# taz.de -- Klimaanpassung statt Klimaschutz: Die pragmatische Verwaltung der Katastrophe
       
       > Berlin steuert auf fast 4 Grad Erhitzung zu. Doch statt etwas dagegen zu
       > tun, will sich der Senat hauptsächlich anpassen. Zynischer geht es nicht.
       
 (IMG) Bild: Es brennt in Berlin: hier aber nur wegen einer Protestaktion von Extinction Rebellion
       
       Kaum eine:r hat die Zahl noch ernsthaft zur Kenntnis genommen: 3,8 Grad –
       das ist [1][die offizielle Prognose des Landes Berlins, wie viel heißer die
       Stadt im Zuge der menschengemachten Klimakatastrophe werden wird].
       
       3,8 Grad Erwärmung in Berlin, das ist ein zivilisatorisches Versagen. Die
       Prognose entspricht dem sogenannten Worst-Case-Szenario, weil es die
       gegenwärtige Entwicklung globaler Emissionen fortschreibt. Würde
       gegengesteuert, ließe sich die Erwärmung in Berlin noch auf 2,1 Grad
       begrenzen. Im Best-Case-Szenario sogar auf 1,1 Grad.
       
       Doch die Risikoanalyse des Senats geht mit Blick auf die globale
       Emissionsentwicklung „als geeignetes Szenario“ von den katastrophalen 3,8
       Grad aus. Global bedeutet das einen mittleren Temperaturanstieg von 4,8
       Grad.
       
       Jetzt kann man sagen: Ist doch gut, dass der Senat seine Anpassungspolitik
       am Worst-Case-Szenario ausrichtet. Heißt ja nicht, dass dieses eintritt.
       Wäre es auch – würde der Senat [2][nicht bei jeder Gelegenheit massiv an
       Klimaschutzmaßnahmen kürzen]. Würde der Senat nicht [3][die Fortschreibung
       des Klimaschutzprogramm BEK blockieren], das konkrete Sektorziele zur
       Emissionsreduktion festschreiben würde. Würde der Senat [4][nicht aktuell
       Holzkraftwerke bauen lassen], deren CO2-Bilanz schlimmer als Kohle sein
       kann, und das als klimaschonende Übergangslösung bezeichnen. Und, und, und
       …
       
       ## Die pragmatische Verwaltung der Katastrophe
       
       Die einzige vernünftige Reaktion auf eine 3,8-Grad-Prognose wäre daher ein
       radikaler Kurswandel beim Klimaschutz. Doch stattdessen setzt der Senat
       voll auf Klimaanpassung: Seit der [5][Übernahme des „Volksentscheids Baum“
       plant Schwarz-Rot], 250.000 neue Straßenbäume zu pflanzen. Man schlage
       damit einen Weg weg vom Alarmismus und hin zum Pragmatismus ein, sagte ein
       Staatssekretär bei der Vorstellung der Risikoanalyse. Man müsste laut
       auflachen: Einerseits Klimaschutz blockieren, andererseits mit der
       hausgemachten Katastrophe pragmatisch umgehen wollen – gibt es ein besseres
       Beispiel für Zynismus?
       
       Wenn man die Zusammenhänge größer denkt, ist diese Politik allerdings nur
       logisch. Sie ergibt sich daraus, dass die kapitalistische Produktionsweise
       so eng mit der Zerstörung des Planeten verknüpft ist, dass nicht schnell
       genug auf erneuerbare Energien umgesattelt werden kann, ohne die
       Eigentumsordnung zu gefährden. Also blockieren die kapitalnahen Parteien
       den Klimaschutz. Weil sie aber gleichzeitig die Gesellschaft weiter
       verwalten müssen, versuchen sie, sich an die Folgen der Klimakrise
       anzupassen. Also: die Folgen der hausgemachten Katastrophe pragmatisch zu
       verwalten.
       
       Das ist eine Wette mit dem Einsatz unserer aller Zukunft. Die Wette lautet,
       dass die Anpassung schon reichen wird, damit alles irgendwie weitergehen
       kann. Dabei ist nicht einmal sicher, dass die Klimaanpassung gelingt.
       Welche Herausforderungen beim Pflanzen von 250.000 Bäumen innerhalb der
       zähen Berliner Behördenstrukturen bevorstehen, hat vergangene Woche eine
       Studie der Berliner Forste gezeigt. Laut dieser glauben 85 Prozent der
       Leitungen der Straßen- und Grünflächenämter in den Bezirken, die vielen
       Baumpflanzungen seien nicht umsetzbar.
       
       ## Widerstand von unten
       
       Noch viel unsicherer ist aber die Zukunft an und für sich, sollte es
       wirklich in Richtung 3,8 Grad gehen. Denn die Wahrheit lautet: Welche
       Folgen das hätte, kann wegen der vielfach zusammenhängenden und sich
       gegenseitig verstärkenden Wirkungsketten überhaupt nicht glaubwürdig
       vorausgesagt werden. So benennt die Risikoanalyse des Senats zwar 214
       Risikofaktoren. Fokussiert wird sich dann aber – naheliegenderweise – auf
       Probleme, wo tatsächlich gegengesteuert werden kann, wie Hitze und
       Hitzeschutz.
       
       Nicht beachtet werden in der Risikoanalyse dagegen zum Beispiel die
       potenziell eintretenden globalen Kipppunkte. Was es aber für Berlin
       bedeutet, wenn etwa der Golfstrom zusammenbricht ([6][was Forscher:innen
       zufolge auch einen Temperaturabsturz von 10 Grad in Europa bedeuten
       könnte]), wird ausgeklammert. Ebenfalls unterkomplex abgefrühstückt werden
       die möglichen sozialen und politischen Folgen der Klimakrise:
       Ressourcenkonflikte, zusammenbrechende Lieferketten, Faschismus,
       Migrationsbewegungen, neue globale Konflikte, und, und, und.
       
       Hier ist kein Platz, diese Risiken zu bewerten. Bewertet werden kann aber
       die Leichtfertigkeit, mit der der Senat glaubt, mit ein paar
       Anpassungsmaßnahmen könnte schon alles weitergehen. Gefragt werden kann,
       was es bedeutet, dass die Menschen in politischer Verantwortung diese Wette
       einzugehen bereit sind. 3,8 Grad. Ein alter Song von Michael Jackson drängt
       sich ins Ohr. „They don't really care about us“.
       
       8 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Klimakrise-in-Berlin/!6159438
 (DIR) [2] /Klimaschutz-in-Berlin-unter-CDU-und-SPD/!6103217
 (DIR) [3] /Klimaschutz-im-Land-Berlin/!6136806
 (DIR) [4] /Waermeversorgung-in-Berlin/!6144908
 (DIR) [5] /Gesetz-zu-mehr-Gruen-in-Berlin/!6126164
 (DIR) [6] https://publikationen.bibliothek.kit.edu/1000169878
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwarz-rote Koalition in Berlin 
 (DIR) Klimaanpassung
 (DIR) Volksentscheid
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Fernwärme
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Umgang mit fossilen Energieträgern: Erdöl hat keine Zukunft
       
       Die Bundesregierung setzt weiterhin auf fossile Ernergien. Dabei sprechen
       alle wissenschaftlichen Erkenntnisse dagegen, selbst die Wirtschaft leidet.
       
 (DIR) Klimaschutzprogramm der Bundesregierung: Mehr Geld für die Öffis
       
       Klima-Allianz, Verdi, Verkehrsverbände und die Bauindustrie wollen einen
       besseren Nahverkehr. Auch die Grünen haben Ideen für einen preiswerten
       ÖPNV.
       
 (DIR) Klimakrise in Berlin: Heiße Stadt sucht Schatten
       
       Eine Risikoanalyse des Senats zeigt: Die Sommer werden in Berlin künftig
       brutaler. Dagegen setzt der Senat vor allem auf 250.000 neue Straßenbäume.
       
 (DIR) Wärmeversorgung in Berlin: Rechtswidriges Greenwashing
       
       Die kommunale BEW will Holz verbrennen, um Wärme zu gewinnen. Ein neues
       Gutachten sagt: Das ist massiv klimaschädlich – und deshalb rechtswidrig.
       
 (DIR) Endzeitszenarien in Klimastudien: Die Krux mit der Katastrophe
       
       Stirbt die Menschheit aus? Die schlimmstmögliche Folge der Erderhitzung
       würde zu wenig untersucht, kritisieren Klimaforscher:innen.