# taz.de -- Schulstreiks gegen die Wehrpflicht: „Wir wollen nicht für irgendwelche Politiker sterben“
> Die Musterung kommt und mit ihr die Angst vor der Wehrpflicht. In Berlin
> waren 10.000 Schüler*innen auf der Straße.
(IMG) Bild: Viel los auf dem Postdamer Platz
Kurz nach 9 Uhr am Donnerstagmorgen vor dem Haupteingang des Robert Blum
Gymnasiums auf der Roten Insel in Schöneberg. Noch ist nicht viel los. Ein
Lastenfahrrad wird von mehreren Personen mit einem Lautsprecher bestückt.
Auf der anderen Seite der Straße steht bereits eine Gruppe Polizist*innen.
Die nächste halbe Stunde über kommen immer mehr Schüler*innen aus der
Schule, es wird voll auf dem Bürgersteig. Sie alle wollen gegen die
Musterung und eine potenzielle Wehrpflicht demonstrieren.
Anfang Dezember vergangenes Jahres hatte der Bundestag das Gesetz „zur
Modernisierung des Wehrdienstes“ beschlossen. Neben diversen Änderungen in
der Entlohnung sieht es die Wiedereinführung der Musterung vor. Demnach
müssen alle jungen Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren wurden, zur
allgemeinen Musterung. Startpunkt hierfür ist der Juli 2027. Bereits seit
Jahresbeginn erhalten alle 18-Jährigen nach ihrem Geburtstag einen
Fragebogen. Für Frauen ist dieser freiwillig ausfüllbar, für Männer
verpflichtend. Am Tag des Bundestagsbeschlusses beteiligten sich bundesweit
mehr als 50.000 Schüler*innen an Schulstreiks und Protesten.
Vom Robert Blum Gymnasium setzen sich schließlich etwa 50 Schüler:innen
in Bewegung, vorneweg mit einem Banner: „Zu jung für Handys, aber alt genug
für Wehrpflicht“. Begleitet werden sie von 14 Polizist*innen und zwei
Reportern vom Spiegel. In der Mitte der kleinen Demo fährt ein Lastenrad
mit einem von Fridays for Future bereitgestellten Lautsprecher: Auf
„Arschloch“ von den Ärzten folgt „Gebt mir eine Uniform“ von MC Bomber.
Mit dabei sind Schüler:innen aller Klassenstufen. Weniger vertreten sind
allerdings die der Oberstufe, obwohl sie akuter von der Musterung betroffen
sind. Gefragt nach Gründen ihres Fernbleibens reichen die Antworten von
einem bevorstehenden Test, für den man lernen müsse, bis zur Unterstützung
einer Wehrpflicht. In einer Umfrage am Gymnasium hatten sich 65
Schüler:innen gegen die Wehrpflicht und 9 dafür ausgesprochen.
## Schulen organiseren sich selbst
Organisiert werden die Streiks lokal in den einzelnen Schulen. Am Robert
Blum Gymnasium von Jonatan Molle und einigen seiner Mitschüler*innen. Sie
hatten das Thema in die Schülervertretung gebracht, von da aus hat es
seinen Lauf genommen, erzählt der 16-Jährige.
Die Lehrer:innen stünden ihrem Streik neutral bis wohlwollend gegenüber.
Aufgehängte Plakate werden nicht entfernt, aber neben ihnen fanden sich
Zettel mit kritischen Fragen, etwa, ob es sich bei den Werbepostern um
Propaganda handele. An anderen Schulen ist der Kurs gegenüber dem Streik
rigider: Verteilte Flyer werden den Schüler*innen abgenommen oder es
wird mit schlechten Noten und Ausfällen gedroht.
Die Stimmung auf der Zubringerdemo hält sich in Grenzen. Es wird viel
geredet, Parolen und Gesänge gibt es zunächst nicht. Je mehr sich der Zug
dem Potsdamer Platz nähert, Auftakt der berlinweiten Demo, ändert sich das.
Die Schüler:innen kommen aus einer dunklen Straßenschlucht und werden
von der strahlenden Sonne und Tausenden Mitdemonstrant*innen am
Potsdamer Platz begrüßt. 10.000 werden es laut den Veranstaltern
schließlich insgesamt sein. Aufgerufen hatte das Bündnis [1][Schulstreik
gegen Wehrpflicht].
Mehrere Redner:innen heizen den Demonstrierenden ein, darunter eine
Schülerin und eine Vetreterin der Bildungsgewerkschaft GEW. „Wir lehnen
jede Form der Bundeswehr an Schulen ab“, schallt es über den Platz, gefolgt
von „Die Reichen wollen Krieg, die Jungen eine Zukunft“; oder „Das ist ein
massiver Einschnitt in die freie Lebensgestaltung der Jugend“. Sie alle
ernten lautstarken Applaus.
Ein Schüler sagt der taz: „Zum einem bin ich nicht bereit, für unsere
Politiker zu sterben. Und zum anderen sollte ich nicht auf andere, die
verpflichtet wurden, schießen müssen.“ Es sind aber nicht nur junge
Menschen auf der Demo erschienen, sondern auch viele Erwachsene. Sie fanden
den Wehrdienst nicht gut oder haben verweigert.
5 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Milan Mathaj
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