# taz.de -- Eine Irritation im Normalbetrieb: Sonntags am Ende der Welt
       
       > Manche Störung erwartet man doch eher in der Stadt und nicht auf dem
       > Land. Und da muss man auch erstmal damit umgehen können, weiß unser
       > Kolumnist.
       
 (IMG) Bild: Brötchen am Sonntag, so weit ist noch alles im Normalbetrieb
       
       Er springt im Kreis, boxt in die Luft und knurrt in schwer verständlichem
       Englisch ungezielte Bedrohungen: „Don’t make me angry“, sagt er gerade,
       und: „Ich warne euch! You!“ Diese Zufallsbegegnung am frühen Sonntagmorgen
       ist schwer einzuschätzen. Der Typ ist klein, aber auf drahtige Weise
       kräftig. Seine abgetragene Stoffhose wirkt szenig urban, eine noch leicht
       blutige Wunde über dem Auge verweist mindestens auf passive Kampferfahrung.
       
       Und zappelig ist er: Selbst wenn er – wie nun für die nächsten 20 Sekunden
       – im Lotussitz zu Boden geht, rast sein Blick suchend durch die Gegend.
       Dann springt er wieder auf, rennt auf die Kreuzung und vollführt ein paar
       schnelle Faustschläge in die Luft. „Der hat sich wohl verlaufen“, sagt eine
       Frau im Flüsterton. Und ich weiß genau, was sie meint.
       
       Wirklich irritierend ist nämlich nicht der Druffi selbst, sondern die
       Umgebung. Hier gibt es weit und breit weder Club noch Späti, keine finstere
       Dealecke – und nicht mal mehr eine richtige Kneipe. Wir stehen vorm Bäcker
       einer [1][niedersächsischen Kleinstadt]. Auf der anderen Seite der rot
       gepflasterten Straße ist ein Optiker, schräg gegenüber ein
       Schreibwarengeschäft und eine kleine Bärenstatue, die wohl die Sparkasse
       gesponsert hat.
       
       Weil Sonntag ist, hat alles zu. Die Straßen rauf und runter ist nichts und
       niemand zu sehen – nur hier vor der Bäckereitür zieht sich eine kleine
       Schlange durch die morgendliche Kälte. „I can see them, yes, yes! I see ’em
       all“, ruft der Typ in ein imaginäres Handy und marschiert mit prüfendem
       Starren die Augen der Wartenden an der Schlange entlang. Alle weichen
       seinem Blick aus und versuchen, ihn zu ignorieren. So richtig weg kann man
       nicht, wegen der Schlange eben.
       
       Im ersten Moment empfinde ich noch eine kleine unangemessene Freude an der
       Störung des ländlichen Normalbetriebs, aber die hält nicht lange vor. Als
       er auf der Türschwelle einen Vater mit Kleinkind an der Hand auffordert,
       „vor dem König“ niederzuknien, mache ich zwei Schritte in seine Richtung,
       aber irgendwie scheint er die atmosphärischen Störungen auch ohne
       Gefährderansprache zu realisieren.
       
       Er flitzt wieder auf die andere Straßenseite. In der Stadt hätte ich ihn
       längst vergessen, wäre wohl intuitiv ausgewichen – und hätte mich umgekehrt
       auch darauf verlassen können, dass er seinerseits bald das Interesse
       verliert und sich mit irgendwas anderem beschäftigt. Aber hier gibt es ja
       nichts, außer eben dieser Bäckerei.
       
       Ich ärgere mich über mich selbst, weil die ländliche Schockstarre mich
       genauso packt, wie alle anderen hier. Ich hätte mir mehr Nonchalance
       zugetraut und irgendwie auch den Anspruch gehabt, eine sinnvolle Lösung aus
       dem Ärmel zu schütteln – natürlich eine, die auch die
       gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen dieses Ausrasters reflektiert
       und so weiter. Ich ärgere mich über das Land und über die Stadt, die in
       solchen Angelegenheiten ja auch nichts besser macht, sondern nur
       entspannter aussieht. Ich hatte den Typen übers Brötchenbestellen kurz aus
       dem Blick verloren und zucke zusammen, als er mir plötzlich durch die
       Schlange hindurch wieder vor die Füße springt: „Schönen Sonntag, mein
       Freund“, sagt er und wedelt mir mit der Faust vorm Gesicht herum, er riecht
       massiv nach Alkohol. Und das wäre meine Chance für kluges Handeln gewesen
       und irgendwas Vermittelndes. Aber mir fällt nichts ein außer: „Verpiss
       dich, Mann.“
       
       Das tut er dann auch und sieht dabei so erschrocken aus, dass er mir schon
       wieder leid tut. Ich will mich noch mal umdrehen und was sagen, als ich ihn
       schon wieder „telefonieren“ höre. „Ich hab das Schwein im Auge“, sagt er,
       „ja, alles unter Kontrolle. Ja ja, Zugriff jetzt.“ Und er rennt los.
       
       29 Mar 2026
       
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