# taz.de -- Eine Form von Reichtum: Diese ganzen Dinge, sie kommen immer noch zu mir
       
       > Immer neuer Kram in der Wohnung? Dagegen kann sich unsere Kolumnistin
       > nicht wehren. Selbst wenn sie an die denkt, die die Wohnung mal ausräumen
       > müssen.
       
 (IMG) Bild: So viel zu haben, wie soll man sich da entscheiden?
       
       Vergangenes Jahr starb ein lieber Freund und hinterließ eine Menge Bücher.
       Er hatte diese vielen Bücher, weil sie ihm, jedes einzelne, so viel
       bedeuteten. So viel Zeit hatte er in Antiquariaten verbracht, hatte so viel
       über Bücher, über Literatur gewusst, es war sein Leben. Aber welches Buch
       war denn nun mehr wert als ein anderes?
       
       Nicht einmal annähernd hätte ich, hätten wir, wie wir da standen, in seiner
       Wohnung, umgeben von seinen Büchern, diese Bücher sichten und uns für eines
       oder drei oder vier entscheiden können. „Nimm dieses“, sagte ein Freund und
       drückte mir „Der Krieg mit den Molchen“ in die Hand. Und ich dachte, ja,
       das wollte ich schon lange lesen und packte es ein. „Niemand will diese
       Bücher haben“, hatte die Lebensgefährtin unseres Freundes gesagt. Sie hatte
       Antiquariate kontaktiert. Es war alles wertlos geworden, was ihm so
       wertvoll gewesen war.
       
       Vergangenes Jahr war ich auch bei Freunden, die ihr Elternhaus ausräumten
       und ich suchte mir [1][eine Menge Handschuhe und Tücher und Strumpfhosen
       aus].
       
       ## Ich möchte nicht, dass jemand viel ausräumen muss
       
       Seitdem denke ich über die Dinge nach, die ich besitze. Ich bewohne eine
       kleine Wohnung und kann schon aus diesem Grund nicht so viel ansammeln, wie
       jemand, der ein Haus besitzt, aber es ist doch einiges, womit ich diese
       kleine Wohnung gefüllt habe. Meine Bücher, meine Kleider, meine Platten.
       Ich denke, wenn ich sterbe, dann haben meine Kinder, meine Freund*innen
       eine Menge auszuräumen. Ich habe diesen Gedanken noch nicht so lange. Ich
       denke, ich möchte nicht, dass nach mir jemand so viel aufzuräumen hat.
       
       Das ist ja ein irgendwie seltsamer Gedanke, den ich früher nicht hatte. Und
       immer noch schaffe ich an. Ich habe mir neue Stiefel gekauft. Einen Pyjama.
       Auf der Straße habe ich einen Kaffeefilter aus Keramik gefunden. Er ist
       winzig und reicht für eine Tasse (wo bekomme ich so kleine Filtertüten
       her?). Diese ganzen Dinge, sie kommen immer noch zu mir, immer noch
       überlege ich, was brauche ich, was will ich? Werde ich diese Strumpfhosen,
       die ich jetzt besitze, je tragen können?
       
       Es ist mir ein ganz neuer, wenn auch banaler Gedanke, dass all diese Dinge,
       dir mir etwas bedeuten, ohne mich kaum einen Wert besitzen. Dass der Wert
       wahrscheinlich nur für mich besteht. Und dass all diese Dinge anzusammeln
       keine Sicherheit bringt. Mein Freund ist einfach gestorben und seine vielen
       wunderbaren Bücher haben ihm keine Sicherheit gebracht. Sie haben ihn im
       Stich gelassen.
       
       Soll ich dann besser die Dinge loslassen und anders leben (Ich finde diese
       minimalistischen Wohnungen so schick!)? Aber ich hänge an meinen Dingen.
       Ich nutze sie. Ich höre meine Platten, ich ziehe meine Kleider an, alle
       nacheinander trage ich sie, durch die Jahreszeiten hindurch, die für den
       Winter, die für den Frühling und den Sommer und den Herbst. Ich liebe jetzt
       schon diesen kleinen Kaffeefilter und werde ihm kleine Filtertüten
       besorgen. Ich liebe meine Dinge, weil ich sie ausgesucht habe oder weil ich
       sie geschenkt bekam.
       
       ## Ich bin reich
       
       Vielleicht ist das falsch und ich sollte mein Herz nicht an Dinge hängen,
       aber ich hänge mein Herz ja auch an Menschen. In meinem Herzen ist Platz
       für Dinge und Landschaften und Jahreszeiten und Menschen. Ich habe einen
       großen Koffer voller Strumpfhosen und wenn ich mir ein Kleid vom Bügel
       nehme, öffne ich den Koffer und suche eine Strumpfhose in der passenden
       Farbe dazu aus. Das ist so ein Reichtum! Wer hat denn so etwas? Ich habe
       das. Ich bin reich. Das kann ich mir einfach nicht abgewöhnen, reich zu
       sein. Ich habe sehr gute Freund*innen und sehr viele Strumpfhosen. Ich
       bin einfach reich. Da kann man nichts machen. Ich nehme mein Schicksal an.
       
       Es tut mir leid für meine Freund*innen und Kinder, wenn sie einmal meine
       Wohnung ausräumen müssen, aber so ist nun mal die Situation.
       
       23 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ueber-Abschiede-und-Trauer/!6123454
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Seddig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Zu verschenken
 (DIR) Reichtum
 (DIR) Wohnen
 (DIR) Tod
 (DIR) Konsum
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Erinnerungen, die nie verblassen: Es wäre klug, alles zu löschen
       
       Was wir wann gemacht haben, wo und mit wem, lässt sich leicht
       rekonstruieren – ein Handy reicht. Gut ist das nicht.
       
 (DIR) Ein Blick auf Berlins Gehwege: Wer im Winter das Tausalz wert ist
       
       Beim Schneeräumen zeigen Städte, wen sie schützen wollen. Die auf den
       Gehwegen, vermutet unsere Kolumnistin, sind es wohl eher nicht.
       
 (DIR) Zuversicht im Krankenhaus: Was Intimes, fast wie ein Geheimnis, aber warum?
       
       Unsere Kolumnistin war im Krankenhaus, sie wurde operiert. Nach der
       Operation einen guten Kaffee zu bekommen, sagt sie, ist einfach was
       Wunderbares.