# taz.de -- Genozid-Gedenken: Als Ruandas Witwen nicht mehr schwiegen
       
       > Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda 1994 hinterließ unzählige Witwen.
       > Sie trockneten ihre Tränen und organisierten sich - und veränderten das
       > Land.
       
 (IMG) Bild: Esther Mujawayo verlor beim Völkermord an den Tutsi in Ruanda fast ihre ganze Familie und gründete danach eine Witwenorganisation
       
       Es gab in Ruanda noch kein Wort für „Völkermord“, als im Frühjahr 1994
       [1][bis zu eine Million Tutsi systematisch getötet] wurden – zerhackt,
       erschlagen, erschossen, totgeprügelt, verstümmelt, ertränkt, verbrannt,
       lebendig begraben, zerrissen, erhängt. Es gab auch kein Wort für „Trauma“,
       als Ruandas Tutsi-Guerilla RPF im Sommer 1994 das Land eroberte und die für
       den Völkermord verantwortliche Armee und Hutu-Milizen nach Kongo verjagte.
       Gerade rechtzeitig, bevor alle Tutsi tot waren.
       
       In Ruandas traditioneller Kultur spricht man nicht über schlimme
       Erlebnisse, schreibt die Völkermordüberlebende Esther Mujawayo in [2][ihren
       Memoiren]: „Was du für dich in deinem Bauch behältst, das kann dir niemand
       nehmen. Aber was wir im Genozid durchlebt und überlebt haben, das kann kein
       Mensch in einem Bauch behalten, sonst würde alles im Bauch explodieren.“
       
       Direkt nach dem Genozid sind 70 Prozent der Bevölkerung Ruandas Frauen.
       Viele von ihnen sind Witwen, viele Tutsi-Frauen haben alles verloren. Ihre
       Familien sind tot. In ihren alten Häusern leben Mörder, unbehelligt. Die
       Leichen des Mannes und der Kinder und der Tanten und Onkel und Neffen und
       Nichten und Schwiegereltern und Freunde und Bekannten verwesen alle
       irgendwo, verscharrt vielleicht direkt unter der Erde, oder in der Latrine
       im Garten, oder hinter den Bananenstauden am Haus - wo genau, wissen nur
       die Mörder, aber sie verraten es nicht und die neue RPF-Staatsmacht hat
       andere Sorgen.
       
       Esther Mujawayo berichtet, wie sie Tutsi-Witwen in verlassenen
       Schweineställen vorfand – Autos von Hilfswerken brausten blind an der
       Straße vorbei, auf dem Weg in ein Lager für flüchtige Hutu. Wie kommt man
       damit klar, ohne dass „alles im Bauch explodiert“?
       
       ## „Es gab nur Weinen“
       
       „Es gab nur Weinen, Weinen, Dunkel“, erinnert sich im Gespräch Denise
       Uwimana, selbst Völkermordwitwe, die im äußersten Südwesten des Landes
       ihren Mann und weitere Angehörige verlor und im Versteck ihr drittes Kind
       zur Welt brachte. „Man wusste nicht, was kommt“. Denn auch nach dem Ende
       des Völkermordes wurden Überlebende immer wieder von marodierenden Tätern
       angegriffen, und die Frauen ohne Angehörige waren schutzlos. Irgendwann
       begannen die Witwen, sich zu treffen: „Im Dorf, nachts. Denn am Tag hatten
       wir Angst, dass die Mörder uns wiederfinden. Wir haben darüber gesprochen,
       wie wir leben: alleine.“
       
       Auch Esther Mujawayo, die fast ihre gesamte Großfamilie verlor, erinnert
       sich an ihre ersten Witwentreffen. In einem Vortrag schildert sie: „Wir
       sind zusammengekommen und wir haben angefangen zu weinen. Zu erzählen, zu
       reden. Und langsam haben wir gemerkt: Die Frauen haben überlebt, weil sie
       vergewaltigt wurden. Jeden Tag, für drei Monate.“
       
       Aus den Witwentreffen wurde die Witwenorganisation [3][Avega (Association
       des Veuves du Génocide), Verband der Witwen des Völkermordes vom April].
       Amahozo, der ruandische Zusatz des Namens, bedeutet: Trockne deine Tränen.
       Die Organisation wurde am 15. Januar 1995 in Kigali gegründet, Esther
       Mujawayo wurde Vizepräsidentin. Avega machte schnell von sich reden. Am 6.
       April 1995, zum ersten Völkermordjahrestag, [4][schrieb Mujawayo in der
       taz,] ihr Verband habe im März eine Demonstration organisiert, damit die
       neue Regierung Verantwortung für die Witwen übernimmt. Die Frauen wollten
       nicht mehr schweigen.
       
       „Wir müssen die Leute begraben, wir müssen die Gräber unserer Familien
       markieren“, berichtete Mujawayo. „Meine Tante wurde auf einer Toilette
       umgebracht, also haben wir sie überdacht und gekennzeichnet.“ Und sie
       beschrieb die Wut der Überlebenden: „In meinem Elternhaus ist nichts mehr
       übrig - nur ein paar Ziegelsteine. Daneben sind zwei Häuser, die den
       Mördern gehören - wenn ich nun hinginge und die Häuser zerstörte, würde man
       mich verhaften, aber diese Leute haben meine Familie umgebracht und werden
       nicht bestraft. Die Politiker reden vom Zusammenleben, aber das ist Gerede
       – die Wirklichkeit ist viel schwerer.“
       
       Mujawayo ließ sich in Großbritannien als Traumatherapeutin schulen und
       machte mit ihren Freundinnen aus Avega einen großen Verband mit inzwischen
       Zehntausenden Mitgliedern. Es gibt Selbsthilfeprojekte, Rechts- und
       Gesundheitsberatung, Unterstützung im Alltag, Witwen nehmen Waisen auf.
       
       „Die Witwen haben sich entwickelt“, bilanziert auch Denise Uwimana, die
       ihren eigenen christlich orientierten Witwenverband gegründet hat,
       [5][Iriba Shalom – Quelle des Friedens]. Anders als in den ersten Jahren
       kann man heute die Toten begraben und beweinen, stellt sie fest und erzählt
       von ihrer 100-jährigen Schwiegermutter, die in einer von ihrem
       Witwenverband eingerichteten Seniorenresidenz lebt: Neulich sang dort vor
       den alten Frauen ein Chor von Kindern der Mörder. Ein Völkermordtäter
       fragte die Witwen, ob sein Sohn bei ihnen seine Hochzeit ausrichten kann.
       Nach einigem Überlegen sagten sie: ja. Man müsse das Böse mit Gutem
       überwinden, sagt Denise Uwimana, mit den Nachbarn gut umgehen statt böse
       wie 1994.
       
       Die Alten sind Heldinnen eines Kulturwandels, der die ruandische
       Gesellschaft von den Rändern aus ergriffen hat. Das Gedenken an den Genozid
       von 1994 beginnt in Ruanda jedes Jahr am 7. April. Viele der Witwen von
       damals leben nicht mehr. Aber sie haben das Land verändert. Ruanda hat den
       höchsten Frauenanteil im Parlament weltweit und gilt als führend bei der
       Gleichstellung von Frauen – gleiche Erbrechte seit 1999, gleiche Landrechte
       seit 2005, Förderprogramme für Alleinstehende, um nur ein paar Beispiele zu
       nennen.
       
       Das wäre ohne die Witwenverbände nicht denkbar gewesen, ebenso wenig der
       Umstand, dass viel mehr Frauen heute in Ruanda selbstbewusst und
       eigenständig auftreten und auch prägen, wie in der Gesellschaft über die
       dunkle Vergangenheit gesprochen wird. All das liegt auch an Gesichtern wie
       Esther Mujawayo und Denise Uwimana, die beide heute in Deutschland leben.
       
       7 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-Voelkermord-in-Ruanda/!t5013600
 (DIR) [2] https://www.suedwind-magazin.at/esther-mujawayosoud-belhaddad-ein-leben-mehr/
 (DIR) [3] https://avega-agahozo.org/
 (DIR) [4] /Ueber-unsere-Trauer-reden/!1513609
 (DIR) [5] https://iriba-shalom-international.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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