# taz.de -- Kulturwissenschaftlerin über Parolen: „Rechte sind gut darin, linke Schlagwörter zu klauen“
       
       > Parolen prägen politische Bewegungen. Kulturwissenschaftlerin Daphne
       > Weber über die Probleme der Linken, sich mit Parolen Gehör zu
       > verschaffen.
       
 (IMG) Bild: Rechte Aneignung: Anti-CSD-Demonstranten am 5. Juli 2025 im brandenburgischen Falkensee
       
       taz: Frau Weber, welche aktuelle Parole hat sich Ihnen eingeprägt? 
       
       Weber: Bei den [1][Schulstreiks gegen die Wehrpflicht] hört man zum
       Beispiel: „Streik in der Schule, Streik in der Fabrik – das ist unsere
       Antwort auf eure Politik!“ Wir können uns Dinge besser merken, wenn sie
       gereimt sind. Eine Parole darf aber auch nicht zu lang sein.
       
       taz: Was macht denn eine erfolgreiche Parole noch aus? 
       
       Weber: Dass sie sich zum Beispiel weit verbreitet. In dem Sinne ist „Wir
       sind das Volk“ eine sehr erfolgreiche Parole. Sie wabert schon seit
       Jahrzehnten umher und wird immer wieder in neuen politischen Kontexten
       angeeignet: erst 1989 in der Friedlichen Revolution, dann bei den Protesten
       gegen Hartz IV 2004 und später bei Pegida. [2][Wegen des Volksbegriffs
       lässt sie sich gut von rechts vereinnahmen].
       
       taz: Hat diese Aneignung System? 
       
       Weber: Die Rechten sind sehr gut darin, den Linken ihre Schlagwörter zu
       klauen und sie für sich zu verwenden. Ob Freiheit, Frieden oder Demokratie
       – das sind eigentlich linke Schlagwörter, die sich Rechte angeeignet haben.
       Auch Heimat ist ein Begriff, der von rechts ganz aktiv bewirtschaftet wird.
       Das finde ich schlimm. Den könnte man nämlich auch [3][aus einer
       solidarischen Perspektive besetzen].
       
       taz: Stichwort solidarisch – ist „Hoch die internationale Solidarität“
       nicht viel zu abstrakt? 
       
       Weber: Ja, total. Auch wenn das ein wichtiger Gedanke ist, frage ich mich,
       ob man das überhaupt noch versteht. Der Begriff Solidarität bräuchte
       eigentlich ein Update.
       
       taz: Warum tun sich Linke heute so schwer mit neuen Parolen? 
       
       Weber: Progressive Kräfte haben ein Problem, weil sie oft nur reagieren,
       etwa auf den Rechtsruck. Aber wofür treten sie eigentlich ein? Was ist die
       Gesellschaftsvision? Es fehlt das positive Schlagwort, das nach vorne weist
       und unter dem sich viele Leute sammeln können.
       
       taz: Wie könnte das aussehen? 
       
       Weber: Wenn ich das wüsste, würde ich mich bei der SPD melden und sagen:
       Guckt mal, [4][so kommt ihr aus dem Umfragetief raus].
       
       taz: Gibt es keine positiven Beispiele? 
       
       Weber: Als Olaf Scholz den Wahlkampf 2021 überraschend gewonnen hat, war
       das zentrale Schlagwort auf seinen Plakaten: Respekt. Ein Wort, das
       angesichts bekannter politischer Floskeln im Wahlkampf eher unerwartet war.
       Ich fand interessant, dass über eine emotionale Ansprache auf der
       zwischenmenschlichen Ebene so viele Leute erreicht werden konnten.
       
       taz: Warum sollten Progressive überhaupt noch auf Parolen setzen? 
       
       Weber: Einerseits ist die Parole ein negativ behafteter Begriff. Wenn man
       jemandem unterstellt, Parolen zu schwingen, steckt darin oft der Vorwurf,
       populistisch zu sein. Andererseits kann es auch emanzipatorisch sein, wenn
       Menschen sich versammeln, für eine Sache eintreten und sich Gehör
       verschaffen, auch im Sprechchor.
       
       taz: Auf Demos tauchen Parolen nicht nur in Sprechchören auf, sondern auch
       auf Pappschildern und Plakaten. 
       
       Weber: Bei diesen oft kunstvoll gestalteten Plakaten ist schon mitgedacht,
       dass Fotos davon in den sozialen Medien landen und Reichweite bekommen.
       Wenn ein Spruch mit Witz spielt, ist es wahrscheinlicher, dass er geteilt
       und geliked wird. Oder wenn er provoziert, wie zum Beispiel das Schild mit
       der Aufschrift „Merz leck Eier“, das ein junger Mann auf einen
       Schülerprotest gegen die Wehrpflicht mitgenommen hat.
       
       taz: Die Polizei hat das Schild beschlagnahmt und Ermittlungen eingeleitet
       – wegen des Anfangsverdachts der üblen Nachrede und Verleumdung. Seitdem
       findet sich der Spruch [5][auch auf anderen Demos] und in vielen
       Social-Media-Posts.
       
       Weber: Solche Fälle sind einfach prädestiniert, sich über die Situation
       hinaus zu verbreiten.
       
       taz: Ist „Merz, leck Eier“ vielleicht die Parole, hinter der sich Linke
       versammeln können? 
       
       Weber: Ich glaube, das ist keine Parole, die breite Teile der Bevölkerung
       erreichen kann. Aber es spricht der Jugend aus der Seele, und es ist ihr
       Vorrecht, auch mal zuzuspitzen und so etwas rauszuhauen.
       
       28 Mar 2026
       
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