# taz.de -- Tierschutz: Verband klagt gegen CO2-Betäubung von Schweinen
       
       > In der EU werden Schweine vor der Schlachtung meist mit Kohlendioxid
       > betäubt und leiden darunter. Ob das so bleibt, muss nun ein Gericht
       > entscheiden.
       
 (IMG) Bild: Nach der Befüllung kommt die Entladung – darauf, dass es um Lebewesen geht, deutet nichts hin
       
       Die Videos zeigen alle das Gleiche: Ein dunkler Schacht, ein stählerner
       Käfig, darin vier, manchmal auch fünf Schweine eng aneinandergedrängt.
       Während die Gondel immer tiefer in den mit Kohlendioxid gefüllten Schacht
       fährt, werden die Tiere unruhig. Sie klettern übereinander, versuchen sich
       zwischen den engen Gitterstäben hindurchzuzwängen. Manche kreischen so
       laut, dass das Mikrofon übersteuert. Nach einiger Zeit bleiben die Schweine
       regungslos liegen.
       
       Was Tierschutzaktivist:innen 2024 im Schlachthof Brand [1][im
       niedersächsischen Lohne dokumentierten], ist das deutsche Standardverfahren
       für die Schlachtung von Schweinen. Ungefähr 80 Prozent der Tiere werden
       hierzulande mit CO2 zunächst betäubt und dann getötet.
       
       Jetzt geht der Landestierschutzverband Niedersachsen gerichtlich gegen
       diese Methode vor. Am Mittwoch hat die Organisation eine Verbandsklage
       gegen das Veterinäramt Vechta eingereicht. Darin wirft sie der Behörde vor,
       die CO2-Betäubungen im Schlachthof Brand nicht unterbunden zu haben.
       Bereits Ende 2025 habe der Tierschutzverband das Veterinäramt aufgefordert,
       tätig zu werden.
       
       Die Klage betrifft einen einzelnen Schlachthof, doch am Ende des Verfahrens
       könnte eine Grundsatzentscheidung mit weitreichenden Folgen stehen. Es sei
       zu klären, ob die Betäubung mit Kohlendioxid nach aktuellem
       wissenschaftlichen Stand überhaupt noch tragbar ist, sagt Dieter Ruhnke,
       Vorsitzender des Landestierschutzverbandes.
       
       ## „Aus tiermedizinischer Sicht problematisch“
       
       Umstritten ist die Methode schon lange. Bereits 2004 [2][stellte die
       Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) fest], dass die hohen
       CO2-Konzentrationen bei Schweinen reizend wirken. „Aus tiermedizinischer
       Sicht ist die CO2-Betäubung in höchstem Maße problematisch“, sagt
       Marietheres Reinke von der NGO Expertise for Animals. Das Gas reize die
       Schleimhäute, verursache stechende Schmerzen in den Atemwegen und führe zu
       Atemnot. In ihrer Panik würden die Tiere versuchen, aus den Käfigen
       auszubrechen und sich dabei häufig selbst verletzen.
       
       Die Kläger:innen sehen darin einen Verstoß sowohl gegen das deutsche
       Tierschutzgesetz als auch gegen die EU-Schlachtverordnung. Dort wird die
       CO2-Betäubung explizit als erlaubtes Verfahren genannt.
       
       Dennoch sei sie unzulässig, argumentiert David Westermann, der die Klage
       als Rechtsanwalt vor Gericht bringt. In der EU-Verordnung stehe eben auch,
       dass Tiere „von vermeidbaren Schmerzen, Stress und Leiden“ verschont werden
       müssen. Und dass das Leid der Tiere vermeidbar sei, stehe außer Frage.
       „CO2-Betäubung entspricht nicht mehr dem Stand der Wissenschaft, es gibt
       gut erforschte Alternativen“, sagt Westermann.
       
       Die EFSA empfiehlt seit einigen Jahren, CO2 durch andere Gasgemische zu
       ersetzen. Argon und Stickstoff führten [3][in einer Studie] zu weniger
       qualvollen Betäubungen, sind allerdings teurer als CO2. Außerdem müssten
       die Schweine dem Gas länger ausgesetzt sein, was weniger Schlachtungen pro
       Minute bedeuten würde. Häufig stehen wirtschaftliche Argumente gegen den
       Tierschutz.
       
       ## Filmaufnahmen sind selten
       
       „Wirtschaftliche Gründe sind keine vernünftigen Gründe“, sagt die
       Tierschützerin Anna Schubert, die sich 2024 Zutritt zum Gelände des
       Schlachthofs Brand verschafft hatte, um die Betäubung der Schweine zu
       dokumentieren. Sie sei selbst in den CO2-Schacht gestiegen, um dort Kameras
       zu installieren. Das Erlebnis verfolge sie bis heute. „Es ist eine
       Absurdität, dass so was überhaupt jemals zugelassen wurde.“
       
       Aufnahmen wie die von Schubert sind selten. Videos aus dem CO2-Schacht gab
       es in Deutschland noch nie. Sie zeigen die unschöne Realität hinter den
       (Bio-)Gütesiegeln, mit denen sich auch der Schlachthof Brand schmückt. Auch
       deshalb geht die Brand Qualitätsfleisch GmbH wohl so entschieden gegen die
       Tierschützer:innen vor. Der Betreiber des Schlachthofs hat [4][Schubert
       und ihren Mitstreiter Hendrik Haßel auf Schadensersatz verklagt] und vor
       dem Landesgericht Oldenburg zunächst Recht bekommen. Ende April beginnt das
       Berufungsverfahren.
       
       Die Verbandsklage des Landestierschutzverbandes hebt den Streit nun auf
       eine grundsätzliche Ebene. Sollten die Richter:innen der Klage folgen
       und die CO2-Betäubung als Verstoß gegen Tierschutzgesetze bewerten, hätte
       das Auswirkungen auf Schlachthöfe in der ganzen EU. Bis dahin wird
       allerdings noch etwas Zeit vergehen. Der Rechtsanwalt Westermann rechnet
       erst in ein bis zwei Jahren mit einem Urteil. Andere Verbandsklagen zeigen,
       dass diese Prognose eher optimistisch ist.
       
       25 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tierrechtsaktivistinnen-vor-Gericht/!6091871
 (DIR) [2] https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2004.45
 (DIR) [3] /Forschung-soll-Schlachten-sanfter-machen/!6096435
 (DIR) [4] /Schlachthof-gegen-Tierrechtsaktivistin/!6152914
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jannik Hiddeßen
       
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