# taz.de -- Sophia Merwald „Sperrgut“: Wenn einem hier die Wolke platzt
       
       > Sophia Merwald erzählt lyrisch flimmernd vom Leben in einer bedrohten
       > Solidargemeinschaft. Geschrieben hat Merwald den Text „für die Einsamen“.
       
 (IMG) Bild: Wenn Gemeinschaften auseinandergehen und Wolken platzen
       
       Zu Sperrgut erklärt zu werden, das ist die Angst, die über dem Lusthansa
       schwebt. Dem Ort, ein ehemaliges Frauenhaus auf Kummerfeld, droht nämlich
       der Abriss. Ausgerechnet hier, wo die Kristalloma eine Wiege für all jene
       geschaffen hat, denen die Geborgenheit anderswo abhandengekommen ist. Wo
       sich durch einen Alltag, Paprikasuppe und gemeinsame Fernsehabende eine
       heterogene Gemeinschaft aus FreundInnen und Familie formiert hat.
       
       „Sperrgut“, das ist auch der Titel von [1][Sophia Merwalds] Debütroman. Für
       ihn hat die 1998 geborene und in München lebende Autorin 2025 bereits vor
       Veröffentlichung den Alfred-Döblin-Preis erhalten. Geschrieben hat Merwald
       den Text „für die Einsamen“.
       
       Entstanden ist ein Roman über Solidarität und Gemeinschaft jenseits der
       normativen Strukturen, über Utopie und Widerstand gegen bürokratische
       Ordnungen. Unter Kristallomas Obhut entsteht hier ein neuer Entwurf des
       Zusammenlebens, fernab des Gewohnten: Da sind Stevie und ihre Freundin Maj,
       Stevies dementer Vater und dessen Frau Linde sowie Bruno, Kristallomas
       Partner. „Ich hatte noch nie ein Haus, eines, das einem uns gehörte“, heißt
       es aus Stevies Perspektive – eine Stimme, aus der heraus Merwald die
       Handlung vorantreibt.
       
       ## Herausfordernde und solidarische Umgebung
       
       Als emotionaler und erzählerischer Kern fungiert hierbei die Beziehung
       zwischen Stevie und Maj, die zärtlich, fast kindlich anmutet: „Wir strahlen
       in der Nacht so stark wie die Eiskugeln, die zwischen uns in Kaffee
       ertrinken, und der Vanillevollmond sagt mir, was ich schon weiß, Maj und
       ich sind glitzernde Verbündete.“ In einer herausfordernden wie
       solidarischen Umgebung ist es die Liebe zwischen den beiden jungen Frauen,
       aber auch ihr Auf und Ab, was den Roman lebendig hält.
       
       Einen regelrechten Sog entwickelt Merwalds Debüt vor allem durch die ganz
       eigene Sprache, die ihm innewohnt. Eigenwillig lyrisch, flimmernd, mal
       märchenhaft verträumt, trägt sie auch dort, wo die Handlung ins Stocken
       gerät. Gleichsam real wie surreal muten Merwalds Beschreibungen an und
       entführen in ganz eigene Gedankenwelten: „Die Wolken machen ein Colalachen,
       ziehen nicht vorüber, sondern stehen und prusten auf einen herab. Wenn
       einem hier eine Wolke platzt, heißt es Colaschaden.“
       
       Auch das scheinbar Unbeschreibliche scheut die Autorin nicht, schreibt von
       Gewalt, die etwa Stevie in der Kindheit erlebte, von übergriffigen Männern
       und dem Tod, der „als Ort zwischen uns“ tritt.
       
       ## Kein Schutz, nur Aufschub
       
       „Das Lusthansa war zwischen ihre Körper und die ihrer Feinde getreten. Der
       Ort hielt ihre Körper, da, wo sie sein sollten. Der Ort war eine
       einzigartige Zeit, im Dazwischen tickend.“ Doch dieses „Dazwischen“ ist
       kein geschützter Zustand, sondern bietet bloß etwas Aufschub. Politisch
       wird der Text dort, wo die prekären Lebensumstände unübersehbar werden.
       
       Immer häufiger landen Briefe im Lusthansa, die Bruno zwar verbrennt, die
       den behördlichen Anspruch auf Kummerfeld aber zementieren. Der Staat will
       sich das Stück Land zurückholen, das nie als Zuhause gedacht war und gerade
       deshalb eines geworden ist.
       
       In dieser Zuspitzung entfaltet „Sperrgut“ seine sozialkritische Schärfe:
       Merwald erzählt nicht nur von einer bedrohten Gemeinschaft, sondern
       verhandelt implizit Fragen nach Eigentum, Verdrängung und bezahlbarem
       Wohnen. Wem gehört Raum? Wer entscheidet, welche Form des Zusammenlebens
       legitim ist?
       
       Das Lusthansa mag aus Sperrgut errichtet sein, doch was hier auf dem Spiel
       steht, ist weit mehr als ein Gebäude. Es ist die Möglichkeit, in einer
       zunehmend regulierten Stadt einen Ort zu behaupten, der nicht nach
       Verwertbarkeit fragt, sondern nach Schutz
       
       19 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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