# taz.de -- 15 Jahre Reaktorkatastrophe Fukushima: Nachdem die Wolke weiterzog
> Fünfzehn Jahre nach der Atomkatastrophe versucht die Geisterstadt Futaba
> nahe dem havarierten AKW die Wiederauferstehung. Doch kaum jemand will
> zurück.
(IMG) Bild: Schön destruktiv: Die Natur hat sich Futaba, in unmittelbarer Nachbarschaft zum havarierten AKW, weitgehend zurückerobert
Shinichi Kokubun steht auf dem Balkon seines früheren Wohnhauses und blickt
hinab auf Futaba. Der kalte Winterwind zaust sein schütteres weißes Haar.
Doch der Pflaumenbaum vor dem Haus blüht schon in kräftigem Lila. Am
Horizont, hinter einer bewaldeten Hügelkette, reckt sich ein schlanker
Kühlturm des AKW Fukushima in den Himmel – nur vier Kilometer Luftlinie
entfernt. Kokubun zeigt auf die freien Grundstücksflächen ringsum. Dort
standen früher die Häuser seiner Nachbarn. Auch er wohnt hier nicht mehr.
„Ab April wird vermutlich alles weg sein“, sagt er beiläufig. Dann reißen
Bagger auch sein nur 40 Jahre altes Haus ab.
Wie seine Nachbarn mussten der heute fast 76-Jährige und seine Frau
fluchtartig aufbrechen, als am 11. März 2011 die Erde heftig bebte und ein
Tsunami die Atomkatastrophe von Fukushima auslöste. Radioaktive Wolken
zogen über Futaba hinweg. Der Wandkalender im Wohnzimmer von Kokubun trägt
noch das Blatt vom März 2011.
Erst elf Jahre und fünf Monate später durfte die Stadt, als letzte in der
Sperrzone mit einem Radius von 20 Kilometern um die havarierte Atomanlage,
wieder betreten werden. Doch der lange Leerstand hatte viele Häuser
unbewohnbar gemacht. Wildschweine drangen in die Holzgebäude ein und
verwüsteten auf Nahrungssuche die Küchen und Zimmer in den Erdgeschossen.
Auch Kokubuns Küche ist deswegen nicht mehr zu benutzen.
Von all den Dramen spürt man heute nichts, wenn man in Futaba aus dem Zug
der Joban-Linie steigt. Rund um den neuen Bahnhof gibt sich die Kleinstadt
modern. Ein kleiner Supermarkt, erst vor wenigen Monaten eröffnet, und ein
schickes zweistöckiges Rathaus auf der Ostseite; eine Siedlung mit neuen
Einfamilienhäusern und der Bauplatz für eine Schule auf der Westseite. Die
Brücke über die Bahnlinie wurde gerade freigegeben. Auf Google Maps fehlt
sie noch.
## Ein Unternehmen produziert bereits Handtücher
Entlang der drei Kilometer langen, schnurgeraden Straße zum Pazifik reihen
sich neue Büro- und Fabrikgebäude – Ergebnis des staatlichen
Wiederaufbauprogramms. Die „Futaba Zero Mill“ etwa produziert Handtücher.
Von 25 kommerziellen Projekten, gefördert mit Subventionen, laufen 20
bereits. Ein Konferenzhotel mit Meerblick öffnet in wenigen Monaten. Den
Blick auf den Pazifik versperrt derzeit allerdings noch ein hoher Damm:
Bagger verteilen Erde zwischen den Betonstrukturen, die den nächsten
Tsunami stoppen sollen.
Kokubun lebt heute in einem der neuen Mietshäuser hinter dem Bahnhof. Seine
Frau starb vor einigen Monaten, die Urne mit ihrer Asche steht noch im
neuen Heim. Er kann sie nicht bestatten, weil der Friedhof beim Erdbeben
beschädigt wurde. Das Ehepaar ist eines von wenigen in Futaba, die bereits
vor der Katastrophe hier gewohnt haben: Nur 89 der einst 7.140 Bewohner
kehrten in den dreieinhalb Jahren seit der Öffnung zurück. Die Übrigen
bauten sich in der langen Sperrzeit anderswo ein neues Leben auf. Insgesamt
leben gerade mal 193 Menschen in Futaba – das sind weniger als 3 Prozent
der früheren Bevölkerung.
## Hoffen auf weitere Zuzügler
Kokubun hofft auf weitere Zuzügler, wenn die Dekontamination der
verstrahlten Stadtgebiete weiter voranschreitet: „Ich wünsche mir, dass sie
hier arbeiten, Land kaufen, hier wohnen. Und dass wir gut miteinander
sprechen und gemeinsam eine gute Stadt daraus machen.“
Groß und wohlhabend wurde Futaba, als Japan hier Anfang der 1970er Jahre
seinen ersten Atommeiler in Betrieb nahm. Bis zum Bau der Reaktoren
verdingten sich die Reisbauern nebenher als Tagelöhner im Großraum Tokio,
um die Kasse aufzubessern. Das Kraftwerk brachte Jobs, Einkommen,
Infrastruktur. Väter mussten nicht mehr woanders arbeiten. Junge Techniker
und Ingenieure kamen, gründeten Familien. Auch Kokubun kam damals, als
Elektroingenieur beim [1][Kraftwerksbetreiber Tepco.]
Zwei Drittel der Haushalte lebten von Tepco-Gehältern. Über der Hauptstraße
hing ein riesiges Schild: „Atomkraft – Energie für eine helle Zukunft“.
Nach der Katastrophe klang der Slogan nur noch zynisch.
Die Folgen der Katastrophe halten Futaba weiterhin im Griff. Im neuen
Rathaus zeigt Yasuharu Hashimoto, Abteilungsleiter für Allgemeines, auf
einer Gemeindekarte, woran es hapert. Nur die kleine blaue Fläche rund um
den Bahnhof ist bewohnbar; die größere gelbe daneben ist das Zwischenlager
für die Überreste der Dekontaminierung der Sperrzone. Daran grenzt die
havarierte Atomanlage.
Auf den übrigen, weiß markierten Stadtgebieten stechen rote Flächen hervor,
verzweigten Blutgefäßen ähnlich. „Diese Wohnflächen dekontaminieren wir bis
2030 und stellen Straßen, Wasser- und Stromleitungen wieder her“, erläutert
Hashimoto, ein jovialer Mann mit gemütlicher Ausstrahlung. Futaba ist eine
Geisterstadt: 85 Prozent der Fläche sind aktuell unbewohnbar, ganze
Stadtteile abgesperrt, die Strahlung ist zu hoch.
In vielen Gemeinden in der ehemaligen Sperrzone liegt die Rückkehrrate der
damals 154.000 Evakuierten bei 20 bis 30 Prozent – auch nicht gerade hoch,
aber doch höher als in Futaba.
## Fukushima gilt als „Zone für eine schwierige Rückkehr“
Warum sind es in Futaba so wenige? Die radioaktiven Wolken drifteten
tagelang in Richtung Nordosten und kontaminierten dabei vor allem Futaba
und dazu das 30 Kilometer entfernte Iitate. Wegen der erwarteten Belastung
von über 50 Millisievert pro Jahr und vielerorts hohen Stundenwerten von
über 3,5 Mikrosievert blieb die Stadt besonders lange gesperrt, weil sie im
Behörden-Japanisch als [2][„Zone für eine schwierige Rückkehr“] eingestuft
wurde.
Hashimoto nennt die späte Öffnung und fehlenden Wohnraum als Grund. Die
meisten Evakuierten hätten längst woanders ein neues Leben begonnen, und in
den kleinen freigegebenen Zonen gibt es nur wenige Wohnungen und Häuser.
Die meisten, die man trifft, etwa im Restaurant Futahome, wo Fisch auf dem
Mittagsmenü steht, oder im Imbiss Sendantai, wo Soba-Suppe serviert wird,
sind nur tagsüber da: Bauarbeiter, Techniker, Geschäftsleute.
Auch Hashimoto bleibt nur werktags in Futaba. Das Wochenende verbringt er
mit Frau und zwei Kindern in seinem Wohnort eine Autostunde entfernt. Über
das offizielle Ziel, bis 2030 2.000 Menschen anzusiedeln, macht sich der
52-Jährige keine Illusionen. „Ich glaube, dass es viel länger dauern wird,
außer Wohnungen braucht es ja auch Supermärkte, Ärzte und Schulen“, sagt
er.
Er rechtfertigt die Mühen des Wiederaufbaus. Wäre es wirklich gefährlich,
müsste man Futaba so aufgeben wie die Umgebung von Tschernobyl. Aber hier
sei Wiederaufbau möglich. „Daran arbeiten wir hart – nicht nach dem Motto
‚Es ist gefährlich, aber wir gehen trotzdem zurück‘, sondern weil es eine
Chance für Rückkehr gibt“, sagt Hashimoto bestimmt. „Es ist unsere Mission,
dafür die Umgebung zu schaffen.“
## „Eine Stadt voller Möglichkeiten“
Die wenigen Bewohner Futabas müssen, ganz nüchtern betrachtet, Frohnaturen
sein, um sich hier trotz widriger Umstände ein neues Leben aufzubauen. So
jemand ist Mihoko Yamane. Die 43-jährige Mutter von drei Kindern gehörte zu
den ersten Rückkehrern überhaupt, als Futaba im August 2022 wieder
zugänglich wurde. Ihr Pioniergeist ist spürbar. „Es ist so viel verloren
gegangen“, sagt sie nachdenklich. „Aber das heutige Futaba ist auch eine
Stadt voller Möglichkeiten.“ Es gehe voran, „weil so viele Menschen mit
Gedanken, Kraft und Arbeit dahinterstehen“. Die neuen Fabriken entstehen,
die Baustelle für das Schulgebäude – sie sind für Yamane ein Anfang.
Die schmale Frau mit dem offenen Gesicht, die langen Haare zum
Pferdeschwanz gebunden, berät im Zentrum für neue Einwohner. Der Alltag sei
nicht bequem, gibt sie zu. Für Kinderkleidung muss sie nach Namie fahren,
sechs Kilometer entfernt. Die Stadt wurde schon 2017 wieder freigegeben.
Auch Kindergarten und Schule liegen dort. Die Arbeiten auf der
Schulbaustelle in Futaba sollen in diesem Jahr beginnen, ab 2028 soll dann
auch Futaba eine eigene Schule haben.
Ein Großtaxi, bezahlt von der Stadt Futaba, bringt Yamanes drei Kinder
gemeinsam mit anderen Schülern bis dahin in die Nachbarstadt. „Die Kinder
wachsen auf, während sie sehen, wie diese Stadt Schritt für Schritt wieder
lebendig wird.“ Yamane will positiv denken, sie formuliert ihre
Zwischenbilanz so: „Ich glaube, das ist für Kinder etwas sehr Gutes. “
Yamane erinnert sich lebhaft an ihre Evakuierung vor 15 Jahren. Zusammen
mit ihrer Mutter floh sie am Tag nach dem Beben und der Tsunamiwelle auf
Anweisung der Stadtverwaltung und fand in einer Sporthalle zehn Kilometer
weiter eine erste Notunterkunft. Doch die radioaktiven Wolken zogen in den
nächsten Tagen genau dorthin und erzwangen eine weitere Evakuierung in ein
Notlager am Rand der Ebene von Fukushima.
„Damals wusste ich nichts über Radioaktivität. Man sagte nur ‚gefährlich‘
und ‚evakuieren‘. Also bin ich geflohen, wie man es mir sagte. Wenn ich
nach draußen ging, trug ich Maske und Handschuhe und stieg schnell ins
Auto. Es war sehr beängstigend.“ Ihre damalige Furcht scheint sie
überwunden – oder verdrängt? – zu haben. Die Gefahr bleibt sichtbar: An
vielen öffentlichen Orten in Futaba und anderen Städten der Ex-Sperrzone
stehen Messgeräte, sogar an der Autobahn durch Fukushima. In roten Ziffern
zeigen sie die Strahlung in Mikrosievert pro Stunde an. Die Werte liegen in
Bereichen, die die Gesundheit nicht gefährden sollten.
Allerdings tut die Regierung viel, um die Strahlenfolgen herunterzuspielen.
Nur eine einzige Gesundheitsstudie läuft seit der Katastrophe: eine
Reihenuntersuchung der Schilddrüse für alle, die beim Atomunfall jünger als
18 Jahre waren. Die Zahl der Teilnehmer schrumpfte von anfangs 270.000 bis
zur sechsten Runde um drei Viertel. Damit verliert die Studie an
Aussagekraft. Bei fast 400 Menschen diagnostizierten Ärzte Tumore in der
Schilddrüse – laut der Internistin Motomi Ushiyama eine Rate, die mit den
Folgen von Tschernobyl vergleichbar sei. Doch staatsnahe Experten
bestreiten, dass die erhöhte Strahlendosis die Ursache ist.
Yamane, bei der Katastrophe schon Ende zwanzig, ließ ihre Schilddrüse nie
untersuchen. Die Strahlengefahr kehrte erst in ihr Bewusstsein zurück, als
sie heiratete und Mutter wurde. „Als ich erfuhr, dass ich mit dem dritten
Kind schwanger bin, war schon absehbar, wann man nach Futaba zurückkehren
konnte“, erzählt sie. „Aber mit einem Neugeborenen nach Futaba zu gehen und
dort zu leben – das machte mir Angst. Viele haben mich kritisiert und
gewarnt.“
## Yamane meidet Waldwege
Sie löste ihr Dilemma, indem sie in den ersten drei Monaten nach der
Rückkehr ein Dosimeter am Körper trug. Die Belastungswerte waren niedrig
genug, um sie zu beruhigen. Orte ohne Dekontaminierung meidet sie –
Waldstücke, Wanderwege. Ihre Lektion aus der Katastrophe:
Selbstverständliches ist nicht selbstverständlich.
Trotzdem will sie Atomkraft nicht als Teufelszeug verdammen. Ihr Vater
arbeitete einst selbst für Tepco. „Wie kann man auf Atomkraft verzichten?
Was wäre eine gute Alternative? Und was passiert bei einem neuen Unfall?
Darüber müssten alle viel ernsthafter nachdenken. Das habe ich nach der
Katastrophe stark gespürt“, beschreibt sie ihre ambivalenten Gefühle.
Ihren Zwiespalt spiegelt ein anderer, neuer Ort in Futaba: Das
Gedächtnismuseum für die Katastrophe, das einzige in den Tsunami-Gebieten
im Nordosten Japans, das auch die Atomkatastrophe zeigt. Das Land, auf dem
der geschwungene Neubau steht, überspülte vor 15 Jahren der Tsunami – eine
vier Meter hohe Welle, sagt Museumsdirektor Noboru Takamura. Die Ironie:
Nur 50 Meter weiter hat der AKW-Betreiber Tepco im neuen Gebäude der
Industrie- und Handelskammer sein „Hauptquartier für den Wiederaufbau von
Fukushima“ eingerichtet. Ein Interview zu Futaba lehnte die Tepco-Zentrale
ab.
Der Museumschef, ein Strahlenmediziner und hauptberuflich am Institut für
Atombomben-Erkrankungen der Universität Nagasaki tätig, spricht von einem
„Lernort“. Der Zweck des Museums: die Erinnerung und die Lehren aus
Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe zu sammeln und an die Nachwelt
weiterzugeben, damit künftige Risiken erkannt und vermieden werden.
## Eine wesentliche Einsicht: 2011 herrschte Chaos
Eine zentrale Einsicht: Vor 2011 herrschte in Japan der verbreitete Mythos,
in einem Kernkraftwerk passiere kein Unfall. „Es gab verschiedene
Vorbereitungen, aber man bereitete sich nicht ernsthaft genug mit dem
Bewusstsein vor, dass es wirklich passieren könnte.“ Deshalb herrschte beim
Katastrophenfall großes Chaos. „Das ist ein großes Thema für Selbstkritik“,
sagt Takamura. Das offene Bekenntnis überrascht, schließlich finanzierte
der gleiche Staat, der wieder verstärkt auf Atomkraft setzt, die Baukosten
von 30 Millionen Euro.
Die Ausstellung geht zwar kaum auf die Verantwortung der Atomindustrie ein
und stellt den Atomunfall hauptsächlich als Folge einer gewaltigen
Naturkatastrophe dar. Aber eine Tafel beschreibt das Desaster als
menschengemacht. Zum selben Schluss kam auch eine staatliche
Untersuchungskommission rund ein Jahr nach der Katastrophe.
Experten hatten vor einem hohen Tsunami gewarnt, doch Tepco traf keine
Vorkehrungen – und stellte die Notstromaggregate in die Kellerräume der
Reaktoren. Die Schutzmauer war zehn Meter hoch, der Tsunami aber noch vier
bis fünf Meter höher. Das eindringende Wasser legte die Aggregate lahm. Da
das Beben zugleich die Stromleitung zum AKW zerstört hatte, ließen sich die
drei laufenden Atommeiler nicht mehr kühlen; die Reaktorkerne schmolzen.
Später redete sich das Management mit „Unvorhersehbarkeit“ heraus.
## 14 Millionen Kubikmeter kontaminierte Erde
Beim Rundgang spricht Takamura über die Gegenwart, die Futaba heute prägt.
Die Dekontamination senkte die Strahlung in der Region, doch beim Abtragen
fielen 14 Millionen Kubikmeter kontaminierter Erde an. Man lagert sie
unweit des Museums auf einer riesigen Halde. Aber was passiert mit dieser
Altlast? Bisher weigern sich alle anderen Regionen, die Erde etwa im
Straßenbau zu verwenden.
Der Hunger nach Informationen scheint groß. Seit der Eröffnung im September
2020, mitten in der Coronapandemie, kamen 440.000 Besucher. Viele aus
Fukushima, viele aus dem Großraum Tokio, darunter „sehr viele“ Schülerinnen
und Schüler auf Klassenfahrt. Zwei Highlights stehen auf der Außenterrasse:
ein vom Tsunami völlig zerstörter Feuerwehrwagen und ein Replikat des
Schildes „Atomkraft – Energie für eine helle Zukunft“. „Das Original steht
im Archiv, damit es nicht rostet“, erklärt Takamura.
Laut Umfragen bleibt Besuchern am häufigsten der Bericht der Menschen in
Erinnerung, die erlebt haben, wie aus der Kleinstadt eine Evakuierungszone
wurde. Viermal täglich erzählen solche Augenzeugen, oft anhand persönlicher
Gegenstände und Dokumente, was ihnen während und nach der
Dreifachkatastrophe widerfuhr. Die jahrhundertealte Tradition der
„Augenzeugen-Erzähler“ („Kataribe“) lebte nach den Atombombenabwürfen auf
Hiroshima und Nagasaki wieder auf und verbreitete sich nach dem März 2011
auch in der Tsunami-Region Tohoku.
Auch Rückkehrer Kokubun hat sich der Kataribe-Bewegung angeschlossen. Er
hätte trotz seines Alters weiter als Ausbilder für den Katastrophenschutz
in Atomkraftwerken arbeiten können. Doch er will seine verbleibende Zeit
nutzen, um von der Lehre zu erzählen, die er für sich aus der Katastrophe
zog – nämlich die, dass es auch ein Leben danach gibt. Kokubun sagt
nüchtern, es gebe keine „perfekte“ Quelle für Energie. Jede habe ihre
Risiken. Entscheidend sei, wie man diesen Risiken im Alltag begegne.
„Das Ziel ist, zu sagen: ‚Es ist sicher, ihr könnt beruhigt zurückkommen‘“,
erklärt Kokubun und stützt sich auf das Balkongitter seines alten Hauses.
Im nächsten Satz verschiebt er den Fokus, um nicht in eine Debatte über
Atomkraft zu geraten: Das „AKW-Thema“ könne man dem Betreiberkonzern
überlassen – wichtiger sei: „Wie bringen wir Menschen zurück, wie beleben
wir die Stadt?“ Und bei dieser Frage schweift sein ratloser Blick über
Futaba hinweg zum Kühlturm am Horizont, der langsam hinter Wolken
verschwindet.
10 Mar 2026
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(DIR) Martin Fritz
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