# taz.de -- Palantir-Debatte in Niedersachsen: CDU und AfD schielen zum Big Brother
       
       > Rot-Grün lehnt den Einsatz von Palantir in Niedersachsen ab. Die CDU
       > versucht, trotzdem Druck zu machen. Und die AfD lädt Palantir in den
       > Landtag ein.
       
 (IMG) Bild: Ist eigentlich dagegen: Innenministerin Daniela Behrens (SPD) hat sich schon gegen Palantir ausgesprochen
       
       Eigentlich schien die Sache klar: Niedersachsens Innenministerin Daniela
       Behrens (SPD) hat mehrfach deutlich gemacht, dass sie den [1][Einsatz der
       umstrittenen Software des US-Konzerns Palantir] ablehnt, die Grünen sind
       ohnehin dagegen – die Regierungsmehrheit steht.
       
       Doch es gibt ein paar kleine Abers: Da ist zum einen die Novelle des
       Polizeigesetzes, die gerade in der Beratung ist. Darin soll unter anderem
       der Einsatz eines Echtzeit-Datenanalyse-Tools rechtlich geregelt werden –
       nach Meinung vieler Praktiker läuft das am Ende auf Palantir hinaus, weil
       die dringend gewünschte europäische Alternative eben nicht verfügbar sei.
       
       Vor allem die CDU-Opposition macht hier Druck. Mit einem eigenen Antrag
       will sie die niedersächsische Polizei ins digitale Zeitalter hieven.
       Deshalb gab es dazu in der vergangenen Woche eine Expertenanhörung im
       Innenausschuss. Zu solchen Anhörungen schlägt für gewöhnlich jede Fraktion
       die Experten vor, die in der Lage sind, die eigene Position mit klugen
       Argumenten zu unterfüttern. Die AfD lud Palantir ein.
       
       Palantir ist aus verschiedenen Gründen schwer umstritten. Das liegt unter
       anderem am Mitbegründer Peter Thiel, Trump-Unterstützer und
       Demokratie-Verächter. Die Befürchtung: er könnte seinen Zugriff auf die
       Sicherheitsarchitektur nutzen, um seine düsteren, rechtslibertären Visionen
       Wirklichkeit werden zu lassen.
       
       Tatsächlich ist die Software vor allem mit den US-Geheimdiensten groß
       geworden. Aktuell setzt sie auch die Heimatschutz-Miliz ICE bei ihrer Jagd
       auf Migranten ein. Aber auch das ukrainische, britische und israelische
       Militär greifen darauf zurück.
       
       ## Die hessische Polizei ist von „Gotham“ begeistert
       
       In Deutschland gibt es vier Bundesländer, die eine Variante von Palantirs
       Analyseplattform „Gotham“ im Einsatz haben oder das vorbereiten: Hessen,
       Bayern, NRW und Baden-Württemberg. Am längsten dabei ist, seit 2017, Hessen
       mit der Variante „Hessendata“.
       
       Dass Polizeipraktiker dabei glänzende Augen kriegen, liegt vor allem an
       drei Fähigkeiten der Software, führt der hessische Polizeivizepräsident
       Bodo Koch aus, der mit der Einführung befasst war.
       
       Da ist das Zusammenführen und logische Verknüpfen von Daten aus
       verschiedenen polizeilichen Systemen, die rasche Auswertung von großen
       Datenmengen und die Visualisierung von Netzwerkstrukturen und
       Beziehungsgeflechten.
       
       Aus historischen Gründen liegen viele Daten in unterschiedlichen
       Datenbanken, die einzeln abgefragt und ausgewertet werden müssen – was
       personalintensiv und langsam ist.
       
       ## Terror und Gewalt sind Lieblingsargumente
       
       Die Polizei argumentiert hier gern mit großen Gefahrenlagen –
       Terroranschlägen und Amokläufen – bei denen jede Sekunde zählt. Hessen
       rühmt sich, einen Anschlag mithilfe von Hessendata verhindert zu haben –
       von außen überprüfen lässt sich das nicht.
       
       Außerdem, sagt Koch, helfe die Analyseplattform, Netzwerke sichtbar zu
       machen. Wenn zum Beispiel Verdächtige aus zwei verschiedenen
       Ermittlungsverfahren mit ihren Handys plötzlich in der gleichen Funkzelle
       auftauchten, habe man das früher oft nicht bemerkt. Mit Palantirs
       Hessendata schon.
       
       Neuerdings rückt auch das Thema häusliche Gewalt in den Fokus. Da müssten
       unter Umständen, so Koch, hunderte von Seiten aus Chatprotokollen
       ausgewertet werden, um eine Gefährdung abzuschätzen.
       
       Tatsächlich, sagen viele Kritiker, nutzen Hessen und Bayern die
       Analysesoftware aber eben nicht nur für die ganz großen Gefahrenlagen.
       Sondern auch bei Einbruchsserien und Geldautomatensprengungen oder zur
       Auswertung gehackter Datenmengen aus Chats, in denen es um Drogenhandel
       geht.
       
       ## Nicht alles, was möglich ist, kommt auch zum Einsatz
       
       Datenschützer haben mit der übergeordneten Plattform, die auf verschiedene
       Datenbanken zugreifen kann, ein grundsätzliches Problem. Sie [2][hebt die
       Zweckbindung auf und damit ein Grundprinzip des deutschen
       Datenschutzverständnisses]: Daten, die der Staat über seine Bürger
       speichert, dürfen nur zu vorher genau umrissenen Zwecken und nur dazu
       verwendet werden.
       
       Natürlich, versichern die Palantir-Verkäufer, habe es der Kunde total in
       der Hand. Die Software wird nach seinen Bedürfnissen und rechtlichen
       Vorgaben gebaut. Im Fall von Hessendata gibt es Zugriffsbeschränkungen –
       nicht jeder Ermittler darf alle Daten abfragen – und jeder Zugriff wird
       protokolliert. Das System läuft außerdem auf eigener Hardware, in
       Polizeirechenzentren und in einem gesicherten Netz, ohne direkte
       Zugriffsmöglichkeiten von außen.
       
       Ausgeschlossen sind viele Anwendungen, die Stoff für Dystopien geben: Keine
       KI, kein Data-Mining, kein Zusammenführen mit Daten Dritter (also aus dem
       Internet oder von Telefonanbietern), kein „predictive policing“, bei dem
       Voraussagen versucht werden. Wohlgemerkt „bisher“: Den natürlich ließen
       sich die entsprechenden Tools problemlos integrieren.
       
       ## Umstritten ist, wie viel Kontrolle die Behörde überhaupt hat
       
       Aber auch wie viel Kontrolle der Kunde tatsächlich hat, ist umstritten. Das
       ist bei so komplexen Anwendungen anders als bei einem Softwarepaket, das
       man einmal kauft und installiert. Auch wenn die Anwenderländer aus den
       genauen Zahlen ein großes Geheimnis machen: Palantir kostet sie im
       laufenden Betrieb, der Wartung und Instandhaltung, fast genauso viele
       Millionen wie in der Anschaffung.
       
       Das bedeutet auch: Palantir-Mitarbeiter sind ständig im Einsatz, nicht nur
       am Anfang, sondern auch wenn Updates und Patches eingespielt werden müssen.
       Und sie haben dabei Zugriff auf sensible Daten.
       
       Zwar versichert der Konzern hoch und heilig, man habe kein Interesse daran,
       Kunden auf ewig in der Abhängigkeit zu halten. Es gäbe auch keinen
       „Kill-Switch“, mit dem das System auf Befehl aus Washington komplett
       abgeschaltet werden könne. Und keine Hintertüren, durch die Daten abfließen
       könnten, wie die US-Regierung es per Gesetz sonst von Software- und
       Telekommunikationsanbietern verlangt.
       
       Aber das muss man eben glauben. Einen tiefen Einblick in den Quellcode und
       die verwendeten Algorithmen erlaubt das Unternehmen in der Regel nicht. Das
       Fraunhofer Institut bekam im Auftrag des LKA Bayern einmal einen – das
       Gutachten wurde aber umgehend zur Verschlusssache erklärt.
       
       Am Ende ist allerdings auch fraglich, ob diese Debatte in Niedersachsen
       entschieden wird. Eine Bundesanwendung war durch Nancy Faser (SPD) unter
       der Ampelregierung auf Eis gelegt worden, der aktuelle Bundesinnenminister
       Alexander Dobrindt (CSU) hat sich dagegen schon als großer Fan des
       US-Produktes zu erkennen gegeben.
       
       16 Mar 2026
       
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