# taz.de -- Rundgang über die Leipziger Buchmesse: Weimer als Symptom
> Michal Hvorecký sieht slowakische Verhältnisse in Deutschland, Carla
> Hinrichs glaubt nicht an Ausrutscher, Maxim Znak liest 1.596 Bücher. Ein
> Rundgang über die Buchmesse.
(IMG) Bild: „Wenn du liest, passiert ein Wunder, du begibst dich in andere Welten, begegnest anderen Personen“, schreibt Maxim Znak
Osteuropa ist in gewisser Weise immer Avantgarde, im Guten wie im
Schlechten. Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký etwa weiß schon
lange, wie es ist, [1][wenn ein Großteil der Kulturszene von der
Kulturministerin des eigenen Landes bekämpft wird]. „Ich war gestern bei
den Demonstrationen gegen den deutschen Kulturstaatsminister vor dem
Gewandhaus“, erzählt er am Donnerstagabend im Café 292, wo der Tropen
Verlag sein Dreißigjähriges feiert.
„Es fühlte sich sehr slowakisch an.“ Mit Zensur, staatlicher Kontrolle und
Machtmissbrauch habe man dort schon lange zu tun, „diese Tendenzen jetzt
auch hier zu beobachten, macht mir große Sorge. Wir sehen bei uns, was
passiert, wenn die Neuen Rechten an die Macht kommen.“
Die Panels, Gespräche, Lesungen während der Leipziger Buchmesse werden von
Krisen jedweder Art dominiert – und von Weimer als Symptom. So eben auch
dieser Tresen-Talk über Repressionen und Demokratieabbau, an dem neben
Hvorecký auch „Letzte Generation“-Aktivistin Carla Hinrichs teilnimmt –
beide haben gerade neue Bücher bei Tropen veröffentlicht.
Carla Hinrichs, ehemals Jura-Studentin, ist wegen „Bildung einer
kriminellen Vereinigung“ nach Paragraf 129 angeklagt; sie spricht über die
schleichende Verschiebung von Diskurs und Recht, [2][über den brutalen
Polizeieinsatz in ihrer Wohnung vor drei Jahren]. „Wir müssen begreifen,
dass es keine Ausrutscher sind, wenn eine Horde Polizisten mit gezückten
Waffen in meine Wohnung stürmen oder wenn Wolfram Weimer Buchläden von
einem Preis ausschließt.“
Für sie sind dies Schritte einer Autokratisierung, deren rapides
Voranschreiten wir noch immer unterschätzten. Sie argumentiert unter
anderem mit der Geschichte des Paragrafen 129 StGB, den es seit Gründung
des Deutschen Reichs gibt, der in der NS-Zeit massiv angewendet wurde und
der weiter genutzt werde, um Protest zu unterdrücken.
## 18 Bücher in Haft geschrieben
Von staatlichen Repressionen grausamerer Art können die belarussischen
Oppositionellen Maria Kolesnikowa [3][und Maxim Znak berichten]. Beide
waren über fünf Jahre in Haft, die meiste Zeit davon isoliert, beide sind
Ende 2025 freigekommen. Kolesnikowa und Znak (dem die Anreise aus Polen von
den Behörden extra schwer gemacht wurde) werden in Halle 5 auf der großen
Bühne am Donnerstag mit lang anhaltendem Applaus begrüßt. Das Lesen und
Schreiben habe ihnen in der Haft geholfen zu überleben, sagen sie. 1.596
Bücher in fünf verschiedenen Sprachen habe er im Gefängnis gelesen, so
Znak, er habe immer Listen abgegeben und dann normalerweise fünf Bücher pro
Woche aus der Gefängnisbibliothek erhalten.
„Wenn du liest, passiert ein Wunder, du begibst dich in andere Welten,
begegnest anderen Personen“, sagt er. Die russische und belarussische
Dissidentenliteratur sei zum Teil nicht verfügbar gewesen (Schalamow,
Bykau, Alexijewitsch), doch er habe Uladsimir Karatkewitschs „Die Ähren
unter deiner Sichel“ lesen können – einen Klassiker der belarussischen
Literatur, der von den Aufständen gegen das Russische Kaiserreich 1863/1864
handelt. Zudem habe er ganze 18 (!) Bücher in Haft geschrieben, die ihm
allesamt bei seiner Entlassung weggenommen worden seien.
Znak erträgt es mit stoischem Humor: „Man soll ja immer das Gute im
Schlechten sehen. Das war ein verdammt intensiver Schreib-Workshop von über
fünf Jahren.“ Bewundernswert positiv gibt sich auch Kolesnikowa. Auch sie
erzählt von ihren Leseerfahrungen in der Haftzeit (viel
Wissenschaftslektüre), sie habe zwei Bücher geschrieben, die sie nicht habe
mitnehmen dürfen. „Es ist alles noch in meinem Kopf. Ich werde jetzt vier
Bücher schreiben, wenn ich die Zeit dazu finde.“
## Für das Gute und Erhaltenswerte kämpfen
Widerstandsfähigkeit zu demonstrieren, das können zuvörderst die
Ukrainer:innen. Am Ukraine-Stand, der gewohnt groß und gewohnt gut besucht
in Halle 4 residiert, trifft man den Philosophen und
PEN-Ukraine-Präsidenten Volodymyr Yermolenko; später im Gespräch sagt er,
dass die Europäer wieder lernen müssten zu kämpfen, diesmal für das Gute
und Erhaltenswerte, sonst würden sie zwischen den Großmächten zerrieben.
„Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Idee, dass wir manchmal für Dinge
kämpfen müssen, einfach weggefegt worden“, sagt er, aus berechtigten
historischen Gründen. Man habe aber die gesamte Idee des Kampfes negiert,
während man eigentlich nur die totalitäre Idee hätte beseitigen sollen,
dass nur der Kampf die menschliche Natur definiere. „Eine Gesellschaft, die
ausschließlich auf Agon, auf Kampf, basiert, ist faschistisch. Aber eine
Gesellschaft, die ausschließlich auf ewigen Dialog und Agora setzt, ist bis
zu einem gewissen Grad eine gute Demokratie, ab einem bestimmten Punkt wird
sie zahnlos.“
Die Ukrainer:innen könnten also auch darin europäische Avantgarde sein –
der Begriff stammt, man vergesse das nicht, aus dem Militärischen.
20 Mar 2026
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