# taz.de -- Ein misslingendes Gespräch: Almanya, was willst du eigentlich?
> Dass Deutschland bunter wird, mögen manche nicht begreifen. Ohne
> Gemeinsamkeit werden jedoch wir alle zusammen letztendlich ziemlich alt
> aussehen.
(IMG) Bild: Beim Döner trifft man in Berlin die Menschen
Neulich war ich seit Langem mal wieder am Ku’damm shoppen. Ich hasse das,
aber auch meine Klamotten verschleißen halt irgendwann einmal. Diese Art
der Fadenscheinigkeit ist mir zwar lieber als die der Diskurse und Fake
News unserer Zeit, trotzdem brauche ich früher oder später auch mal neue
Textilien.
Also arbeite ich mich durch mehrere Schlussverkaufssituationen und
katapultiere dabei das [1][Bruttoinlandsprodukt] in ungeahnte Höhen. Na ja,
eher: um einen Hauch nach oben. Wirtschaftlicher Patriotismus,
homöopathisch dosiert. Dafür wird es im Anschluss unangenehm vaterländisch.
Nach etlichen Anproben in zu hellen Kabinen lande ich an einer der
Imbissbuden rund um den Wittenbergplatz. Passend zum Schlussverkauf soll es
eine Portion Junkfood sein: eine Dönerbox mit Salat. Ich sitze an einem
Tisch mit Blick auf den bunt leuchtenden Imbiss, davor weitere Tische zum
Stehen.
Die Kundschaft ist eine Mischung aus Berlinbesuchenden und Einheimischen
mit und ohne Migrationsbezug. Irgendwann schlurft ein älterer Mann zu uns.
Die Kleidung wirkt gepflegt, der weiße Bart gestutzt, sein Blick skeptisch.
Nebenan hätte es auch ’ne Currywurst gegeben, aber nun gut. Vermutlich ein
Tourist aus einem der umliegenden Hotels. Sein Promillestatus ist
offensichtlich: mehr als nur angeheitert, jedoch längst ohne jede
Heiterkeit. Er bestellt und bleibt an einem der Tische stehen. Nennen wir
den betagten Herrn Almanya.
## Er glotzt, starrt und schmatzt
Da steht also Almanya am türkischen Imbiss und isst seine Pommes
(Kartoffeln, was sonst). Almanya glotzt, starrt und schmatzt. Ich beobachte
ihn und schaufele ausgehungert mein Dönerfleisch in mich hinein. Nach einer
Weile wird klar: Almanya sucht Anschluss. Mit den Deutschen versucht er ins
Gespräch zu kommen. Mühsam schiebt seine schwere Zunge einzelne Wörter
abfällig über die Lippen: „Türken!“ „Moslems!“ „Araber!“ Und – liebevoller
im Ton: „Deutschland!“ Wie es hier aussehen würde, das sei doch alles nicht
mehr so, wie es mal war. Nennen wir dieses Neue, also alle außer Almanya,
Neu-Almanya: das heutige Deutschland.
Neu-Almanya besteht aus Jungen und Alten, wartet geduldig auf Döner und
Halloumi und bleibt erstaunlich entspannt. Anschluss findet Almanya bei uns
keinen. Neben ihm steht ein großer Mülleimer. Wirft einer von uns seine
Essensreste hinein, kommentiert Almanya mit „Genau!“ und „Richtig so!“. Als
hätte er uns das Prinzip Müllentsorgung eben erst persönlich beigebracht.
Mit den Weißen unter uns versucht er weiter, rassistische Bande zu knüpfen.
Vergeblich, man lässt ihn einfach stehen. Ein bisschen haben wir alle
Mitleid mit Almanya.
## Viele Sprachen, viele Namen, bunte Normalität
Wären alle Plätze besetzt gewesen, jede Wette, dass mindestens drei Leute
ihm ihren angeboten hätten. Und man kann davon ausgehen, dass der
arbeitende Teil von uns die Rente von Almanya finanziert. Wir sind seine
Altersmäzene. Etwas, was uns allen, die wir hier am Essen sind, dank des
demografischen Wandels noch weniger vergönnt sein wird als Almanya heute.
Hinzu kommt, dass Neu-Almanya mit den nachrückenden Jahrgängen immer
kleiner [2][und bunter wird]. Wer einmal in eine Grundschule schaut, sieht
die bald erwachsene Zukunft Deutschlands: viele Sprachen, viele Namen,
erstaunlich viel bunte Normalität – in einem aus unterschiedlichen Gründen
überforderten Bildungssystem made in Almanya.
Auf dem Heimweg in der Bahn denke ich mir dann so: Almanya, was willst du
eigentlich? Wenn du mit deinen ewig rückwärtsgewandten Politikern und
Medien weiterhin nur deine fadenscheinige Version von Deutschland lebst,
die echten Krisen ignorierst, statt gemeinsam mit uns zu essen und zu
leben, werden wir bald alle zusammen ziemlich alt aussehen.
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wirtschaftsprognose-der-Bundesregierung/!6149275
(DIR) [2] /Politikerinnen-ueber-Diversitaet/!6003523
## AUTOREN
(DIR) Bobby Rafiq
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Kolumne Bobsens Späti
(DIR) Döner
(DIR) Diversität
(DIR) Vorurteile
(DIR) Gesellschaftliches Miteinander
(DIR) Einwanderer
(DIR) Einwanderungsland
(DIR) Einwanderung
(DIR) GNS
(DIR) wochentaz
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Erinnerungen, die nie verblassen: Es wäre klug, alles zu löschen
Was wir wann gemacht haben, wo und mit wem, lässt sich leicht
rekonstruieren – ein Handy reicht. Gut ist das nicht.
(DIR) Zu viel Böses ist männlich: Der Tod, ein bitteres Lebenselixier
All die scheinbar großen Männer – am Ende werden auch sie nur abkratzen,
weiß unser Kolumnist. Was also haben wir zu verlieren?
(DIR) Zuversicht im Krankenhaus: Was Intimes, fast wie ein Geheimnis, aber warum?
Unsere Kolumnistin war im Krankenhaus, sie wurde operiert. Nach der
Operation einen guten Kaffee zu bekommen, sagt sie, ist einfach was
Wunderbares.