# taz.de -- Anti-Atom-Bewegung: Fukushima war der Anfang vom Ende
> Vor 15 Jahren kam es im japanischen Fukushima zum GAU. In Deutschland
> führte das zum Atomausstieg – auch weil die Bewegung den Boden bereitet
> hatte.
(IMG) Bild: Die Anti-Atom-Bewegung war so erfolgreich, dass sie sich selbst überflüssig machte – beinahe jedenfalls: Protest 2012
„Klug aus der Krise“ hatte Angela Merkels Wahlkampfteam plakatieren lassen,
als sich die Kanzlerin anschickte, 2009 für eine zweite Amtszeit zu
kandidieren. Wenige Tage vor der Bundestagswahl [1][demonstrierten in
Berlin Zehntausende Anti-Atom-Aktivisten. Motto: „Mal richtig abschalten!“]
Auf dem Weg zum Kanzleramt posierten sie mit ihren „Atomkraft? Nein
danke!“-Schildern vor Merkels Wahlplakat. Klug aus der Krise:
Eindrucksvolle Bilder zu kreieren, das gelang der Bewegung immer wieder.
Woran misst man den Erfolg einer sozialen Bewegung? Legt man das
Verschwinden dessen zugrunde, was jahrzehntelang bekämpft wurde, dann ist
die Anti-Atom-Bewegung die erfolgreichste im wiedervereinten Deutschland.
Denn wie mächtig die Atomlobby damals war, zeigte sich nach Merkels
Wahlsieg 2009: Atomkraftwerke wurden in einer Anzeigenkampagne als
„Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ beworben, eine Unternehmensberatung
entwickelte die [2][Roadmap] zum Ausstieg aus dem Atomausstieg, der Verband
der Energiewirtschaft gab mehrere Millionen Euro aus, um die Öffentlichkeit
zu beeinflussen.
Im Auftrag des Bundesumweltministeriums – Staatssekretärin damals:
Katherina Reiche (CDU) – legte das Energiewirtschaftliche Institut der
Universität Köln 2010 [3][Energieszenarien für ein Energiekonzept der
Bundesregierung] vor, das begründete, warum ohne die Atomkraft in
Deutschland das Licht ausgeht. Dieses Institut ist ein sogenanntes
An-Institut, eine juristisch selbstständige Einheit, deren
Stiftungsprofessur und weitere Arbeiten von den AKW-Betreibern RWE und Eon
finanziert wurden.
Vom AKW Brunsbüttel bis zum Reaktor Krümmel [4][bildeten 120.000 Menschen
im Frühjahr 2010 eine 120 Kilometer lange Menschenkette] – beide Reaktoren
galten als besonders störanfällig. Dennoch verlängerte Merkels Regierung im
Herbst die Laufzeiten, 8 Jahre für die älteren, 14 Jahre für die jüngeren
Reaktoren: Mit den Stimmen von Union und FDP wurde im Oktober das
Atomgesetz geändert.
## Markus Söder, damals schon Populist
Kein halbes Jahr später ereignete sich der GAU in Fukushima, die 8 ältesten
der 17 deutschen AKWs wurden sofort abgeschaltet. Markus Söder, damals noch
CSU-Umweltminister in Bayern, drohte mit Rücktritt, sollten die anderen
Reaktoren weiterlaufen. In Baden-Württemberg holten die Bündnisgrünen
erstmals so viele Stimmen, dass sie den Ministerpräsidenten stellen
konnten, im Juni 2011 beschloss der Bundestag parteiübergreifend den
Atomausstieg bis Ende 2022.
Der Beginn der Bewegung liegt viel früher: 1972 sammelte die
Bürgerinitiative Umweltschutz Zentrales Oberrheingebiet Unterschriften
gegen ein geplantes AKW in Breisach, nördlich der Breisgauer Stadt sollten
4 Reaktorblöcke mit insgesamt 5.200 Megawatt Leistung am Rhein gebaut
werden. Die Initiative „Rheintal-Aktion“ schaffte es [5][bis in den
Landtag], die Pläne wurden aufgegeben. Beflügelt von derlei Erfolg
besetzten Demonstranten im Februar 1975 den Bauplatz des geplanten AKW
Wyhl. Damit begann eine neue Form des Anti-Atom-Protestes in
Westdeutschland: die illegale Aktion.
„Es war ein breites Bündnis von Linken bis Konservativen“, erinnert sich
Axel Mayer, damals Lehrling des Vermessungswesens. Bauern aus der Region,
Winzer, Studenten der nahen Universität Freiburg, Umweltschützer wie Mayer,
der damals eigentlich für Atomkraft war – immer waren so viele Leute da,
dass die Polizei keine Chance hatte, den Bauplatz zu räumen. Zwar erklärte
Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU), ohne das AKW
würden im „Ländle die Lichter ausgehen“. Sein Nachfolger Lothar Späth
(ebenfalls CDU) legte die Baupläne aber zu den Akten.
## Gestärkte Versammlungsrechte
Spätere Bauplatz-Besetzungen wie die in Brokdorf scheiterten, weil die
Polizei aus dem Whyl-Einsatz gelernt hatte. Mayer: „Bei uns stand der Wald
noch: Die Polizei hatte weder mit ihren Hubschrauben noch mit Wasserwerfern
eine Einsatzmöglichkeit.“ [6][100.000 Demonstranten lieferten sich im
Februar 1981 eine Schlacht mit 10.000 Polizisten]. Später urteilte das
Bundesverfassungsgericht, dass das Verbot der Demonstration unzulässig war
– und stärkte die Versammlungsrechte.
Ab 1977 wurde Gorleben zum Zentrum des Protestes. Niedersachsens
Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte das Dorf im Wendland zum
Standort für ein Atomendlager auserkoren. Ausschlaggebend dafür waren die
Abgelegenheit der Region, ihre dünne Besiedlung und die Nähe zur DDR.
Dagegen wehrte sich die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.
In der DDR forderten Mitglieder der Friedensbewegung nach dem GAU von
Tschernobyl 1986 eine Volksabstimmung über die Nutzung der Atomkraft.
Vergeblich, Strom war knapp in der DDR, insgesamt sollten 20 AKWs gebaut
werden. Die größte Anti-Atom-Demo gab es im März 1990: Mehr als 10.000
Menschen protestierten in Stendal, wo 4 Reaktoren russischer Bauart ihre
Arbeit aufnehmen sollten.
## „Sternstunde des gewaltfreien Widerstands“
Seit den 90er Jahren gab es Blockaden der Bahngleise ins Wendland:
[7][Jochen Stay], Sprecher der Initiative x-tausendmal quer, entwickelte
ein Mobilisierungskonzept, das die längstanhaltende Sitzblockade in der
Geschichte der Anti-Atom-Bewegung ermöglichte, Stay nannte sie eine
„Sternstunde des gewaltfreien Widerstands“. Die Polizei steckte ihn wegen
„Aufruf zum Landfriedensbruch“ ins Gefängnis, wie andere auch.
Unberechtigterweise, wie die Gerichte später stets feststellten. Das
Abschalten der deutschen AKWs hat Stay nicht mehr erlebt, er starb
56-jährig 2022.
Um zu zeigen, wie gefährlich ein Atomunfall sein kann, ließ die
Kampagnen-Organisation Campact eine „radioaktive Wolke“ aus 12.000
Luftballons am Reaktor Biblis bei Darmstadt aufsteigen. Einige Ballons
kamen bis Berlin-Marzahn. Tatsächlich sind beide deutsche Staaten nur knapp
an Unfällen der Fukushima-Dimension vorbeigeschlittert: In Gundremmingen
kam es 1977 am Block A zu einer Kernschmelze, in Greifswald führte ein
Brand in der Reaktorhalle zu einer partiellen Kernschmelze des Blocks 1.
„Wir haben gewonnen“, konstatierte Campact-Mitgründer Christoph Bautz, als
im April 2023 das letzte deutsche AKW vom Netz ging: „Unser Protest war so
stark, dass Angela Merkel kaum anders konnte.“ Das endgültige Aus zeige,
wie machtvoll eine Protestbewegung werden kann. Bautz: „Der Moment macht
Mut für die große Auseinandersetzung um das Ende von Öl, Gas und Kohle, die
wir gemeinsam gewinnen müssen. Nur so können wir eine Klimakatastrophe noch
verhindern.“
Die Bewegung war so erfolgreich, dass das Atom-Thema hierzulande abgehakt
scheint. Trotzdem gab es am Montag in Breisach wieder eine Mahnwache. Drei
Dutzend Teilnehmer kamen, unter 30-Jährige waren nicht dabei. Es gibt eine
Nachwuchslücke, das atomkritische Wissen droht verloren zu gehen. Dass es
aber weiterhin gebraucht werden wird, zeigen die nicht totzukriegenden
Ambitionen, die Atomkraft in neuer Form wieder auferstehen zu lassen.
11 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Anti-AKW-Demo/!5156685
(DIR) [2] https://www.lobbycontrol.de/wp-content/uploads/Kommunikationskonzept_Kernernergie-1.pdf
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Energieszenarien_f%C3%BCr_ein_Energiekonzept_der_Bundesregierung
(DIR) [4] /Anti-Atom-Menschenkette/!5143743
(DIR) [5] https://www.landtag-bw.de/resource/blob/186082/74b27f9b9912bdca116ebfededaa8b00/06_0522_D.pdf
(DIR) [6] /Kommentar/!472181
(DIR) [7] /Zum-Tod-von-Antiatom-Ikone-Jochen-Stay/!5826207
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
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