frauen und
       Eingriffen in die Privatsphäre von Menschen warnen.
       
       ## Kritik am „Zwang zur Fortpflanzung“ – Probleme in Russland
       
       Auch in dem sonst Putin treu ergebenen Menschenrechtsrat des Präsidenten
       regt sich Widerstand. „Zwang zur Fortpflanzung. Anders kann ich diese
       Initiative nicht bezeichnen, die eine Frau von einer freien Persönlichkeit
       in ein Instrument zur Verbesserung der demografischen Lage verwandelt“,
       schimpft die Ärztin Olga Demitschewa in dem Gremium.
       
       „Ich bin überzeugt, dass sich die meisten Frauen ein Leben ohne
       Mutterschaft nicht vorstellen können. Aber diejenigen, die andere
       Lebenspläne haben, brauchen keine ‚korrigierende Pädagogik‘“, sagt sie.
       
       Klar ist, dass Russland wie viele Industriestaaten nicht ausreichend
       Geburten aufweist, um seine Bevölkerung auf einem stabilen Niveau zu
       halten. Mit 1,37 Kindern je Frau (2025) stehen die Russinnen zwar etwas
       besser da als Frauen in Deutschland, die auf durchschnittlich 1,30 Kinder
       kommen. Allerdings verweisen Experten darauf, dass es mindestens 2,1 Kinder
       je Frau bräuchte, um die demografische Entwicklung stabil zu halten.
       
       ## Deutsche Expertin: Anreize schaffen statt bestrafen
       
       Die Expertin Catherina Hinz erklärt, dass der Kinderwunsch allgemein
       zurückgehe. Es sollte lieber Anreize geben für Menschen, die Nachwuchs
       haben möchten, als jene zu bestrafen, die keine Kinder wollen. „Das kommt
       einer Entmündigung gleich“, sagt die Geschäftsführerin am Berlin-Institut
       für Bevölkerung und Entwicklung zu der umstrittenen Initiative in Russland.
       
       Zudem werde in Zeiten mit vielfältigen Krisen und unsicheren Perspektiven
       der Kinderwunsch oft zurückgestellt, bei wirtschaftlichem Aufschwung
       hingegen ändere sich das, sagt Hinz. Wichtig seien viel mehr Anreize wie
       die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine ausreichende Zahl an
       Kinderbetreuungsplätzen.
       
       ## Kremlchef Putin macht Druck
       
       Kremlchef Putin selbst hat die Steigerung der Geburtenzahlen immer wieder
       als dringlichste Aufgabe genannt. Es gehe um die Existenz Russlands,
       betonte er und forderte immer neue Vorschläge von seinen Beamten. Die Liste
       der Maßnahmen ist inzwischen lang. So erhalten etwa bisweilen Schülerinnen
       Prämien, wenn sie bei einer Schwangerschaft das Kind austragen.
       
       [2][Frauen sehen sich oft gedrängt, möglichst früh schwanger zu werden],
       damit sie ihre Fruchtbarkeitsspanne voll ausnutzen. Gesundheitsminister
       Michail Muraschko sagt, Frauen sollten sich nicht um ihre Ausbildung und
       Karriere, sondern zunächst um den Nachwuchs kümmern. „Eine Frau muss
       verstehen: Je früher sie gebiert, umso besser.“
       
       Der unabhängige russische Bevölkerungsforscher Alexej Rakscha beklagt eine
       ideologisierte Debatte in Russland um die Geburten und eine „totale
       Unfähigkeit“ der Bürokraten. „Sie hören sich keine Ratschläge von Experten
       an“, sagt der Wissenschaftler der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.
       
       Schwangerschaftsprämien, wie es sie etwa für Studentinnen gibt, hält
       Rakscha für wirkungslos. Dagegen habe Russland inzwischen viele Familien
       mit drei und vier Kindern, aber das reiche nicht. Es müsse vielmehr Geld in
       die Hand genommen werden, um die Geburtenrate dauerhaft zu erhöhen.
       
       ## Orthodoxe Kirche gegen Schwangerschaftsabbrüche
       
       Vor allem setzt die Staatsführung auf Propaganda. Die Werbebranche in
       Russland ist aufgerufen, bei Clips möglichst glückliche Familien mit vielen
       Kindern zu zeigen. Besonders geehrt werden jene mit zehn oder mehr Kindern,
       die den Titel Mutterheldin samt Orden erhalten. Dagegen ist es verboten,
       offen über freiwillige Kinderlosigkeit zu sprechen – das steht als
       Propaganda der sogenannten Childfree-Bewegung unter Strafe. „Childfree“ ist
       Englisch und bedeutet „kinderfrei“.
       
       Gesellschaftliches Debattenthema sind auch Schwangerschaftsabbrüche. Die
       unter den Kommunisten in der Sowjetunion vergleichsweise liberale Praxis
       ist bei vielen Frauen in Russland im Bewusstsein verankert. Deshalb hat es
       die inzwischen wachsende Fraktion der Abtreibungsgegner in Russland schwer.
       
       Formell sind Abtreibungen in Russland zwar erlaubt. In der Praxis gibt es
       aber zunehmend Klagen darüber, dass sie je nach Region und Klinikart schwer
       bis gar nicht mehr zugänglich sind.
       
       Vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, eine wichtige Machtstütze für
       Putin, nutzt ihren Einfluss, [3][um Stimmung gegen Abtreibungen zu machen].
       So gibt es etwa auch in Kriegszeiten wie jetzt bei dem für das Land extrem
       verlustreichen Angriff auf die Ukraine Propagandaplakate, die daran
       erinnern, dass Russland Nachwuchs braucht.
       
       22 Mar 2026
       
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       mit mir alleine sein? Unsere Autorin hat für sich eine Antwort gefunden.