# taz.de -- Jugend indoktriniert für Olympia: Hamburgs Polizeisenator überwältigt Schüler*innen
       
       > Andy Grote (SPD) will in Schulen Stimmung pro Olympia verbreiten. Er
       > bedient sich dafür der undemokratischen Methode der Indoktrination.
       
 (IMG) Bild: Voller Ideen und Elan: Hamburgs Olympiavorturner halten einen bedruckten Schal in die Kamera
       
       Fernsehkrimi-Konsument*innen wissen: Wenn irgendein Superbulle „Wir gehen
       jetzt rein“ sagt, dann wird's brutal. Türen splittern, in Hasskappen
       gehüllte Muskelpakete strömen in die zu enternden Räumlichkeiten und
       schmeißen Leute, die sich dort aufhalten, ohne lange zu fackeln auf den
       Boden. „Wir gehen jetzt in die Schulen rein“, das hat Hamburgs
       Polizeisenator Andy Grote (SPD) vor ein paar Tagen [1][bei einer
       Olympia-Infoveranstaltung] im HSV-Stadion mitgeteilt.
       
       Das war keine bloße Ankündigung. Das geschieht bereits. Und auch wenn
       vorerst auf physische Gewalt und Waffen verzichtet wird, geht es im Prinzip
       auch hier darum, verdatterte Menschen zu überwältigen. Denn Hamburgs
       Heranwachsenden soll beigebogen werden, im Referendum über die
       Olympiabewerbung tunlichst mit Ja zu stimmen.
       
       Seit Anfang Februar spammt Grotes Innen- und Sportbehörde, die weder für
       Bildung noch fürs Leibesübungs-Curriculum zuständig ist, Schulleitungen und
       Lehrkräfte mit didaktisch fragwürdigem sogenanntem Unterrichtsmaterial zu.
       Es fing mit einer E-Mail an, es folgten Arbeitsblätterangebote „an
       interessierte Lehrkräfte“ – alles im Corporate Design des Hamburgischen
       Bewerbungskonzepts.
       
       Olympiakritische Quellen ignoriert es gezielt. Dafür aber verweist es auf
       vom Senat verantwortete Websites. [2][Auf denen wird vorgetäuscht,] die
       Bewerbungsfrage wäre längst entschieden: „Hamburg bewirbt sich“, steht da
       unterm Hammaburg-Logo, als wäre es wahr. Das lässt die direktdemokratische
       Abstimmung ab Ende April wie eine bloße Formsache erscheinen, ganz wie in
       München.
       
       ## Es geht nur ums Gewinnen
       
       Dort hatte der Stadtrat zunächst beschlossen, sich zu bewerben. Er hatte
       also die Kontroverse bereits beseitigt. Die Wahlberechtigten dort waren
       ausschließlich aufgerufen, das Ergebnis mit Weihrauch zu parfümieren. Es
       ging nicht um Volksgesetzgebung. Daher musste die Verwaltung die
       Bürger*innen auch nicht mit den Gegenargumenten bekannt machen. [3][Das
       war laut Verwaltungsgericht rechtlich nicht zu beanstanden], egal wie
       unfair man es findet.
       
       Aber so ist er nun mal, der Sportsgeist: Dabeisein ist nichts. Es geht nur
       ums Gewinnen, egal wie. Das olympische Motto lautet seit „citius, altius,
       fortius“, also „schneller, höher, stärker“. [4][So steht es in der Satzung
       des IOC]. Klar, dass sich auch der von diesem Geist entflammte Hamburger
       Senat daran hält. Bloß ist die Lage juristisch hier eine andere: Ein
       [5][Referendum zur bloßen Bejubelung eines Bürgerschaftsbeschlusses lässt
       die Landesverfassung nicht zu].
       
       Außerdem hatte die NOlympia-Bewegung mit einer trotz Winterwetter
       [6][supererfolgreichen Unterschriftenkampagne das Recht erstritten], in
       offiziellem Infomaterial auch ihre Gegenargumente – drohende
       Mietpreisexplosion, Klimaauswirkungen und soziale Verdrängung –
       unterzubringen. Sie bei Handreichungen für Lehrkräfte zu ignorieren, kommt
       einer Missachtung der von der Landesverfassung vorgesehenen
       Volksgesetzgebung gleich.
       
       Wahrscheinlich verstößt es auch gegen die vom Grundgesetz für Wahlen
       [7][vorgegebene Neutralitätspflicht des Staates], die doch gerade der für
       deren Durchführung zuständige Senator hochhalten müsste, wenn er Demokrat
       sein will.
       
       ## Kontroverses kontrovers verhandeln
       
       Erschreckend ist es im Hinblick auf die Zielgruppe. Denn politische Bildung
       soll ja Schüler*innen befähigen, sich eine Meinung zu bilden, politische
       Situationen zu analysieren und sie in ihrem eigenen Sinn zu beeinflussen –
       statt sich in sie gott-, führer- oder auch nur groteergeben einzupassen.
       
       Deswegen schreibt [8][der Beutelsbacher Konsens, die Magna Charta des
       Demokratie-Unterrichts], vor, Kontroverses im Unterricht auch kontrovers zu
       verhandeln. Und deshalb verbietet er, die Schüler*innen „im Sinne
       erwünschter Meinungen zu überrumpeln“, wie es Grotes Propaganda-Schergen
       versuchen. Das nämlich sei Indoktrination.
       
       Die aber hat nur in diktatorischen Systemen ihren Platz. Sie verträgt sich
       nicht mit der demokratischen Idee von eigenständig denkenden Schüler*innen:
       Olympia ja oder nein? Das können alle halten, wie sie wollen. Dass Hamburgs
       Innensenator, nur um eine Bewerbung für ein Sportfest durchzusetzen, die
       Heranwachsenden der Stadt entmündigen will: Das ist beängstigend.
       
       17 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Milliarden-fuer-die-Spiele/!6162007
 (DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/behoerde-fuer-inneres-und-sport/presseservice/pressemeldungen/bewerbungskonzeption-hamburg-setzt-auf-ein-festivalerlebnis-der-kurzen-wege-1065870
 (DIR) [3] https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/Y-300-Z-BECKRS-B-2022-N-24377?hl=true
 (DIR) [4] https://www.olympics.com/ioc/documents/international-olympic-committee/olympic-charter
 (DIR) [5] https://www.landesrecht-hamburg.de/bsha/document/jlr-VoBegGHAV7P25h
 (DIR) [6] /NOlympia-Initiative-in-Hamburg/!6145095
 (DIR) [7] https://www.fallrecht.de/bv044125.html
 (DIR) [8] https://www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens-wortlaut
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
       ## TAGS
       
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