# taz.de -- Gerichtsurteil in der Causa Northvolt: Regierung hat nicht ausreichend über Risiken informiert
> Die Fraktionen von FDP und SPD hatten gegen das Verhalten der
> Landesregierung geklagt. Das Landesverfassungsgericht hat ihnen Recht
> gegeben.
(IMG) Bild: Wäre bei ausreichendem Informationsfluss vielleicht nie entstanden: Northvolt-Baustelle bei Heide im August 2025
Die Regierung von Schleswig-Holstein hat ihre Pflichten gegenüber dem
Parlament verletzt: Das erklärte das Landesverfassungsgericht am Freitag in
einem Urteil. Es ging um die Frage, ob die Landtagsabgeordneten ausreichend
informiert waren, über Geld für den Bau einer Batteriefabrik der Firma
Northvolt zu entscheiden. Geklagt hatten die Fraktionen von FDP und SPD
sowie einzelne Abgeordnete beider Parteien.
„Das ist ein Verfassungsbruch“, sagte Bernd Buchholz (FDP), der [1][die
Klage vorangetrieben hatte]. Er forderte als Konsequenz den Rücktritt des
Leiters der Staatskanzlei, Dirk Schrödter (CDU), den Zuständigen für die
Northvolt-Ansiedlung. In seiner Verantwortung hätte es nach Meinung der
Opposition gelegen, alle Informationen vollständig und rechtzeitig an das
Parlament weiterzugeben.
Der Kieler Landtag hatte im Jahr 2024 einstimmig eine sogenannte
Wandelanleihe genehmigt, die der Bund an die schwedische Firma Northvolt
gab. An der Gesamtsumme von 600 Millionen Euro beteiligte sich
Schleswig-Holstein zur Hälfte. Vorher hatte es bereits Entscheidungen
gegeben, die Infrastruktur rund um die Kreisstadt Heide auszubauen, damit
dort eine Gigafabrik entstehen konnte.
Von dem Projekt hatten sich das Land, aber auch der Bund und die EU
versprochen, einen Produzenten für E-Auto-Batterien in Europa anzusiedeln.
Northvolt wollte Windstrom nutzen und hatte ein nachhaltiges Wasserkonzept
vorgelegt. Doch bereits im Herbst 2024 geriet das Start-up-Unternehmen in
wirtschaftliche Probleme, inzwischen ist Northvolt insolvent. Den Bauplatz
in Heide will der US-Konzern Lyten übernehmen, der dort [2][eine kleinere
Fabrik bauen will]. Ein großer Teil der Wandelanleihe ist verloren.
„Hinterher ist man immer schlauer“, sagte Wirtschaftsminister Claus Ruhe
Madsen (CDU), der zur Urteilsverkündung nach Schleswig gekommen war. Damals
sei [3][die Euphorie groß gewesen], alle Fraktionen hätten sich gewünscht,
dass die Fabrik zum Erfolg würde. Zur Rücktrittsforderung an Schrödter
wollte er keinen Kommentar abgeben. Aus dem Urteil ziehe er vor allem die
Botschaft, „dass wir künftig mehr verschriftlichen und besser informieren
müssen“.
Das sieht die Opposition ganz anders. „Man hat uns getäuscht“, sagte die
SPD-Fraktionsvorsitzende Serpil Midyatli. Mit vollständigem Wissen über die
Risiken hätte der Landtag möglicherweise anders entschieden. Aber wie das
Gericht klarstellte, hatte die Regierung zum Zeitpunkt der Entscheidung
wichtige Informationen, die sie dem Parlament nicht mitgeteilt hatte. Auch
Midyatli und der SPD-Landesparteichef Ulf Kämpfer fordern personelle
Konsequenzen in der Staatskanzlei.
Die [4][Landesverfassung von Schleswig-Holstein] räumt Fraktionen wie auch
einzelnen Abgeordneten besondere Informationsrechte ein, entsprechend hat
die Regierung die Pflicht, sie zu informieren: „Das ist ein Instrument der
parlamentarischen Kontrolle, die nur unter Mitwirkung der Regierung
funktioniert“, sagte der Vorsitzende Richter Christof Brüning in der
Urteilsbegründung. Zwar gebe es einen „Kernbereich exekutiver
Verantwortung“, in dem eine Regierung allein entscheiden darf. Dazu gehöre
die Phase der Willensbildung im Kabinett und in den einzelnen Ministerien.
„Solange die interne Willensbildung nicht abgeschlossen ist, besteht kein
Anspruch des Parlaments auf Auskunft“, stellte der Verfassungsrichter klar.
Anders sei es aber, wenn das Parlament eine Entscheidung treffen müsse.
Dafür müssten Informationen „rechtzeitig und vollständig“ erfolgen, und
zwar umso mehr und früher, je komplexer ein Vorgang sei. Im konkreten Fall
hätten die Abgeordneten vor einer gemeinsamen Sitzung mehrerer Ausschüsse
im Januar 2024 wissen müssen, dass die Ansiedlung finanziell auf wackeligen
Füssen stand und dass damit die Rückzahlung der Anleihe unsicher war. Dazu
lagen der Regierung ein Gutachten und weitere Informationen vor, die sie
mit dem Parlament nicht geteilt hatte.
Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Tobias Koch, erklärte, es wäre
„politisch ratsam“ gewesen, den Landtag früher und umfassender zu
informieren. Durch das Urteil sei klar: „Dies wäre zudem rechtlich geboten
gewesen.“ Für zukünftige Vorhaben wüssten nun alle Beteiligten, wie sie
verfahren sollten.
Auch Minister Madsen wollte lieber in die Zukunft schauen, statt
rückwärtsgewandte Debatten führen. Aus der Staatskanzlei hieß es, das
Urteil schaffe Klarheit. Die Regierung werde auf dieser Basis ein
„standardisiertes und strukturiertes Informationsformat“ für künftige
Vorhaben vorzulegen. Zu den Rücktrittsforderungen an Dirk Schrödter äußerte
sich die Sprecherin nicht.
Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes wurde in der Unterzeile
die SPD-Fraktion als Klägerin nicht genannt. Ferner haben wir Northvolt
fälschlicher Weise als norwegische und nicht als schwedische Firma
bezeichnet. Wir haben die Fehler korrigiert.
29 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Aufarbeitung-der-Northvolt-Pleite/!6074927
(DIR) [2] /Nach-Northvolt-Pleite/!6163464
(DIR) [3] /Batteriewerk-in-Norddeutschland/!5997685
(DIR) [4] https://www.landtag.ltsh.de/export/sites/ltsh/service/downloadgallery/kurzinfos/06_Landesverfassung.pdf
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
## TAGS
(DIR) Schleswig-Holstein
(DIR) Batterien
(DIR) Elektromobilität
(DIR) Urteil
(DIR) Informationspflicht
(DIR) CDU Schleswig-Holstein
(DIR) SPD Schleswig-Holstein
(DIR) Investitionen
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nach Northvolt-Pleite: Batteriefabrik in Schleswig-Holstein kommt, aber kleiner
US-Firma Lyten baut die Batteriefabrik im deutschen Norden. Aber nur mit
einem Drittel der ursprünglich geplanten Arbeitsplätze.
(DIR) Verhandlungen über Batteriefabrik: Reiche-Ministerium mauert in Sachen Northvolt
Schleswig-Holsteins Landtag will vom Bund Informationen über die Anleihe
für den insolventen Batteriehersteller Northvolt erzwingen – notfalls per
Klage.
(DIR) Autoindustrie bedroht aus China: Kaum Saft aus rein europäischen Batterien
Produzenten kommen fast nur noch aus China und Korea. Das gefährdet laut
einer Studie die Souveränität und die Versorgungssicherheit hiesiger
Autokonzerne.