# taz.de -- OSF-Präsidentin über Entwicklungspolitik: „Wir haben es versäumt, über eine Alternative nachzudenken“
> Der Einbruch von Entwicklungsgeldern birgt Chancen, sagt Binaifer
> Nowrojee, Chefin von George Soros’ Open-Society-Stiftung. Was es braucht,
> um sie zu nutzen.
(IMG) Bild: Binaifer Nowrojee, Präsidentin der Open Society Foundations
taz: Frau Nowrojee, wo sehen Sie Europas Platz in dieser Ära des
Trumpismus, wo mit der regelbasierten Ordnung auch die
Entwicklungszusammenarbeit an Bedeutung verliert?
Binaifer Nowrojee: Nehmen Sie [1][die Botschaft des US-Außenministers Marco
Rubio auf der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz]. Er sagte zu Europa:
Wir wollen zurück zu den Tagen des Imperiums, als wir gemeinsam unter
weißer Vorherrschaft herrschen konnten. Wenn ihr bereit seid, euch dem
anzuschließen, dann werden wir eure Freunde sein. Aber wenn ihr nicht
bereit seid, werdet ihr untergehen und von einer Horde von Flüchtlingen zu
Fall gebracht. Das war der Subtext in München. Ich fand es enttäuschend,
dass es keine Verurteilung seitens der europäischen Eliten gab.
taz: Gibt es wirklich einen Wandel der Haltungen – oder ist jetzt nur die
Fassade des Herrschaftssystems gefallen?
Nowrojee: All diese Systeme, mit denen wir seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs arbeiten, haben ein gewisses Maß an Ungleichheit eingebaut – und
vielleicht haben wir jetzt einfach nur die Heuchelei des Systems abgelegt.
Aber es gibt auch Bestrebungen, dieses System gänzlich abzuschaffen.
Interessanterweise beginnt der Rest der Welt darauf zu reagieren, sei es
Südafrika, Katar, Brasilien oder Indien. Sie alle sind wirklich verärgert
über Trump und die Zölle. Sie werden nicht mehr mitspielen und beginnen,
alternative Verbindungen und Wege für die Zukunft zu entwickeln. Das
Projekt der Vorherrschaft und des Imperiums wird die soft power der USA
schwächen.
taz: Der Trumpismus hat also auch eine gute Seite?
Nowrojee: Die Sache hat zwei Seiten. Das gilt auch für die
Entwicklungszusammenarbeit. Die Art und Weise, wie die USA die Hilfe
gekürzt haben, war sehr schlecht und sehr unüberlegt, aber sie hat eine
Debatte über Abhängigkeit angestoßen. Wenn es keine Entwicklungshilfe mehr
in der uns bekannten Form gibt, wie sieht dann das alternative
Geschäftsmodell dafür aus, und können wir etwas schaffen, das mehr
Gleichberechtigung beinhaltet?
taz: [2][Auch Deutschland] und viele andere Länder kürzen ihre
Entwicklungsgelder. Glauben Sie nicht, dass es sich lohnt, dafür zu
kämpfen?
Nowrojee: In Europa herrscht die Vorstellung, dass die Hilfe fortgesetzt
werden muss. Ich finde, wir sollten einige kritische Fragen stellen, zum
Beispiel, wer für die Versorgung an diesen Orten verantwortlich ist. Warum
sind afrikanische Regierungen 60 Jahre nach der Unabhängigkeit immer noch
auf Hilfe angewiesen, um ihre Bürger mit Grundgütern wie Medikamenten oder
Bildung zu versorgen?
taz: Warum?
Nowrojee: Das hängt mit der internationalen Wirtschaftsarchitektur zusammen
und mit der Geschichte dieser Länder, an denen sich Europa und die USA
bereichert haben. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, wie sie nicht
mehr als Bittsteller und Empfänger von Hilfe, sondern als Gleichberechtigte
an den Verhandlungstisch kommen, und was das bedeuten würde.
taz: [3][Hunderttausende Kinder sterben derzeit] aufgrund der Kürzungen der
Entwicklungshilfe. Das ist ein sehr hoher Preis für eine neue Art der
Emanzipation.
Nowrojee: Das ist ein hoher Preis. Und ich stimme Ihnen zu, dass wir die
Gelder nicht einfach unvermittelt kürzen sollten. Aber jetzt haben wir
keine Wahl mehr. Wir sehen auch, dass es Forderungen nach Reformen bei den
Vereinten Nationen gibt. Wenn wir nicht über den Tellerrand hinausblicken,
könnten wir uns in einer Situation wiederfinden, in der die UN abgeschafft
werden. Wenn wir nicht die Vorstellungskraft haben, über die UN
hinauszudenken, werden wir uns in derselben Lage wiederfinden wie bei der
Zerschlagung der US-Entwicklungsbehörde USAID. Wir haben es versäumt, über
eine Alternative nachzudenken.
taz: Welche Alternativen braucht es?
Nowrojee: Wir müssen die internationale Wirtschaftsarchitektur überdenken.
Armut ist kein Zufall, es gibt eine Struktur, die Menschen arm hält und
andere reicher macht. Der Grund, warum die Menschen nach rechts rücken,
ist, dass sie das Gefühl haben, die Demokratie habe ihnen keine
wirtschaftlichen Perspektiven geboten. Die Open Society Foundation arbeitet
daran, ein Wirtschaftsmodell zu entwickeln, das über das neoliberale System
hinausgeht und grün sein kann.
taz: Wie?
Nowrojee: Wir haben 400 Millionen Dollar bereitgestellt, um gemeinsam mit
sechs Ländern Pionierarbeit zu leisten, die es anderen Regierungen später
ermöglichen wird, einen Ausweg aus der aktuellen Situation zu finden. Das
neoliberale System hat uns so weit gebracht, wie es nur ging. Es platzt aus
allen Nähten.
taz: Welche sechs Länder sind das?
Nowrojee: Brasilien, Südafrika, Malaysia, Mexiko, Senegal, Oman.
taz: Warum haben Sie diese Länder ausgewählt?
Nowrojee: Es handelt sich um Länder mit mittlerem Einkommen, die über eine
industrielle Basis verfügen und bereit sind, auf eine Energiewende
hinzuarbeiten. Wir wollen mit diesen Ländern zusammenarbeiten, um ihnen
dabei zu helfen, Wachstum für ihre Bevölkerung zu schaffen und gleichzeitig
Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. Sie sollten sich nicht zwischen der
Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Schutz des Planeten entscheiden
müssen.
taz: Welche Rolle kann Europa dann bei der internationalen Suche nach einem
neuen wertebasierten System spielen?
Nowrojee: Präsident Sánchez in Spanien beginnt gerade, ein Bündnis linker
Verbündeter auf der ganzen Welt zu schmieden. Die Idee ist, weltweit ein
Netzwerk aus Regierungen und anderen Akteuren zu schaffen, das sich für
Fragen der offenen Gesellschaft und des demokratischen Raums einsetzt. Das
ist die Art von Bemühungen, an der sich Europa beteiligen kann.
taz: Einige Protestbewegungen, [4][vor allem die Generation Z, kämpfen für
eine gerechte O]rdnung. Haben Sie eine Strategie, wie Sie die unterstützen
können?
Nowrojee: Wir beobachten die Proteste der Generation Z sehr genau. Sie
verwenden zwar nicht die Sprache der Menschenrechte, aber sie sprechen von
einer offenen Gesellschaft. Viele von ihnen haben nichts anderes als
Diktatur erlebt. Sie gehen auf die Straße, nachdem sie sich in den sozialen
Medien organisiert haben. Sie werden beschossen und stürzen sogar
Regierungen in Bangladesch, in Nepal, im Senegal und in Kenia. Sie sind
wirklich mächtig. Das ist die Zukunft.
taz: Wie können sie Rückendeckung bekommen?
Nowrojee: Die Open Society Foundations verfügen nicht über eine Struktur,
um das zu unterstützen. Und vielleicht ist unser Geld dort gar nicht das
Richtige. Wir unterstützen NGOs, die registriert sind und denen wir
Fördermittel zukommen lassen können. Wenn auf diese Demonstranten
geschossen wird oder sie Rechtsbeistand benötigen, greift unser
Open-Society-Netzwerk sofort ein. Aber wir haben gerade erst begonnen zu
prüfen, wie wir über die Vergabe von Fördermitteln und über NGOs hinaus
Unterstützung leisten können. Wir überlegen selbst: Was brauchen diese
jungen Menschen?
taz: Oft gibt es Gegenreaktionen auf die Finanzierung durch die Open
Society Foundations, Vorwürfe wegen ausländischer Einflussnahme, wegen
einer persönlichen Agenda von George Soros, eine Anklage als „weiße
Retter“. Wie gehen Sie damit um?
Nowrojee: Das Beste, was man in solchen Situationen tun kann, ist, dazu zu
stehen. Die Philanthropie eines Milliardärs hat nur begrenzte
Glaubwürdigkeit. Wir sind keine weißen Retter. Wir sind nicht einmal
diejenigen, die diese Dinge tun. Wir stehen als Verbündete zur Seite. Das
erfordert von uns moralische Klarheit, um zu sagen: Wir werden standhaft
bleiben, auch wenn es unpopulär ist. Zweitens braucht es Mut, denn die
Situation, in der wir uns gerade befinden, ist Neuland. Wir müssen mutig
sein und zu unseren Werten stehen, wenn sie angegriffen werden.
20 Mar 2026
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