# taz.de -- Sexualisierte Gewalt in Lateinamerika: Damit es endlich aufhört
> Minderjährige Schwangere müssen in Guatemala das Kind meist austragen –
> selbst nach Vergewaltigung. Fátima bekam mit 14 einen Sohn. Sie hat
> erfolgreich geklagt.
(IMG) Bild: Sie war die beste Schülerin, aber als unehelich Schwangere diskriminiert: Fátima vor ihrer ehemaligen Schule in Huehuetenango
Fátima schluchzt, ihr Körper zittert. „Ich war dreizehn, schwanger, nicht
verheiratet“, erzählt die 29-Jährige mit Pferdeschwanz und silberner
Brille. Sie steht vor einer Schule im Zentrum von Huehuetenango im Norden
Guatemalas. Fátima selbst hat die Escuela Departamental einst besucht. Ein
Metallzaun schirmt das ockerfarbene Gründerzeitgebäude ab. „Ich war eine
wissbegierige Schülerin“, sagt Fátima. „Ich hatte Spaß am Lernen. Träumte
davon, Architektin oder Universitätsprofessorin zu werden.“
Tränen laufen Fátima über die Wangen, denn zur Erinnerung an die Schule
gehört auch die Rektorin, die ihr klar machte, dass sie, die beste
Schülerin, nicht wie üblich die Standarte beim Schulfest tragen dürfe – als
unehelich Schwangere. 2010 war das. „Ich war befleckt“, sagt Fátima. Diese
Demütigung hat sie nie verwunden. Fátima ist ein Pseudonym. Sie will ihren
richtigen Namen aus Vorsicht nicht veröffentlicht sehen. Wegen der beiden
Kinder, die sie heute hat, wegen der Schule, an der sie heute arbeitet. Die
Menschen dort sollen nicht en detail wissen, was ihr widerfahren ist. Denn
jedes Erinnern ist ein schmerzhafter Kraftakt.
„Für unverheiratete schwangere Mädchen oder gar junge Mütter ist da kein
Platz, wir fallen durch das Raster.“ Dabei ist Fátima mit ihrer Geschichte
nicht allein. Der Verwaltungsbezirk Huehuetenango hat eine der höchsten
Raten von minderjährigen Müttern in ganz Guatemala.
So wie es ihr in der Schule erging, erging es Fátima auch in der Kirche.
Sie ist in einem katholischen Haushalt aufgewachsen, ihre alleinerziehende
Mutter hat Wert auf den Besuch der Messe gelegt. Der aber war in der
prächtigen Kathedrale von Huehuetenango nicht mehr möglich. Dabei war die
Wohnung der Familie gar nicht so weit entfernt. Fátima war nicht mehr
willkommen – obwohl die Jugendliche überhaupt keine Schuld trug.
## Der Täter: ein Freund der Familie
„Für mich als Opfer einer Vergewaltigung war damals in der Kirche kein
Platz“, sagt Fátima mit leiser Stimme. Wieder kann sie die Tränen nicht
zurückhalten, die mit den Erinnerungen aufsteigen. Dreizehn Jahre alt war
sie, als ein langjähriger Freund der Familie sie missbrauchte. Zu einer
Fahrt in die Hauptstadt, zu einem Treffen von Jugendlichen am Jahresauftakt
2010 hatte er die 13-jährige eingeladen. Ihre Mutter hatte es erlaubt,
warum auch nicht. Fátima hatte Spaß an solchen Ausflügen, und zu Roberto
Santiago gab es Vertrauen. Er hatte für Fátima schließlich die
Schuluniformen, Bücher, Stifte und vieles mehr gekauft, mit ihr gelernt,
sie motiviert – war für sie da. Nicht nur ein paar Monate oder ein Jahr,
sondern ein ganzes Jahrzehnt lang.
Doch an jenem Abend in einem Hotel in Guatemala-Stadt hat der Mann, der all
ihr Vertrauen und das ihrer alleinerziehenden Mutter hatte, sie brutal
vergewaltigt. „Ich war geschockt, traumatisiert, musste versprechen,
niemandem etwas zu erzählen, sonst würde er alle Unterstützung für meine
Mutter einstellen“, sagt Fátima. „Dann kam die Übelkeit, das Erbrechen, mir
ging es mies und schließlich kam alles raus.“ Die schlimmsten Monate ihres
Lebens.
Ihre Mutter, die den gesamten Unterhalt für ihre sieben Kinder mit
Gelegenheitsjobs erwirtschaften musste, schleppte Fátima zu einem
befreundeten Arzt. Der stellte per Ultraschall die Schwangerschaft fest,
die sie nie wollte, für die ihr Körper gar nicht bereit war. Doch ein
Schwangerschaftsabbruch war keine Option. In Guatemala wie [1][in großen
Teilen Lateinamerikas] sind Minderjährige de facto dazu verurteilt, eine
Schwangerschaft auszutragen – auch wenn diese Resultat einer Vergewaltigung
ist.
„Ich musste meiner Mutter schließlich erklären, wer der Vater war. Das war
ein Schock für sie“, sagt Fátima mit leiser Stimme auf einer der Bänke mit
Blick auf die Kathedrale. „Danach habe ich mich verschlossen, eingeigelt,
fühlte mich schuldig.“ Der Vergewaltiger, Roberto Santiago, war Leiter
einer Abteilung in der Sozialbehörde der Stadt. Licenciado, Studierter,
wurde er in Huehuetenango respektvoll genannt. In den städtischen
Sozialunterkünften, in den Kliniken, aber auch darüber hinaus. Die Familie
Santiago gehört zu den einflussreichen in und um Huehuetenango, einer
armen, relativ nah an der Grenze zu Mexiko gelegenen, Region.
## Schule und Kirche haben sie gedemütigt
Kaffee ist hier das wichtigste Anbau- und Exportprodukt. Allerdings sinken
die Erträge mit der [2][Klimaerhitzung], und anders als früher gehen heute
kaum mehr Menschen zur Kaffeeernte nach Mexiko. Zu gefährlich, die Kartelle
kontrollierten die Südgrenze Mexikos, heißt es. Was bleibt, ist seit Jahren
der Weg in die USA. Doch von daher kommen mehr und mehr Auswanderer zurück
– selten freiwillig.
Teenagerschwangerschaften werden im Departamento Huehuetenango in zwei
Kategorien unterschieden: Schwangerschaften von Kindern zwischen 10 und 14
Jahren und Schwangerschaften von Heranwachsenden zwischen 14 und 19 Jahren.
Fátima kennt sich aus, weil sie als Lehrerin sehr genau die Verhältnisse in
den Schulen der Region kennt. Und weil ihre Tochter besser geschützt sein
soll, als Fátima es war.
Sechzehn Jahre ist Fátimas Sohn jetzt alt, elf Jahre ihre Tochter. Sie ist
der Antrieb, warum Fátima nach all den Jahren nicht locker lässt und noch
immer dafür kämpft, dass der Vergewaltiger bestraft wird. „2011 habe ich
die erste Anzeige gestellt. Gemeinsam mit meiner Mutter. Sie hat nichts
gebracht“, sagt Fátima. „Bis heute ist der Täter frei, ich bin ihm sogar
zweimal begegnet.“ Der Täter wird gedeckt, so die Mutmaßung. Von seiner
einflussreichen Familie, den ehemaligen Kollegen und Kolleginnen innerhalb
des städtischen Sozialamts.
Roberto Santiago, studierter Pädagoge, war beliebt, vergab Posten, hat
Kontakte in die Justiz. Bis heute wurde Santiago nicht festgenommen, obwohl
die Beweise gegen ihn erdrückend sind. „Er müsste mittlerweile so um die 60
Jahre alt sein, vielleicht auch schon 65 Jahre“, sagt Fátima. „Ich bin
sicher, dass er nach wie vor in der Region lebt, und natürlich will ich ihm
nicht noch mal begegnen.“ Die taz konnte Fátimas Anzeige einsehen, ein
[3][Bericht des UN-Menschenrechtsausschusses] dokumentiert den Fall, so wie
sie ihn schildert. Roberto Santiago aber war für eine Stellungnahme nicht
zu erreichen.
Es ist ja nicht nur der Vergewaltiger, der sich tief in Fátimas Gedächtnis
eingegraben und ihr Vertrauen in Männer tief erschüttert hat.
Traumatisierend war auch, wie Schule und Kirche damit umgegangen sind – und
die Angestellten des Gesundheitssystems, die die 13-Jährige während und
nach ihrer Schwangerschaft gedemütigt haben.
## In Fátimas Fall soll es anders laufen
Ein Mädchen, das ein Kind habe, dürfe ohne Heiratsurkunde nicht weiter zur
Schule gehen, hieß es damals. Erst als Fátima und ihre Mutter bei der
Hilfsorganisation Mujeres Transformando el Mundo, Frauen verändern die
Welt, um Hilfe baten, sorgte die landesweit bekannte Organisation für
rechtlichen Beistand. Fátima klagte sich zurück in die Schule, und das war
ihr Sprungbrett, um an die Universität zu kommen. „Ohne Mujeres
Transformando el Mundo wäre ich heute eine Marktverkäuferin“, sagt Fátima.
Sie erinnert sich noch an den ersten Besuch bei der Frauenorganisation.
„Dort habe ich zum ersten Mal begriffen, dass ich nicht die Einzige bin“,
sagt Fátima, „dass wir viele sind, die damit fertig werden müssen, und dass
es Frauen gibt, die helfen.“
Management und Betriebswirtschaftslehre wollte Fátima eigentlich studieren.
Doch das war zu teuer, Pädagogik war im Budget ihrer Mutter gerade noch
drin. Bei Fátimas Mutter landete auch gleich nach seiner Geburt der kleine
Jamal. Für Fátima war es schlicht nicht möglich, ihren Sohn zu stillen, ihn
aufzuziehen. Bis zum zwölften Lebensjahr wuchs er bei der Großmutter auf.
„Als er zehn war, immer wieder nachfragte, erzählten wir ihm schließlich,
wer sein Vater ist“, sagt Fátima. „Da begriff er, warum unser Verhältnis
anders ist als das zwischen mir und seiner Halbschwester.“
Mit 18 Jahren hat Fátima ihren jetzigen Mann kennengelernt, mit 19 hat sie
ihn geheiratet. Im selben Jahr kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Für
ihren Sohn Jamal sei ihr Ehemann mittlerweile zu einem vertrauten
Vaterersatz geworden, sagt Fátima. Oft würde Jamal besser mit seinem
Stiefvater klarkommen, als mit ihr selbst.
Sieben Autostunden entfernt von Huehuetenango, in Guatemala-Stadt, befindet
sich die Zentrale von Mujeres Transformando el Mundo. Bei Bedarf begleitet
die Organisation Betroffene sexualisierter Gewalt über Jahre hinweg.
„Fátima ist nur ein Beispiel“, sagt Paula Barrios, Anwältin und
Koordinatorin von Mujeres Transformando el Mundo. „Bei uns arbeiten
Sozialarbeiterinnen, eine Psychologin, eine Therapeutin und auch eine
Köchin, die als Opfer sexueller Gewalt zu uns gekommen sind. Es gibt
Dutzende von Biografien, in denen wir auftauchen.“ Finanzielle Förderung
für diese Arbeit kommt aus Spanien, aber auch zum Beispiel aus
Skandinavien.
Mujeres Transformando el Mundo hat auch den Fall Sepur Zarco publik gemacht
und vor Gericht gebracht. Es ist der wohl wichtigste Fall von
sexualisierter Gewalt im guatemaltekischen Bürgerkrieg, sie richtete sich
in den Achtzigerjahren gegen mehr als ein Dutzend indigene Frauen. Die
beiden verantwortlichen Militärs wurden 2018 für sexualisierte Versklavung
und mehrere Morde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Ein Urteil, das
angesichts von Abertausenden Vergewaltigungsfällen durch die Militärs
überfällig war. Gleichwohl hat der Staat Guatemala bis heute nicht alle
Wiedergutmachungsleistungen für [4][die Opfer der Militärs] erfüllt, zu
denen er vom Gericht verurteilt wurde.
Fátimas Fall ist anders. Und in ihrem Fall soll es anders laufen.
Paula Barrios hat den Prozess 2018 gemeinsam mit Fátima angestoßen. „Sie
war frustriert, dass Roberto Santiago auf freiem Fuß war“, sagt die
Anwältin. „Ich regte an, etwas für die zu tun, die keine Stimme haben.“ Die
beiden begannen, den Fall niederzuschreiben und aufzuzeigen, wo der Staat
seinen formalen Pflichten nicht nachgekommen war. Laut der Verfassung. Und
laut der UN-Menschenrechtscharta. Es war ein erster Schritt. Der zweite
folgte 2019 mit der Einreichung einer Sammelbeschwerde beim
UN-Menschenrechtsausschuss.
Die enthielt vier weitere Fälle von Jugendlichen aus Nicaragua, Peru,
Ecuador und El Salvador, die wie Fátima vergewaltigt worden waren und gegen
ihren Willen ein Kind zur Welt bringen mussten. „Die Option des
Schwangerschaftsabbruchs ist in Guatemala nur aus medizinischen Gründen
legal, attestiert von zwei unabhängigen Ärzten – Minderjährige sind de
facto dazu verurteilt, ein Kind zur Welt zu bringen, wenn sie schwanger
sind. Auch wenn die Schwangerschaft eine Folge sexueller Gewalt ist“, sagt
Paula Barrios. Eine bittere Realität in Guatemala, aber auch in vielen
Nachbarländern. „Doch das widerspricht den Grundrechten der Mädchen, die
weder zu einer Schwangerschaft noch zu einer Mutterschaft gezwungen werden
dürfen“, sagt Paula Barrios und beruft sich dabei auf den UN-Ausschuss für
Menschenrechte.
## Heute setzt sie sich für andere Frauen ein
Barrios gehörte zu einem Team von Anwältinnen, die vor dem Ausschuss eine
Entscheidung erstritten haben, die nicht nur in Guatemala, sondern auch in
den anderen vier Ländern die Regierungen in die Pflicht nimmt. Es brauche
begleitende Maßnahmen, die den Zugang zu Medizin, Justiz und Administration
erleichtern, aber auch dafür sorgen, dass Sexualerziehung und Prävention in
Guatemala Realität werden und die Opfer besser versorgt werden, sagt Paula
Barrios. „Die große Herausforderung ist die Implementierung der Maßnahmen.“
Das sieht Ninfa Alarcón ganz ähnlich. Sie leitet das Programm für Kinder-
und Jugendrechte des Menschenrechtsbüros des katholischen Erzbistums von
Guatemala-Stadt. „Das Urteil gegen den guatemaltekischen Staat im Fall
Fátima kennen in Guatemala nur die Spezialisten“, sagt die 63-Jährige. Die
Zahlen von Schwangerschaften minderjähriger und heranwachsender Mädchen
würden nach wie vor steigen. 2.101 Kinder von Müttern zwischen 10 und 14
Jahren kamen im Jahr 2025 in Guatemala zur Welt, 54.788 waren es bei den
Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Huehuetenango sei eine Region, in der es
besonders viele Fátimas gebe, sagt Alarcón.
2024 hat sie eine Broschüre mit den harten Fakten veröffentlicht. Ein Novum
im Erzbistum, ein Novum im Land. Es steht darin, wer die typischen Täter
sind: Väter, Stiefväter, Großväter, Onkel, Freunde. „Das sind Fakten, die
in der Kirche weder gern gesehen, noch wahrgenommen werden“, erklärt
Alarcón. Sie wünscht sich von ihrem Arbeitgeber eine aktivere, positive
Rolle.
Doch davon sind die Kirchen, die katholische und mehr noch die evangelikale
in Guatemala weit entfernt. Beide Religionsgemeinschaften sind extrem
einflussreich in Gesellschaft und Politik. Der [5][Schutz ungeborenen
Lebens] scheint ihnen wichtiger als der Schutz und die Rechte der
minderjährigen Mütter. Ein Beispiel: Auf Druck der Kirchen liegt die
Gesetzesinitiative 5376 zum Schutz von Minderjährigen vor sexualisierter
Gewalt seit 2018 im Parlament auf Eis.
## Überfällige Reformen
Geht es um Sexualkunde, sexuelle Rechte und den medizinischen
Schwangerschaftsabbruch, winken viele Abgeordnete nur ab. „Das sind Tabus,
an die sich auch die progressive Regierung von Bernardo Arévalo zumindest
derzeit nicht herantraut – trotz des Urteils“, sagt Paula Barrios. Die
Juristin weiß genau, dass das an den Mehrheitsverhältnissen im Parlament
liegt, wo die Regierungspartei nur über etwas mehr als 20 Mandaten verfügt.
Von 160. Die korrupte und oft auch religiöse Rechte verfügt über eine
deutliche Mehrheit.
Das macht die Implementierung des erstrittenen Urteils alles andere als
einfach. Doch Paula Barrios ist hartnäckig und weist in den Verhandlungen
mit den Regierungskommissionen immer wieder auf offensichtliche Defizite
hin. „Wer kümmert sich um die Kinder, wenn minderjährige Mütter in die
Schule gehen? Wer sorgt dafür, dass die Mütter an der Schule nicht
diskriminiert werden?“, fragt sie und drängt die Behörden zu Reformen.
Die sind überfällig und Fátima kann das gut beurteilen. „Wir müssen unsere
Kinder besser erziehen, besser schützen, besser aufklären“, sagt sie. Dass
sie die Verhältnisse unter Jugendlichen so gut kennt, liegt auch daran,
dass sie ihr berufliches Ziel gegen viel Widerstand erreicht hat. Seit acht
Jahren unterrichtet Fátima nun schon als Lehrerin.
25 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Knut Henkel
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