# taz.de -- Sibel Schick über Reproduktionsrechte: „Du wirst zu einer Hülle degradiert“
       
       > Die Autorin Sibel Schick setzt sich in ihrem neuen Buch für reproduktive
       > Gerechtigkeit ein. Wieso kommen wir in Deutschland nicht voran?
       
 (IMG) Bild: Reproduktionsrecht müssen weiter gefasst werden, denn Frauen werden auf allen Ebenen allein gelassen
       
       taz: Sibel, du beginnst dein Buch mit einer Widmung an Adriana Smith, eine
       Frau, die trotz des Hirntods, wie du schreibst „nicht in Würde sterben
       durfte, weil sie schwanger war“. Was hat dich an diesem Fall beschäftigt? 
       
       Sibel Schick: Der [1][Fall Adriana Smith] hat klar gezeigt, dass dein
       Körper vor allem die Funktion des Gebärens, des Austragens, der
       Reproduktion erfüllen soll. Und dass alles andere, alle philosophischen
       Fragen, die ebenso zum Leben gehören, darin ausgeklammert werden. Die
       Familie wurde nicht mal gefragt, Smith durfte einfach nicht sterben. Und
       dieses Nicht-sterben-Dürfen ist der ultimative Eingriff in das Leben. Es
       ist so schlimm, dass diese Art von Ausbeutung selbst nach deinem Tod nicht
       aufhört. Du wirst zu einer Hülle degradiert. Im Fall von Adriana Smith ist
       das ja auch deshalb so brutal, weil sie an den Komplikationen ihrer
       Schwangerschaft gestorben ist, die, während sie noch gelebt hat, gar nicht
       ernst genommen worden waren. Sie hätte gerettet werden können, aber ihr
       Leben hat nicht gezählt.
       
       taz: Du kritisierst auch feministische Slogans wie „mein Körper, meine
       Entscheidung“ als verkürzt, weil es bei dem Begriff der reproduktiven
       Selbstbestimmung um mehr gehe als um Schwangerschaftsabbrüche. 
       
       Schick: Es ist sehr catchy zu sagen: [2][„My body, my choice.“] Und zuerst
       einmal klingt das ja auch schlüssig, aber es ist mir wichtig, über die
       ganzen anderen Zusammenhänge, die genauso wichtig sind, nachzudenken. Wenn
       sich ein Mensch für ein Kind entscheidet, entscheidet man sich doch nicht
       für die Armut oder Einsamkeit, in der sich viele Eltern aber wiederfinden.
       Oder wenn man sich eigentlich ein Kind wünscht und auch in der Lage wäre zu
       gebären und das dann aber an Hürden wie Wohnraum, Zeit oder Geld scheitert
       oder die Person niemanden hat, der sie unterstützen kann. Dann ist das
       keine freie Entscheidung, also nicht wirklich „My body, my choice“. Ich
       finde, dass die Forderung einfach zu kurz greift, weil mit einer
       Schwangerschaft auch eine Menge Folgen mitkommen, für die sich Menschen
       eben nicht entscheiden.
       
       taz: Wo stehen wir denn aus deiner Sicht in Deutschland aktuell in der
       Debatte um §218? 
       
       Schick: Studien belegen, dass die Gesellschaft diesen Paragrafen
       mehrheitlich nicht möchte. Und ich finde, dass auch so viel dazu gesagt
       wurde und so viel diskutiert wurde, dass es genug Gründe gibt, dass dieser
       Paragraf abgeschafft werden sollte. Und dennoch wird das Gesetz nicht
       dieser gesellschaftlichen Realität angepasst.
       
       Die konservative Politik kommt dem gesellschaftlichen Wandel nicht
       hinterher. Auf den entscheidenden Posten sitzen Menschen, deren Priorität
       es nicht ist, das Leben dem gesellschaftlichen Bild entsprechend zu
       gestalten, sondern ihre eigenen Interessen zu vertreten. Es sind Menschen,
       deren christlich-fundamentalistische Überzeugung dazu, wann ein Leben
       beginnt, im Vordergrund steht. Sie haben die Debatte moralisiert. Ich halte
       diese moralische Argumentation aber für eine Ausrede – weil wir am Ende ja
       auch sehen, dass die Debatten extrem menschenfeindlich geführt werden –
       frauenfeindlich, rassistisch, transfeindlich.
       
       taz: Deshalb argumentierst du auch, man müsse die Frage nach reproduktiver
       Gerechtigkeit intersektional betrachten. Was bedeutet das? 
       
       Schick: Ich finde, dass man jede feministische Diskussion intersektional
       betrachten müsste. Wir reden ja gerade über den Fall Ulmen. Und es gibt
       Männer, die Fotos von Fernandes teilen, um zu argumentieren, dass sie kein
       Opfer sein könne. Man könne ihr keine Gewalt antun, weil sie sowieso ein
       „Flittchen“ sei. Wir kennen dieses victim blaming: Diese Argumentation hat
       seine Ursprünge im Rassismus. Schwarze Frauen, die versklavt wurden, wurden
       für „unrapeable“ erklärt, weil sie so lüstern seien. Wenn wir in
       feministischen Debatten diese Zusammenhänge und diese historischen
       Kontinuitäten nicht erkennen, gewinnen wir am Ende gar nichts. Wenn wir den
       Problemen wirklich auf den Grund gehen wollen und einen positiven,
       nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen wollen, dann kommen wir
       gar nicht drumherum, als intersektional zu denken.
       
       taz: Du erzählst im Buch, dass du selbst einen Schwangerschaftsabbruch
       wolltest, aber weder gut informiert noch direkt behandelt wurdest. Bis es
       zu einer schweren Komplikation kam – einer beidseitigen Lungenembolie, an
       der du fast gestorben wärst. Welche Rolle spielen persönliche Erfahrungen
       für dein Buch? Und wie überträgst du diese in eine Analyse
       gesamtgesellschaftlicher Missstände? 
       
       Schick: Diese persönliche Erfahrung war der Auslöser, warum ich dieses Buch
       geschrieben habe. Ich glaube, solche Anekdoten sind total wichtig, um die
       abstrakte Debatte einordnen zu können und damit nachvollziehbarer zu
       machen. So kann man die Debatte viel produktiver führen. Und Emotionalität,
       die mit der persönlichen Betroffenheit kommt, öffnet auch eine andere
       Perspektive und macht das Erzählte zugänglicher. Also eine komplett andere
       Ebene, auf der die Geschichte erzählt wird, aber auch konsumiert wird.
       
       taz: Du schreibst auch über die gesellschaftliche Isolation von Müttern und
       diskutierst Lösungsansätze. Wie lässt sich dem begegnen? 
       
       Schick: Das ist ein vielschichtiges Problem, aber ein konkreter Ansatz
       wären andere Arbeitszeitmodelle. Mütter werden ja nicht nur aus dem Grund
       alleingelassen, weil sie Mütter sind und die Gesellschaft ohnehin schon
       misogyn und individualistisch geprägt ist, sondern auch, weil ganz viele
       Menschen einfach überarbeitet sind. Viele haben einfach keinerlei
       Ressourcen für ein solidarisches Dasein für andere. Wir müssen neue Wege
       finden, Erwerbsarbeit zu erledigen: Unter welchen Bedingungen wir arbeiten,
       aber auch, wie wir weniger arbeiten können, allerdings für mehr Geld.
       
       Die Löhne wachsen nicht so schnell wie die Lebenshaltungskosten. Das würde
       schon einen sehr großen Teil des Problems lösen, weil Menschen überhaupt
       die Möglichkeit hätten, für andere da zu sein. Und dann natürlich muss eine
       neue Perspektive entstehen, eine gesellschaftliche Aufwertung von
       Zusammenhalt und Solidarität und von Menschen und generell von Care-Arbeit.
       Es muss in den Köpfen der Menschen ankommen, dass Sorgearbeit unverzichtbar
       ist und dass wir ohne einander verloren sind.
       
       8 Apr 2026
       
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