# taz.de -- Neuer Roman von Leïla Slimani: Das Leben der anderen
> Drei Generationen: Mit „Trag das Feuer weiter“ beendet Leïla Slimani ihre
> Romantrilogie über eine marokkanische Familie mit französischer
> Großmutter.
(IMG) Bild: Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani
Wut und Scham wohnen eng beieinander in den Familien Belhaj und Douad.
Quälend drohen sie die Mütter, Töchter und Väter zu zerreißen. Schmerzhaft
reiben sie sich an einer Realität, die ihre Wünsche und Ideale nicht
zulässt. Über drei Generationen hinweg können wir sie begleiten [1][in
einer Trilogie] der französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani. Mit
„Trag das Feuer weiter“ ist der dritte Roman erschienen und bei den
Enkelinnen Inès und Mia, die auch als Erzählerin der Familiengeschichte
fungiert, angekommen.
Mia, die in den 1980er Jahren in Rabat in Marokko auf eine französische
Schule geht, ist erst voller Ablehnung, als ihr Vater Mehdi ihr privaten
Arabischunterricht verordnet, weil er, der Bankdirektor, sich vor seinen
Untergebenen schämt, dass seine Tochter kein Arabisch versteht. Zornig
hadert sie dann mit sich, denn „egal, wie sehr sie sich anstrengte, ihr
schien, als perle diese Sprache, die doch ihre Sprache war, an ihr ab wie
das Wasser an den Glaswänden der großen Veranda“.
Mia ist einerseits stolz auf die Offenheit und Fortschrittlichkeit ihrer
Eltern: Die Mutter Aïcha arbeitet als eine der ersten Gynäkologinnen des
Lands. Aber sie ist auch beschämt, zu sehen, dass „hinter diesen großen
Worten ihre Eltern ängstlich, angepasst, verklemmt waren. Mia hatte
schließlich begriffen, dass sie zwischen zwei Welten lebte. Der im Haus, wo
ihre Eltern sich modern und um den Erfolg und die Unabhängigkeit ihrer
Töchter besorgt zeigten. Und der draußen, die gefährlich und unbegreiflich
war.“ Dieser Zwiespalt, der hart an der Selbstachtung nagt, verschärft sich
im Lauf der Geschichte immer mehr, je größer die Spaltung der
marokkanischen Gesellschaft zwischen Modernisten und Islamisten wird.
Unter den Spannungen, die von politischer Ideologie und Religion angefeuert
werden, liegen soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Das wird in
allen drei Romanen immer wieder deutlich. Anfangs kämpfen Amine Belhaj und
Mathilde gegen Armut auf ihrer Farm, im ersten Band „Das Land der anderen“,
bis sie langsam zu Wohlstand kommen.
Mia und Inès hingegen wachsen privilegiert auf um den Preis, wenig zu
wissen von dem, wie die Menschen leben. Mathilde war eine Frau aus dem
Elsass, die Amine als marokkanischen Soldaten auf französischer Seite Ende
des Zweiten Weltkriegs kennengelernt hatte. Wie sie im Land der anderen, in
patriarchalen Strukturen zu bestehen gelernt hat, verleiht ihr die Kraft,
Tochter und Enkelinnen mit dem Mut auszustatten, sich ihren Platz zu
suchen.
## Die Geschichte treibt die Personen vor sich her
Wie die ersten zwei Romane entwickelt auch „Trag das Feuer weiter“ einen
Sog von Kapitel zu Kapitel. Einerseits sind sie stets eng an einer Figur,
ihren Wünschen, ihren Kämpfen, ihren Niederlagen entlang erzählt.
Andererseits beleuchten sie punktuell, wie die Geschichte, die politischen
Entwicklungen die Personen vor sich hertreibt.
Mia hat sich den Vater Mehdi Douad zum Vorbild erkoren. Sein Egoismus
erscheint ihr viel attraktiver als die Aufopferung der Mutter. Die
weibliche Opferrolle lehnt sie voller Wut ab, kleidet sich als Junge, hängt
mit den Jungs ab. Mehdi begegnete den Leser:innen in „Schaut, wie wir
tanzen“, dem zweiten Band, noch als junger Revolutionär, scherzhaft Karl
Marx genannt, charismatisch in seinen Vorträgen. Aber auch schon
streberhaft ehrgeizig, die eigene Herkunft aus armen Verhältnisse schamhaft
verdrängend. Jetzt ist er ein Bankdirektor, der sich gegen die Korruption
positioniert.
Doch dann werden seine hochfliegenden Entwicklungspläne ausgehebelt durch
den Irakkrieg, Investitionen in arabische Länder gelten plötzlich als
riskant. Niemand weiß genau, warum er später in Ungnade fällt und
kaltgestellt wird. Im Gefängnis merkt er, wie wenig er vom Leben der
meisten in seinem Land wusste. „Er dachte, sich für die Menschen
einzusetzen, und sieht sich jetzt als Hampelmann der herrschenden Klasse.“
Seine Einsamkeit in den Jahren, während er arbeitslos und voller
Unverständnis einer Welt gegenüber, die er doch früher so gut zu erklären
verstand, auf dem Sofa vor sich hindämmerte, setzt nach seinem Tod seiner
Tochter Mia zu. Sie war auf seinen Spuren schon zur erfolgreichen Bankerin
in London geworden, doch jetzt stürzt sie in ein Loch. Sich ihre Familie,
auch in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, erzählend neu zu erfinden, ist
ihre Therapie.
## Weibliche Sexualität
In Frankreich [2][ist Leïla Slimani ein Star der Literaturszene,] 2016
ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt. Dass ihre Familiengeschichte in der
Trilogie verarbeitet ist, verrieten schon immer die Klappentexte der
Romane. Eines ihrer Themen, nicht nur in der Trilogie, ist die Sexualität
der Frauen, die Bedingungen, unter denen Begehren nur mit der Gefahr der
Selbstzerstörung gelebt werden kann. In „Das Land der anderen“ ist es
Amines Schwester Selma, die Lust nur um den Preis der gesellschaftlichen
Ächtung ausleben kann, sich aber doch nicht kleinkriegen lässt im Ringen um
Unabhängigkeit.
In „Trag das Feuer weiter“ lieben die Schwestern Mia und Inès gefährlich,
die eine, weil sie lesbisch ist, die andere, weil sie ihre Lust nicht
verbirgt. Hinzu kommt noch die Perspektive ihrer Mutter Aïcha, der
Gynäkologin, die sieht, wie Scham und Tabu Unheil anrichten unter ihren
Patientinnen, das Verhältnis zum Körper zerstören und Krankheiten
begünstigen. Geheimnisse aus dem Schrank holen, Lieben und Wissen
miteinander zu vereinbaren, das bleiben die Herausforderungen.
In einem Gespräch im RBB betonte Leïla Slimani, wie wichtig es ihr sei, das
Thema Sexualität öffentlich zu verhandeln. Sie widmet den Roman ihren
„ältesten Freunden, die keine andere Wahl haben, als ihre Sexualität im
Verborgenen zu leben“. Was verboten, unsichtbar gemacht werde und ohne
Sprache sei, erzeuge stets großes Unglück. Der Fortschritt in den Rechten
für Frauen habe der queeren Kultur viel zu verdanken, meinte sie im
Gespräch.
Wie die Unmöglichkeit, das eigene Begehren zu leben, einen Menschen auch
hart und grausam machen kann, war im Roman „Das Land der anderen“ an Mouad
zu erleben. Er hat mit Amine im Zweiten Weltkrieg gekämpft und kommt mit
auf die Farm. Er wird ein strenger Vorarbeiter, der um Anerkennung seines
Chefs ringt. Sein homosexuelles Sehnen nach Amine kann er nicht mal sich
selbst eingestehen. Am Ende wird er von Amine gedrängt, dessen wilde
Schwester Selma zu heiraten, um ihre Schwangerschaft zu decken. Ihre Ehe
voller Hass gehört zu den traurigsten Episoden der Trilogie.
31 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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