# taz.de -- Erinnerungen, die nie verblassen: Es wäre klug, alles zu löschen
> Was wir wann gemacht haben, wo und mit wem, lässt sich leicht
> rekonstruieren – ein Handy reicht. Gut ist das nicht.
(IMG) Bild: Handy kaputt – Erinnerungen weg
Ob sie schon in [1][Thailand] war, wisse sie nicht, hat mal eine Studentin
in meinem Seminar gesagt. War sie mit dem Kanu den Mekong runtergeschippert
und konnte den Grenzverlauf im Sturm nicht genau ausmachen? Oder hatte sie
sich im Dschungel verlaufen? Tatsächlich war die Geschichte dahinter viel
weniger aufregend: Sie hatte mit Anfang 20 einfach schon so viele Länder
bereist, dass sie nicht mehr sagen konnte, ob Thailand nun dabei war – oder
halt nicht.
Dieses Gespräch fällt mir immer mal wieder ein, wenn es zum Beispiel um
Privilegien geht oder darum, dass jemand etwas Wichtiges vergessen hat. Es
liegt mir fern, das zu verurteilen. Es wundert mich nur. Und je länger ich
darüber nachdenke, desto sympathischer wird mir diese Verstrahltheit, die
um mich herum sonst eher selten vorkommt.
Gegenbeispiel: Beim Essen mit Freund:innen drehte sich das Gespräch
neulich um Konzerte und Demos aus unserer gemeinsamen Vergangenheit. Und
ich war ein bisschen verstimmt, weil ich als Einziger nicht imstande war,
diese Ereignisse auch nur ungefähr zu datieren. Die anderen jonglierten
traumwandlerisch mit Jahreszahlen und Details: Wer genau dabei war, ob’s
geregnet hat, wie die Pommes waren …
Natürlich ist Erinnerung subjektiv und trügerisch. Man weiß ja in der Regel
nicht, was man nicht mehr weiß, und erzählt eben die anderen Sachen. Und ob
die sich nun wirklich genau so ereignet haben, ist noch mal eine ganz
andere Frage.
## Die Konzertbesuche der letzten 20 Jahre
Was aber kein Quatsch ist und mir zunehmend häufiger vor die Füße fällt:
Wie viele dieser Dinge heute ganz nüchtern abrufbar sind. Meine
Konzertbesuche der letzten 20 Jahre stehen lückenlos auf [2][Last.fm]. Auch
die Playlist meines 30. Geburtstags könnte ich einsehen, wenn ich wollte,
genauso wie meine Bücherkäufe im Jahr 2014.
Auch das besagte Gespräch beim Abendessen mündete irgendwann darin, dass
drei Leute auf dem Handy in uralten Mails nachguckten, ob Andreas
eigentlich auch bei diesem einen Konzert war. Er war es: Jana hat
recherchiert, dass sie ihn unterwegs in Osnabrück vom Bahnhof abholen
sollte. 2004 war das, an einem Samstag um 18.30 Uhr.
Ich durchsuche auch manchmal alte Mails, um irgendwas nachzuvollziehen. Und
meistens geht es mir danach schlecht. Weil ich über dummes Zeug stolpere,
das ich selbst geschrieben habe – oder über düster klingende Nebensätze von
Menschen, die heute nicht mehr leben.
Und da emotional nie so ganz rauszukommen, ist vielleicht sogar noch
schlimmer als die [3][Big-Data]-Überwachungskiste, die früher unsere
dystopischen Albträume befeuert hat.
Noch eine alte Geschichte: Im Jahr 2000 waren wir in Hannover, um [4][die
Expo] zu verhindern. Oder um wenigstens dabei zu stören, dass einer der
Sponsoren „Deutschland“ damals erklärtermaßen „aus dem Schatten zweier
Weltkriege hervortreten“ lassen wollte (und sich hartnäckig weigerte,
Zwangsarbeiter:innen zu entschädigen).
## Vor dem Plenum Akku raus
Dass wir nicht sonderlich erfolgreich waren, hat die Zeit gezeigt. Aber
immerhin gibt es kaum Daten darüber. Wer damals überhaupt schon ein Handy
besaß, nahm in autonomer Gründlichkeit vor jedem Plenum den Akku raus.
Fotos gibt es nur von einer lustigen Wasserschlacht im Protestcamp. Und
selbst die hat – glaube ich – nie jemand digitalisiert.
Aber wie gesagt: Der Sicherheitsaspekt ist das eine; das andere ist das
ewige Kleben an Erinnerungen, die nie wirklich verblassen dürfen, weil sie
sich im Zweifel sekundenschnell mit harten Fakten auffrischen lassen.
Ich weiß, dass es klug wäre, alles zu löschen. Und ich weiß genauso sicher,
dass ich es nicht tun werde.
14 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wahl-in-Thailand/!6152407
(DIR) [2] https://www.last.fm/
(DIR) [3] /Big-Data/!t5016633
(DIR) [4] /Wer-bitte-will-noch-zur-Expo/!1229298/
## AUTOREN
(DIR) Jan-Paul Koopmann
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