# taz.de -- Porträt des Autors Miljenko Jergović: Gedenksteine für das Menschliche
       
       > Der Schriftsteller Miljenko Jergović beschreibt die Notlügen, die Scham,
       > die Angst und die Liebe auch im Krieg. Am Mittwoch erhält er den Preis
       > für europäische Verständigung.
       
 (IMG) Bild: Er stört den falschen Frieden, indem er für einen gerechten Frieden eintritt: Miljenko Jergovic 2025 in Bad Ischl
       
       Wenn im deutschsprachigen Raum vom Autor Miljenko Jergović die Rede ist,
       dann meistens mit dem Zusatz „europäisch“. Ein bisschen unangenehm ist das
       schon – denn wo sonst als in Europa liegt seine Heimat Südosteuropa, liegt
       der Balkan, liegt die Region des ehemaligen Jugoslawien? Es ist
       selbstverständlich gut gemeint, es soll mit dem Beiwort nur ausdrücklich
       nochmal betont werden, dass wir es hier mit einem außergewöhnlich großen
       literarischen Talent zu tun haben, der zwar aus der Schmuddelecke Europas
       kommt und über sie schreibt, aber den großen Europäern aus London oder
       Lübeck in Nichts nachsteht.
       
       Selbstverständlich sind die Figuren von Jergovićs Prosa Europäer, auch wenn
       ihre Erfahrungen und Entscheidungen, ihre Schicksale und Gewohnheiten, ihre
       Essens-, Urlaubs- oder Erinnerungskulturen, ihre politischen Debatten, ihre
       Mörder, ihre Kranken, ihre Armut oder ihre Mercedesfahrer geprägt sind von
       den spezifischen politischen, klimatischen und gesellschaftlichen
       Entwicklungen in ihrem direkten geografischen Umfeld.
       
       Vielleicht wird das Beiwort „europäisch“ auch deswegen angehängt, weil
       Jergovićs Figuren aus dem 21. Jahrhundert von etwas geprägt sind, das zwar
       im Europa des 20. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterlassen hat, das der
       Kontinent nach 1945 aber hinter sich gelassen hatte: Krieg.
       
       1966 kommt Jergović im damals noch zur sozialistischen Föderation
       Jugoslawien gehörenden Sarajevo auf die Welt, wächst dort auf und flieht
       während des blutigen Zerfallskrieges 1993 nach Kroatien, wo er als
       Journalist und Schriftsteller seitdem in der Nähe der Hauptstadt Zagreb
       lebt.
       
       ## Ein literarischer Chronist
       
       Über 35 Romane, Gedicht- und Essaybände hat er bereits veröffentlicht, für
       die er in ganz Europa Preise erhalten hat und von denen viele noch auf die
       deutsche Übersetzung der großartigen Brigitte Döbert warten. Jergović ist
       nicht nur einer der bedeutendsten literarischen Chronisten der
       jugoslawischen, sondern auch einer der hartnäckigsten literarischen
       Aufarbeiter der postjugoslawischen Gesellschaften.
       
       Zwischen seinen großen Epochenromanen wie „Das Walnusshaus“ und „Die
       unerhörte Geschichte meiner Familie“, der so unterhaltsam wie düsteren
       Roadmovietrilogie „Freelander“, „Buick Rivera“ und „Wolga Wolga“ stehen
       Solitäre wie [1][„Ruth Tannenbaum“], in dem Jergović anhand des
       gleichnamigen Kinderbühnenstars der 30er Jahre aufs Präziseste zeigt, wie
       der Antisemitismus im faschistischen Kroatien aus dem bürgerlichen
       Theaterboden eine Mördergrube machte, oder „Vater“, in dem er zeigt, dass
       die Geschichte Jugoslawiens im Grunde eine innerfamiliäre Angelegenheit
       war, oder „Wilimowski“, in dem er dem gleichnamigen Fußballer ein Denkmal
       setzt, der für die deutsche und die polnische Nationalmannschaft spielte
       und den einen später als Verräter, den anderen als Nazi galt.
       
       Miljenko Jergović ist Fußballfan. In „Freelander“ beispielsweise sind wir
       mal Zeuge eines Fußballspiels in einem bosnischen Kaff, in dem eine
       Dorfmannschaft aufläuft, deren Trikots mit brasilianischen Namen bedruckt
       sind, deren Spieler aber allesamt für billiges Geld in Albanien gekauft
       wurden. Und Jergović ist nicht nur Intellektueller, Kunstverständiger,
       Musikkenner, Blogbetreiber und fanatischer Schreiber. Er ist auch
       fanatischer Leser. Sein Blog „[2][Ajfelov Most]“ (Eiffelbrücke) fungiert
       wie das zentrale Literaturhaus des ehemaligen Jugoslawiens, denn dort
       versammelt Jergović Autor*innen aus ganz Ex-Jugoslawien. Dazu gibt es
       von ihm Porträts über diese und jede Menge andere Autor*innen, deren Werke
       er durcharbeitet.
       
       Das Sympathischste aber an diesem Autor ist, dass er – obschon kein
       Kommunist – sein Talent der genauen Beobachtung und der anschaulichen
       Verdichtung der gesamten Öffentlichkeit quasi kostenlos zur Verfügung
       stellt. Sein [3][Facebook-]Profil hat zwar nicht die Reichweite der beiden
       größten kroatischen Popstars Thompson (politisch rechts) und Severina
       (politisch links), aber fast.
       
       ## Täglich ein Facebook-Eintrag
       
       Es gibt kaum ein Tag, an dem er auf seinem Profil nicht einen neuen Eintrag
       stellt, mal sind es Kommentare und Verweise auf eigene Texte und Kolumnen
       zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen, mal sind es
       Verweise auf ältere Texte anderer Autoren, die er für aktuelle Debatten als
       inspirierend empfiehlt.
       
       Im vergangenen Jahr erschien in Kroatien sein bisher nicht ins Deutsche
       übersetze Buch „1983“, in dem er seinem 17-jährigen Ich begegnet. Er
       erzählt hier mit der gleichen herausragenden Haltung, die ihn als
       Schriftsteller genauso auszeichnet wie als Essayisten: Er kommt seinen
       Objekten so nahe, wie es nur irgend geht, und in diesem Buch ist es er
       selbst. Oder besser: dem Miljenko Jergović von vor Ausbruch des Krieges
       1991, der sein ganzes Leben lang ein Parallel-Ich zu dem Miljenko Jergović
       bildet, der den Krieg erlebt hat.
       
       Auch das Buch, für das er an diesem Mittwoch den [4][Leipziger Buchpreis
       zur europäischen Verständigung] erhält, ist das Ergebnis dieser immer
       wieder an Gewissheiten zweifelnden, eigene Beobachtungen hinterfragenden
       Haltung. Fast 30 Jahre, nachdem er mit seinen Kurzgeschichtenband „Sarajevo
       Marlboro“ 1994 weltweit bekannt wurde, legte er mit „Das verrückte Herz“
       einen Band vor, in dem er Motive aus dem alten Buch aufnahm und die
       Geschichten nun so schrieb, wie es ihm heute angemessen erscheint, über den
       damaligen Krieg zu schreiben.
       
       Die Miniaturen in diesem Buch sind keine Ersatzgrabsteine für die Opfer des
       Bosnienskrieges. Es sind Gedenksteine für das Menschliche: für die
       Notlügen, die Halbwahrheiten, die Scham, den Geiz, den Neid, die Angst, die
       Liebe, die unglückliche Ehe, den dummen Zufall, all das, was weiter
       existiert im Krieg, also all das, was Menschen machen und was sie ausmacht.
       Jergović’ Feinmechanik kann menschliche Abgründe im Nanometerbereich
       schildern. Selten bis nie braucht er dafür die Darstellung roher Gewalt.
       Jergović erschafft dafür andere Geschichten und Bilder, die sich in die
       Erinnerung brennen. Dabei richtet er den Blick nicht auf die großen
       Massaker, sondern zum Beispiel auf verkohlte Wäsche, die vor der Ruine
       eines beschossenen und verlassenen Wohnhauses flattert.
       
       ## Im richtigen Moment
       
       Der Leipziger Preis kommt im richtigen Moment. Jergović ist zu Hause,
       gemeinsam mit anderen Journalist*innen, Publizist*innen und
       Künstler*innen, von massiven Einschüchterungsversuchen rechter Radikaler
       bedroht.
       
       Ob Politik, Unterwelt oder Kultur: wo andere schweigen, fängt Jergović an
       zu reden. Für kroatische „Vaterlandsverteidiger“ ist Jergović schon seit
       den Tagen des Unabhängigkeitskrieges ein Verräter – zu entschieden begegnet
       er seit jeher Nationalismus, Populismus, doppelten Standards und
       autoritären Entwicklungen. Im Rahmen der ultranationalistisch aufgeheizten
       Feiern zum 30. Jahrestag des Kriegsendes im vergangenen Jahr in Kroatien
       kritisierte Jergović die rechten Aufmärsche und Übergriffe auf
       Journalist*innen, Künstler*innen, Ausstellungen, Theaterfestivals und eine
       serbische Folkloregruppe. Als der ihm entgegenschlagende Hass in einer
       Morddrohung an seiner Hauswand seinen vorläufigen Höhepunkt fand, sah sich
       selbst der trumpfüßige Präsident Kroatiens dazu gezwungen, ihm öffentlich
       seine Solidarität zu versichern.
       
       Der Autor ließ sich nicht einschüchtern und kritisiert Polizei und Politik
       weiter heftig dafür, die aufgeladene Stimmung zu befördern und weder die
       Bürger noch die Meinungs- und Pressefreiheit ausreichend zu schützen.
       
       Als Jergović im Jahr 2022 den Preis für Toleranz im Rahmen der Europäischen
       Literaturtage in Krems erhielt, bedankte er sich mit einer Überlegung zum
       Akt der Toleranz. Dieser stehe heute eng in Verbindung mit der Literatur,
       denn Toleranz sei der Kampf um die Imagination. Die Fähigkeit zur Toleranz
       sei abhängig von der Fähigkeit, sich vorzustellen, wie es dem anderen, dem
       Gegenüber geht. Und genau dazu sei Literatur da.
       
       Der Leipziger Preis für europäische Verständigung zeichnet mit Jergović nun
       jemanden aus, der von vielen zu Hause als Störenfried betrachtet wird,
       [5][in Wahrheit aber jemand ist, der den falschen Frieden stört und für
       einen gerechten Frieden eintritt]. Jergovićs Prosa trägt definitiv zum
       innereuropäischen Verständnis bei. Denn Verständnis schaffen, so wie es
       Jergović betreibt, heißt im Anderen den Teil zu erkennen, den man auch bei
       sich selbst finden kann.
       
       17 Mar 2026
       
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