# taz.de -- Panafrikanismus in Sierra Leone: Als Schwarzer Stolz in Freetown gefeiert wurde
> Die Lehrerin Adelaide Casely-Hayford gründete in ihrer Heimat Sierra
> Leone 1923 eine Mädchenschule. Was sie anstieß, lies sich nicht
> aufhalten.
(IMG) Bild: Adelaide Casely-Hayford in Kente-Outfit, einem handgewebten, ghanaischem Stoff, der auch in Sierra Leone getragen wird
Vielleicht war es eine Erfahrung in Baden-Württemberg, die dem Leben von
Adelaide Casely-Hayford eine neue Richtung gab. Als 17-jähriges Schwarzes
Mädchen aus Westafrika, kam sie 1885 ans Stuttgarter Konservatorium, um
dort Musik zu studieren. Doch während sie an ihrer englischen Schule stets
mit Wärme und Herzlichkeit behandelt worden war, herrschte in Deutschland
eine ganz andere Atmosphäre.
„Ich wurde sofort zur größten Kuriosität“, schreibt sie in ihren 1953
veröffentlichten Memoiren. Als sie in einen Laden geht, fliehen alle
Mitarbeitenden vor ihr. „Glücklicherweise rettete mich mein Sinn für Humor
und ich konnte einen riesigen Witz daraus machen, aber es schmerzte mich.“
Die Ablehnung, die Casely-Hayford in Deutschland begegnete, war ihr auch in
ihrer Geburtsstadt Freetown in Sierra Leone nicht unbekannt. Unter
britischer Kolonialherrschaft herrschte dort [1][ein System, in dem die
afrikanische Identität systematisch abgewertet wurde]. Bildung bedeutete
damals vor allem Anpassung an europäische Werte und ein Weltbild, das
allein den Westen als „zivilisiert“ verstand.
Casely-Hayford, die als Kind einer wohlhabenden Familie aufwuchs und viele
Jahre in England verbrachte, machte sich nach ihrer Rückkehr nach Freetown
auf, daran etwas zu ändern. 1923 gründete sie dort eine Mädchenschule – ein
revolutionärer Schritt in einer Zeit, in der Frauenbildung als
nebensächlich galt.
„Hundert Jahre“ hinterher, sagte Casely-Hayford, sei die Bildung für Frauen
im Vergleich zu der für Männer, es gebe nichts, was sie auf die Kämpfe des
Lebens vorbereite. Entsprechend ging ihr Lehrplan weit über Lesen, Rechnen
und Schreiben hinaus: Er zielte auf wirtschaftliche Unabhängigkeit von
Frauen und ein gestärktes afrikanisches Selbstbewusstsein.
## Den Prinz of Wales empfing in traditioneller Kleidung
Wie viel Mut ihr Weg erforderte, zeigte sich auch 1925 beim Besuch des
Prinzen von Wales in Sierra Leone. Casely-Hayford rief Frauen dazu auf, in
traditioneller Kleidung zu erscheinen. Während die meisten aus Angst darauf
verzichteten, trat sie stolz in ihrer traditionellen Buba und Lappa auf.
Neben ihrer Arbeit als Lehrerin wurde sie zu einer prägenden Stimme des
[2][Panafrikanismus]. 1915 hielt sie in Freetown einen öffentlichen Vortrag
über „Die Rechte der Frauen und die christliche Ehe“, in dem sie ihre
Vision zur Stärkung der Rechte afrikanischer Frauen und zur Verbesserung
der Bildungschancen junger Frauen darlegte. Ihr Engagement führte sie 1927
in die USA zum vierten Panafrikanischen Kongress, wo sie sich mit der
globalen Diaspora vernetzte.
Adelaide Casely-Hayford starb im Januar 1960 in Freetown. Obwohl ihre
Schule schließen musste, ließ sich das, was sie angestoßen hatte, nicht
mehr aufhalten. Ihr Einsatz für die Bildung afrikanischer Frauen, für
panafrikanisches Bewusstsein und weibliche Selbstbestimmung hinterließ ein
Erbe, das bis heute nachwirkt.
2 May 2026
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