# taz.de -- Klimakrise in Berlin: Heiße Stadt sucht Schatten
       
       > Eine Risikoanalyse des Senats zeigt: Die Sommer werden in Berlin künftig
       > brutaler. Dagegen setzt der Senat vor allem auf 250.000 neue
       > Straßenbäume.
       
 (IMG) Bild: Der Senat rechnet damit, dass Hitzeschläge in der Klimakrise erheblich zunehmen werden
       
       Man wolle nun den „langen Weg vom Alarmismus hin zum Pragmatismus“
       einschlagen, sagt der für Klimaschutz zuständige Staatssekretär Andreas
       Kraus (CSU), als am Montagabend die Klimarisikoanalyse für Berlin
       vorgestellt wird. Eine beachtliche Wortwahl, war doch gerade erst eine
       Prognose vorgestellt worden, die durchaus Anlass für Alarmismus geben
       könnte: Was auf Berlin zukommt, wenn sich die Stadt bis Ende des
       Jahrhunderts um 3,8 Grad erhitzen wird – so jedenfalls die Prognose.
       
       Die Studie ist das Ergebnis davon, dass der Senat im Klimaanpassungsgesetz
       den Berliner Baumentscheid übernommen hat. Dieses Gesetz sieht vor, bis
       2040 zusätzlich 250.000 Straßenbäume zu pflanzen. Und diese Studie hat es
       nun in sich: So dürften sich laut der Prognose die besonders heißen Tage
       mit über 30 Grad um 10 weitere Tage bis 2050 und über 23 weitere Tage bis
       Ende des Jahrhunderts verdreifachen, die Zahl der „Tropennächte“, in denen
       die Temperatur nie unter 20 Grad sinkt, könnten sich sogar verzehnfachen.
       
       „Es geht nicht nur um die Extremwetterereignisse, die große mediale
       Aufmerksamkeit erregen. Große Risiken gehen auch mit dem durchschnittlichen
       Temperaturanstieg einher“, sagt Jan Spickenbaum von der
       Umweltconsultingfirma Geo-Net, die die Prognose erarbeitet hat. Insgesamt
       216 verschiedene Klimarisiken macht die Studie aus: Es wird mehr Krebsfälle
       durch erhöhte UV-Strahlung geben, eine Zunahme von Todesfällen etwa durch
       Hitzeschläge, außerdem kommen mittelbar mehr psychische Erkrankungen und
       soziale und politische Konflikte hinzu.
       
       „Wir reden hier über Wirkungsketten“, sagt Spickenbaum. In detaillierten
       Karten zeigt er, wie die Hitze insbesondere Menschen in den dicht bebauten
       Innenstadtvierteln treffen wird – und hier vor allem arme, sehr alte und
       sehr junge Menschen, sowie solche, die körperlich und draußen arbeiten
       müssen. Hitze führe auch etwa zu mehr häuslicher Gewalt, sagt Spickenbaum.
       An besonders heißen Tagen seien zudem die Pflegekräfte in den
       Krankenhäusern weniger belastbar. Kurz: Jene, die ohnehin schon
       benachteiligt sind, werden es durch die Klimakrise nur noch mehr sein.
       
       ## 250.000 neue Bäume
       
       „Die Ergebnisse waren in großen Teilen schon vorher bekannt“, kommentierte
       der klimapolitische Sprecher der Grünen, Stefan Taschner, gegenüber der
       taz. Die Studie trage dennoch kenntnisreich verschiedene Datenquellen
       zusammen. „Aber Berlin ist ja nicht arm an Programmen. Jetzt geht es darum,
       welche Maßnahmen konkret folgen, wie viel Geld es geben wird“, so der
       Grünen-Politiker.
       
       Die Studie lässt nur erahnen, wie umfassend die Anpassungsmaßnahmen an die
       Klimakrise werden müssen – von ihrer Bekämpfung ganz zu schweigen.
       Insgesamt 216 Klimarisikofaktoren werden darin genannt, gruppiert in 12
       Unterbereiche, jeweils versehen mit einer Einschätzung, wie dringend der
       Handlungsbedarf ist. Für den besonders gefährdeten Bereich „menschliche
       Gesundheit“ wird daraus etwa die Notwendigkeit einer Stärkung der
       Gesundheitsinfrastruktur abgeleitet – was recht vage ist. Eine umfassende
       Klimaanpassungsstrategie will der Senat Ende 2027 vorlegen.
       
       Am konkretesten wird es am Montag, als es um den Kern des
       Klimaanpassungsgesetzes geht: die vielen neuen Straßenbäume, die es bis
       2040 alle 15 Meter geben soll, genauso wie die 4.100 sogenannten Kühlinseln
       und 150 Grünflächen, die sich für alle Berliner:innen in fußläufiger
       Nähe befinden sollen. Wie es überhaupt möglich sein soll, in chronisch
       schwerfälligen Berliner Behörden ein derart ambitioniertes Programm
       vorstellen, versucht Felix Weisbrich von den Berliner Forsten zu
       skizzieren.
       
       Bereits vergangene Woche hatte Weisbrich zusammen mit Staatssekretär Kraus
       die Gründung eines Landesamts für Klimaanpassung in Aussicht gestellt, das
       mit schätzungsweise 480 zusätzlichen Stellen ausgestattet werden soll. Bis
       Ende 2027 soll zunächst der Soll-Bestand an Straßenbäumen wiederhergestellt
       werden, bis 2040 sollen die 250.000 neuen Bäume gepflanzt sein. Ende 2025
       lag der Bestand bei etwa 440.000 Bäumen. Damit wird derzeit nicht mit
       [1][der bisher kursierenden Zahl von einer Million Bäume gerechnet].
       Weisbrich betont, viel wichtiger als ihre Anzahl sei ohnehin, wie viel
       Schatten die Bäume zu spenden in der Lage sind.
       
       ## Behörden halten Vorhaben für unrealistisch
       
       Für die Baumpflanzungen gibt es im Übrigen breite Mehrheiten in der
       Berliner Bevölkerung. Laut einer Studie der Berliner Forste, die Weisbrich
       ebenfalls am Montag vorstellt, finden erstaunliche 79 Prozent der Berliner
       Bevölkerung das Baumgesetz „wichtig oder sehr wichtig“. Auch, dass es eine
       Milliarde an Bundesmitteln für Klimaanpassung in Berlin geben soll,
       unterstützen überragende 80 Prozent. Allerdings dürften das eher sanfte
       Mehrheiten sein: Sobald gefragt wird, inwiefern neue Straßenbäume auch
       zulasten von Parkplätzen gehen sollten, sinkt die Zustimmung – wenn auch
       auf immer noch positive 51 Prozent.
       
       Ganz anders ist dagegen die Stimmung in den Bezirksämtern. Laut der Studie
       ist man sich dort zu über 85 Prozent sicher, dass die Baumpflanzungen ohne
       zusätzliches Potenzial „auf keinen Fall“ oder „eher nicht“ umsetzbar ist.
       Werden zusätzliche Stellen in Aussicht gestellt, verlagert sich der
       Schwerpunkt in Richtung „eher nicht“, die Skepsis bleibt aber bestehen. Der
       Grund dafür liege in den vielfältigen Nutzungskonflikten, etwa in Sachen
       Parkplätze und Denkmalschutz, sagt Weisbrich. Seine Lösung geht dabei in
       dieselbe Richtung, wie die von Staatssekretär Kraus: „Ich appelliere für
       brachialen Pragmatismus“, sagte er.
       
       Inwiefern sich wenigstens in Sachen Klimaanpassung – im Gegensatz zum
       Klimaschutz – inzwischen tatsächlich was tut, ist also noch offen. Die
       ambitionierten Ziele gehen für Heinrich Strößenreuther, Initiator des
       Baumentscheids, aber in die richtige Richtung. „Wenn dieses Tempo anhält,
       sind wir guter Dinge, dass in Sachen Klimaanpassung alles rechtzeitig
       passiert“, sagte er zur taz. Ein optimistischer Ausblick auf die
       bevorstehende Klimakatastrophe: Das jedenfalls ist in der jüngeren Zeit
       schon mal ein Novum.
       
       3 Mar 2026
       
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