# taz.de -- Wärmeversorgung in Berlin: Rechtswidriges Greenwashing
       
       > Die kommunale BEW will Holz verbrennen, um Wärme zu gewinnen. Ein neues
       > Gutachten sagt: Das ist massiv klimaschädlich – und deshalb rechtswidrig.
       
       Der Tiergarten in Mitte ist eine große grüne Idylle. Um einmal durch den
       ganzen Park zu spazieren, braucht man eine gute Dreiviertelstunde. Man
       stelle sich nun vor, der Senat käme auf die Idee, den gesamten Tiergarten
       abzuholzen, um für einige Wochen seine Kraftwerke für Wärme und Strom
       anzufeuern. Und jetzt stelle man sich außerdem vor, der Senat würde diesen
       Plan auch noch mit dem Kampf gegen die Klimakrise begründen.
       
       Klingt absurd? Mag sein. Doch im übertragenen Sinne plant Berlin genau das
       – wobei natürlich niemand den Tiergarten abholzen will. Aber der kommunale
       Energieversorger Berliner Energie und Wärme (BEW) will [1][am Standort
       Reuter-West ein Holzkraftwerk bauen, wo künftig auch Holz für die
       Wärmegewinnung verbrannt werden soll]. Die Umweltorganisation BUND rechnet
       damit, dass so jährlich 250.000 Tonnen Holz verbrannt werden würden – ein
       Äquivalent zu der dreifachen Fläche des Berliner Tiergartens.
       
       Um das Projekt zu stoppen, hat der BUND am Montag ein Gutachten
       vorgestellt, laut dem eine Genehmigung des Vorhabens rechtswidrig wäre. Im
       Kern geht es laut [2][einer 76-seitigen Stellungnahme] der
       Umweltorganisation darum, dass das Vorhaben gegen das Berliner Klimaschutz-
       und Energiewendegesetz verstoßen würde, das bis 2045 verpflichtend eine
       CO2-freie Fernwärmeversorgung vorschreibt. Denn tatsächlich würde die
       energetische Holzverbrennung riesige Mengen CO2 ausstoßen.
       
       Doch wie konnte das Land überhaupt auf die Idee kommen, statt Kohle nun
       einfach Holz zu verbrennen? Laut BUND-Sprecher Matthias Krümmel geht das
       auf eine veraltete EU-Richtlinie für Erneuerbare Energien (RED II) zurück,
       die Holz als erneuerbaren – weil nachwachsenden – Rohstoff klassifiziert
       hatte. Diese Richtlinie habe es erlaubt, in der
       Umweltverträglichkeitsprüfung für das Vorhaben Holz als klimaneutral zu
       klassifizieren. Inzwischen ist diese Richtlinie verschärft worden, doch
       eine vollständige Umsetzung in deutsches Recht steht noch aus.
       
       ## Markt für Brennholz explodiert
       
       „Es wurde einfach nicht zwischen ‚nachhaltig‘ und ‚klimaneutral‘
       unterschieden“, sagte Krümmel zur taz. Dabei stoße Holzverbrennung
       natürlich CO2 aus – und zwar in Massen. Holzverbrennung verursache mit etwa
       380 Gramm CO2 pro Kilowattstunde mehr Treibhausgase als Erdgas, sogar die
       Bilanz von Steinkohle sei etwas weniger miserabel. Oft wird dagegen das
       Argument vorgetragen, dass Holz das CO2 vorher aus der Atmosphäre gebunden
       hat. Doch Krümmel lässt das nicht gelten: „Bäume brauchen etwa 40 Jahre,
       bis sie CO2 binden“, sagt er. Wer CO₂-Bindung wolle, müsse Wälder wieder
       fit machen, statt sie abzuholzen.
       
       Eine Sprecherin der BEW schreibt auf taz-Nachfrage, ohne den Einsatz von
       „nachhaltiger Biomasse“ sei der Kohleausstieg unmöglich umzusetzen. Der
       Konzern rechne mit einem Bedarf an 150.000 Tonnen Biomasse jährlich. Dabei
       würde überwiegend auf gebrauchtes Altholz gesetzt, also zum Beispiel auf
       alte Möbel oder Euro-Paletten. Ergänzend könne auch Agrarholz aus
       Plantagen, Landschaftspflegematerial sowie „nachhaltig beschafftes
       Waldrestholz“ infrage kommen. Baumstämme sollen nur eingesetzt werden, wenn
       dafür kein Baum gefällt werden musste, etwa nach Waldschäden, so die
       Sprecherin.
       
       Besonders argumentiert die BEW mit der Versorgungssicherheit: Es brauche
       auch „lagerbare“ und „flexibel einsetzbare“ Energiequellen, um die
       Fernwärmeerzeugung „unabhängig von Wind und Wetter“ zur Verfügung stellen
       zu können. Genau an diesem Punkt setzt allerdings auch das BUND-Gutachten
       an, das unter Verweis auf das Energiewendegesetz konstatiert, dass die
       Holzverbrennung im Gegenteil gerade nicht geeignet sei, eine sichere und
       preisgünstige Energieversorgung sicherzustellen.
       
       „Wir sind nicht das einzige Kraftwerk, was jetzt Holz herankarren will. Vom
       kleinen bayerischen Bauernhofbesitzer bis zu den großen Städten: Alle
       wollen gerade Holz verbrennen“, sagt Krümmel. Der Markt explodiere heute
       schon. „Es gibt dieses Holz einfach nicht“, sagt Krümmel deshalb. Er rechne
       damit, dass der Berliner Bedarf nicht durch Brandenburg gedeckt werden
       könne, weshalb Holz aus weltweiten Quellen herangeschafft werden müsste.
       
       ## Recycelte Greenwashing-Pläne von Vattenfall
       
       Der Plan mit der Holzverbrennung stammt indes noch aus der Feder des
       schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, bevor [3][das Berliner Strom- und
       Fernwärmenetz 2024 rekommunalisiert] wurde – ausdrücklich, um politische
       Entscheidungsmacht über die Energieversorgung zurückzugewinnen. Noch davor
       hatte Vattenfall allerdings einen „Fahrplan“ für Klimaneutralität
       entworfen, der einen Holzanteil von 17 Prozent bis 2030 in der
       Energiegewinnung vorsah. Umweltgruppen kritisierten das von Beginn als
       Greenwashing. „Und nun sieht es so aus, als würde die BEW diesen alten
       Fahrplan einfach übernehmen“, sagt Krümmel.
       
       Er sieht ein Versagen der Politik. „Ich habe das Gefühl, die gesamte
       Verantwortungsebene ist komplett abgetaucht“, sagt Krümmel. Die Politik
       treffe folgenschwere Entscheidungen, die Jahre hinter den Erkenntnissen der
       Klimawissenschaft zurückliegen. Die Senatsverwaltung für Klimaschutz konnte
       eine Anfrage der taz bis Redaktionsschluss nicht beantworten. Eine
       Sprecherin der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe teilte
       mit, derzeit sei „ein vollständiger Verzicht auf die Verwertung von
       Biomasse“ aus Gründen der Versorgungssicherheit „noch nicht möglich“. Die
       BEW arbeite an einem neuen Dekarbonisierungsfahrplan, der im Frühjahr 2026
       vorgestellt werden solle.
       
       Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Werner Graf, sagte, die Studie zeige,
       dass das Vorhaben „nicht nur klimapolitisch falsch, sondern nach jetzigem
       Stand auch rechtlich hoch angreifbar“ sei. Berlin solle sich deshalb aus
       dem Projekt zurückziehen und „den Fokus auf wirklich nachhaltige
       Alternativen legen.“ Der klimapolitischen Sprecher der Partei, Stefan
       Taschner, sagte der taz, unerfüllte Potenziale läge vor allem in der
       Tiefengeothermie, dem großflächigen Ausbau von Wärmepumpen und in der
       besseren Nutzung von Abwärme. Als „schlafenden Riese“ bezeichnet Krümmel
       außerdem die Gebäudesanierung zur besseren Isolierung von Wohnhäusern.
       
       Sollte die Politik nicht einlenken, könnten die Umweltverbände gegen das
       geplante Holzkraftwerk klagen – was Krümmel zwischen den Zeilen auch
       anzukündigen scheint. „Die nächste Generation muss sich auf
       Klimaneutralität verlassen können“, sagt er. Das Klimaschutzrecht sichere
       den Anspruch auf eine klimaneutrale Wärmeversorgung.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rekommunalisierung-der-Fernwaerme/!6003613
 (DIR) [2] https://www.bund-berlin.de/service/publikationen/detail/publication/gemeinsame-stellungnahme-der-umweltverbaende-zum-geplanten-holzkraftwerk-reuter-west-inklusive-juristisches-kurzgutachten/
 (DIR) [3] /Rekommunalisierung-von-Waerme-und-Strom/!6004466
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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