# taz.de -- Filetgrundstück an der Förde in Kiel: Bundeswehr will Freiraum wiederbesetzen
       
       > 13 Jahre nach dem Abzug will die Marine das MFG-5-Gelände zurück. Die
       > Stadt hat versäumt, es zu bebauen – und sucht nun einen Kompromiss.
       
 (IMG) Bild: Sahneschnitte: Den versprochenen Wohnungsbau mit Fördeblick hat die Stadt verbummelt
       
       Der Unterstand aus Brettern und Paletten auf dem Gelände des ehemaligen
       Marinefliegergeschwaders (MFG) 5 in Kiel bietet beste Aussicht auf die
       Ostsee, die an diesem Februarnachmittag unter einem regendunklen Himmel
       liegt.
       
       Drinnen sitzen Waldmeister, Welle und Lizzy in dicken Jacken und Mützen als
       Schutz gegen den Wind, der durch die Ritzen weht. Die drei gehören zu einer
       Gruppe von Aktivist:innen, die abwechselnd seit Ende Oktober im Unterstand
       oder [1][in einem Baumhaus in einem benachbarten Gehölz] ausgeharrt haben.
       
       Mit der Besetzung protestieren sie dagegen, dass die Bundeswehr das
       Gelände, das sie 2013 an die Stadt abgetreten hatte, nun wieder
       zurückkaufen könnte. „Es gibt bessere Nutzungen als durch das Militär“,
       sagt Welle.
       
       „Wir sehen durchaus, dass man angesichts des russischen Angriffskrieges auf
       die Ukraine anders über Schutz nachdenken muss als früher“, ergänzt
       Waldmeister. „Aber wir müssen aufpassen, dass wir bei der Verteidigung
       unserer Freiheit diese Freiheit nicht verlieren.“ Die Aktivistin meint
       damit, wie zurzeit hinter den Kulissen über den Rückkauf des Geländes
       verhandelt wird, ohne Bevölkerung und Betroffene einzubeziehen.
       
       ## Gespräche zwischen Stadt und Bundeswehr
       
       Eigentlich sollte auf den rund 90 Hektar des MFG-5-Geländes das neue Wohn-
       und Geschäftsviertel Holtenau-Ost entstehen, [2][die Kieler Verwaltung
       sprach von einem „Sahnestück der Stadtentwicklung“].
       
       Bereits heute nutzen verschiedene Gruppen die Fläche: In den früheren
       Kasernen leben Geflüchtete, Skater:innen trainieren auf einem
       überdachten Platz, und die [3][Wohnwagen-Gruppe „Schlagloch“] ist im Sommer
       2024 eingezogen. Aber „Schlagloch“ hat eine Kündigung erhalten, auch den
       Skater:innen teilte die Stadt mit, dass demnächst Schluss sein soll.
       
       Offenbar stehen die Verhandlungen zwischen der Stadt, vertreten durch
       Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD), und der Bundeswehr kurz vor dem
       Abschluss. Am 6. März soll ein weiteres und vielleicht schon abschließendes
       Gespräch stattfinden, berichteten die Kieler Nachrichten. Dann liegt das
       letzte Wort bei der Kieler Ratsversammlung.
       
       Ulf Kämpfer, dessen Amtszeit im April endet, hat bereits zu Beginn der
       Verhandlung klargemacht, dass er auf eine gemischte Nutzung der Fläche
       setzt. Sein gewählter Nachfolger, der Grüne Samet Yilmaz, [4][postete auf
       Instagram], er „würde es gut finden, dass diese schöne Ecke weiterhin den
       Kielerinnen und Kielern zur Verfügung steht“. Zudem solle die Bundeswehr im
       Tausch andere Flächen für Wohnbau anbieten – auch das klingt, als könne er
       mit einer Aufteilung des Geländes leben.
       
       Also ein bisschen Militär und ein bisschen zivile Nutzung? Für die
       Besetzer:innen ist das keine Option. „Wer will nebenan wohnen, wenn da
       vielleicht mit scharfer Munition geübt wird?“, fragt Welle. Fast 100 Jahre
       lang sei die Fläche für zivile Nutzung gesperrt gewesen. „Das ist wie ein
       Sperrriegel, der die entfernteren Stadtviertel abschneidet“, sagt Welle.
       
       Zurzeit gibt es einen Rad- und Spazierweg, der parallel zur Förde durch das
       Gelände führt. Die Aktivist:innen fürchten um diese Verbindung, wenn
       die Bundeswehr zurückkomme. Selbst wenn einige Hektar für zivile Gebäude
       übrigblieben – der großzügige Charme des ehemaligen Flugplatzes wäre dahin.
       Sollte sozialer Wohnungsbau entstehen, wäre er an den Rand gedrängt.
       
       Die Opposition im Kieler Rat kritisiert seit Langem, dass die Verwaltung
       [5][zu viel Zeit mit Planungen verschwendet hat, statt zu bauen und Fakten
       zu schaffen].
       
       Doch der Leerstand kam denen zugute, die das Gelände zurzeit nutzen. Fällt
       nun eine Entscheidung zugunsten der Bundeswehr, träfe das unter anderem
       eine Gruppe aus Frauen, Lesben, intergeschlechtlichen, nichtbinären,
       transgeschlechtlichen und agender Personen (FLINTA), die sich regelmäßig
       zum Skate-Training trifft.
       
       „Das Gelände ist perfekt für uns, weil es auch ein Rückzugsort ist“, sagt
       Helena, eine Sprecherin der Gruppe. „Als die Nachricht kam, dass wir
       wegmüssen, war ich den Tränen nahe.“ Ein geplantes Skate-Festival im Sommer
       werde wohl noch stattfinden können, das habe Oberbürgermeister Kämpfer bei
       einer Veranstaltung zugesichert. „Aber von allein haben wir diese Info
       nicht bekommen“, sagt Helena.
       
       Dass Informationen so zögerlich fließen, weil die Stadt auf
       Geheimhalte-Zusagen gegenüber der Bundeswehr verweist, beklagt auch Ciri,
       die zu den rund zwei Dutzend Mitgliedern der Schlagloch-Gruppe gehört. Für
       sie hat die Entscheidung die größte Auswirkung, denn einen neuen Platz für
       ihre Wagen gibt es noch nicht. „Wir reden im Moment mit allen, die mit uns
       reden wollen“, sagt Ciri.
       
       Die Reaktionen seien zwar meist positiv, etwa in der Kommunalpolitik. Aber
       es schwanke von Monat zu Monat: „Mal macht man uns Hoffnung, mal gehen wir
       frustriert aus einem Gespräch.“ Eine echte Alternative gebe es noch nicht.
       
       Aber aufgeben werde die Gruppe auf keinen Fall, betont Ciri: „Wir wollen in
       Kiel bleiben und am liebsten noch wachsen.“ Unter dem Dach des Kieler
       „Bündnisses für bezahlbaren Wohnraum“ arbeiteten alle Beteiligten an
       Strategien für den Tag, an dem die Stadt eine Entscheidung trifft. Denkbar
       ist etwa ein Bürgerbegehren. Doch das kann frühestens starten, wenn ein
       Beschluss vorliegt.
       
       ## Marinewerft ist schon da
       
       Oder ist die Entscheidung bereits gefallen? Darauf deutet ein Gebäude hin,
       das inmitten der brüchigen Hallen und alten Backsteinkasernen in frischer
       Farbe leuchtet. Ein Sicherheitszaun umgibt die Halle, Schilder warnen vor
       Kameraüberwachung.
       
       Hier ist eine Werft eingezogen: Das mittelständische Unternehmen „Gebrüder
       Friedrich Kiel“ wolle in Zusammenarbeit mit dem finnischen Unternehmen
       „Marine Alutech“ künftig unter anderem Marineboote bauen, berichtet der
       NDR.
       
       „Ich wette, dass die Werft keine Kündigung bekommen hat“, sagt Aktivist
       Welle. Ihn stört, wie eng sich die Stadt zurzeit an die Bundeswehr bindet.
       So habe Ulf Kämpfer bei einer Veranstaltung davon gesprochen, dass Kiel und
       die Marine eine „Schicksalsgemeinschaft“ bilden.
       
       Ja, aber zuungunsten der Stadt, sagt Welle: „Kiel hat in jedem Krieg
       gelitten, Kiel hat bis auf die Kreuzfahrt-Terminals, die wieder andere
       Probleme mit sich bringen, keinen eigenen zivilen Hafen.“ Holtenau-Ost sei
       eine Chance, das zu ändern.
       
       Den Winter über blieben die Besetzer:innen in ihrem Baumhaus ungestört,
       bis zu minus zehn Grad war es in ihrer luftigen Höhe an manchen Tagen kalt.
       Jetzt, kurz vor der vermutlich letzten Verhandlungsrunde, kam ein Anruf des
       Ordnungsamtes: Die Stadt möchte über ein mögliches Ende der Besetzung
       reden.
       
       1 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /TKKG-ist-gekommen-um-zu-bleiben/!6124987
 (DIR) [2] https://www.kiel.de/de/kiel_zukunft/kiel_plant_baut/_wettbewerb_mfg5/wettbewerb.php
 (DIR) [3] /Bauwagen-Gruppe-appelliert-an-Stadt/!5825873
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/reel/DR69VGIAEPD/
 (DIR) [5] /Kasernen-statt-Wohnungen/!6103744
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Esther Geisslinger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Stadtentwicklung
 (DIR) Marine
 (DIR) Kiel
 (DIR) Kaserne
 (DIR) Bundeswehr
 (DIR) Wohnungsbau
 (DIR) Bauwagen
 (DIR) Aktivismus
 (DIR) Klima
 (DIR) Bundeswehr
 (DIR) Kiel
 (DIR) Bundeswehr
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ehemalige US-Kaserne in Heidelberg: Kasernen statt Modellquartier
       
       Auf einem 100 Hektar großen Gelände soll eigentlich ein Modellquartier für
       bezahlbares Wohnen entstehen. Wegen der Sicherheitslage hat die Bundeswehr
       andere Pläne.
       
 (DIR) TKKG ist gekommen, um zu bleiben: Besetzung mit Meerblick
       
       Die Bundeswehr fordert in Kiel ein Ex-Militärgelände zurück, auf dem ein
       Wohnviertel entstehen soll. Die Turbo-Klima-Kampf-Gruppe hat es nun
       besetzt.
       
 (DIR) Kasernen statt Wohnungen: Bundeswehr will Fliegerhorst zurückerobern
       
       Auf dem ehemaligen Marine-Gelände an der Förde plant die Stadt Kiel seit
       Jahren Wohnungen. Jetzt meldet das Militär wieder Bedarf an.