# taz.de -- Lukas Rietzschel „Sanditz“: Er will alles
> Lukas Rietzschel fängt in seinem neuen Roman Normalität im Jetzt und
> Damals ein. Den DDR-Alltag überzeichnet er allerdings.
(IMG) Bild: Sachsen oder Saarland? „Sanditz“ könnte überall spielen
Auf Seite 211 hatte mich der Autor ertappt: Die Zwillinge Herr und Frau
Haufe leben mit Morle, einer schwarzen Katze, direkt neben dem Gemeindehaus
in Sanditz, einem fiktiven Ort im Nirgendwo des Ostens. Beide lesen gern.
Sie sind sich so ähnlich, dass sie etwa zur gleichen Zeit Pausen beim Lesen
einlegen. Und doch unterscheidet sie etwas ganz Wesentliches.
Herr Haufe habe „kein Problem damit, Bücher, die ihn nach zweihundertelf
Seiten nicht überzeugten, wegzulegen“. Frau Haufe aber „quälte sich“ durch
alle Bücher, die sie einmal angefangen hatte. Er warf ihr „deshalb
mangelndes Urteilsvermögen vor. Sie hingegen sagte, er missachte Gottes
Wirken, das sich im Talent eines Autors widerspiegle.“
Ich fühlte mich erwischt. Denn eigentlich bin ich vom Typ her so ein Herr
Haufe. Ich gehe auch aus Theateraufführungen oder Kinofilmen raus, wenn mir
das Gezeigte nicht zusagt. Und natürlich lege ich Bücher weg, wenn ich
nicht reinkomme – dafür brauche ich meist keine zweihundertelf Seiten. Das
neue Buch von [1][Lukas Rietzschel] musste ich freilich durchlesen – ich
wollte ja etwas darüber schreiben.
Und Frau Haufe erinnerte mich nun daran, dass der Autor Rietzschel ein
großes kreatives Talent ist, dessen imposantes Werk bereits mit jungen
Jahren – er ist Jahrgang 1994 – fast erschlagend ist. Rietzschel ist eine
der wichtigsten Stimmen seiner Generation im öffentlichen Diskurs
Deutschlands. Um so gespannter war ich auf seinen neuen Roman.
## Zwei Zeitebenen
Der spielt auf zwei Zeitebenen. Die eine handelt von den Jahren 2021/22. Es
geht um Corona, um [2][die Ukraine,] um irgendwie fast alles andere auch.
Es gibt einige Hauptpersonen und jede Menge Nebendarsteller mit einer Reihe
Nebenschauplätzen. Die andere Ebene beginnt in den späten 1970er Jahren in
der DDR-Provinz und zieht sich dann über 1983 und 1989 in die 1990er Jahre,
bis beide Zeitebenen miteinander verschmelzen.
Der Roman beginnt großartig, ja grandios. Die ersten 70 Seiten handeln in
der Fast-Gegenwart. Es plätschert vor sich hin, es passiert nicht übermäßig
viel, die Figuren bleiben einigermaßen blass. Das liest sich wie der Beginn
ganz großer Literatur. Denn der Roman mag zwar irgendwo im Osten spielen,
das aber spielt gar keine Rolle.
Denn die Langeweile, die Ängste, die Sorgen, die Freuden, die Probleme sind
so leise und sensibel umkreist, dass es ganz und gar egal ist, wo genau die
Handlung sich eigentlich zuträgt. Es könnte Sachsen ebenso wie das
Saarland, die Ost- wie die Nordsee, das Mittelmeer wie der Atlantik, das
Erzgebirge wie die Alpen sein. In meinem Kopf schwirrte immer wieder auch
[3][Didier Eribon] umher.
## Das Leben in der langweiligen Normalität
Doch Lukas Rietzschel will mehr, um nicht zu sagen: alles. Es soll, wie der
Verlag wirbt, der große Gesellschaftsroman von jetzt bis damals sein. Also
beginnt die zweite Zeitebene, die in der DDR spielt. Zunächst war ich
begeistert – hier wird wieder ein Leben entworfen, das sich in einer
langweiligen Normalität aalt, wie es für alle Gesellschaften üblich ist.
Die Merkwürdigkeiten von 2021/22 haben ihre Vorgeschichte in einer
Nichtigkeit, die sich immer und überall findet. Denn die meisten Menschen
wollen nichts weiter als Ruhe, als in Ruhe gelassen werden, als Sicherheit,
als Unauffälligkeit.
Das wird alles so langweilig dargestellt und daher so überzeugend, so
stilistisch sicher, so unübersichtlich zugleich, wie das Leben eben ist.
Ich dachte, o. k., ich habe es verstanden, was soll noch passieren.
Doch dann passierte es eben. In den „DDR-Teil“ kam nun alles rein, was für
viele so außergewöhnlich erscheint und für viele so ganz und gar
DDR-typisch ist, obwohl es das abgesehen von den Begriffen gar nicht ist.
Also spielen auf einmal Stasi, Bibelschmuggel in die Sowjetunion, verbotene
Reisen, enttäuschte Syrer in der DDR, die Auflösung der Stasi, die
Revolution von 1989, die Vorbereitung auf die Verweigerung des
Waffendienstes in der DDR, Homosexualität, außereheliche Schwangerschaften
durch kirchliche Würdenträger und – ehrlich gesagt – noch viel mehr eine
Rolle.
## Groteske Übertreibung und absurdes Unwissen
Und das alles nun als das Außergewöhnliche im gewöhnlichen Leben
dargestellt. Die Figuren werden dadurch nicht unbedingt konturierter. Zu
ihrer Gewöhnlichkeit passt die angebliche Außergewöhnlichkeit der Umstände
so gar nicht. Niemand ist unsympathisch, aber sie bleiben auch alle
eigenartig blass. Diese DDR-Bilder sind zudem überwiegend ziemlich
ärgerlich, weil sie selbst gemessen an künstlerischen Freiheiten mit
grotesken Übertreibungen, um nicht zu sagen: absurdem Unwissen daherkommen.
So wird das Phänomen privat abgeschriebener Texte behandelt – verbotene
Texte wurden abgetippt und weitergegeben. Hier aber gibt es in den 1980er
Jahren Romanhelden, die auf diese Weise nicht nur Schriften von Biermann,
Fuchs oder Havemann, sondern sogar Bücher von Kafka oder [4][John
Steinbeck] abschreiben. Wozu? Warum? Das war doch verlegt worden, war
einfach zu bekommen.
Die Besetzung der Stasi-Kreisdienststelle wird als ein Massenaufstand
inszeniert – schön wäre es gewesen. Ich könnte viele weitere Beispiele
anführen, die nicht einmal künstlerisch überzeichnet überzeugen. Der Roman
hätte diesen Quatsch nicht nötig gehabt. Dessen Subtilität bricht der Autor
brachial mit Zeitungsübertreibungen auf.
## Wohltuend und realistisch
Die Gegenwartskapitel kommen ohne solche Kontexte aus. Das ist äußerst
wohltuend. Zwar geht es hier um Ost/West, aber so einfühlsam dargestellt,
dass es im Kern um Stadt-Land-Probleme geht. Fast überall in Europa könnten
sich diese Helden und Probleme so oder ähnlich entfalten. Das um so mehr,
als die DDR-Herkunft in dieser Gemengelage kaum eine Rolle spielt. Auch das
ist wohltuend und realistisch.
Der neue Roman von Lukas Rietzschel will sehr viel, greift dabei zu viel
unterkomplex auf, schafft aber eines, weshalb das Buch mitten in den großen
Debatten wurzelt: Es nimmt die Gegenwart ernst und malt sie als eine, die
nicht nur hier, sondern überall stattfindet. Der Roman liefert keine
Antworten, zum Glück, sondern schürft bei jenen Fragen, die fast alle
umtreiben.
Die DDR wiederum ist ein Herkunftsort, für den niemand etwas kann, der
prägte, aber nicht einzigartig ist. Ein Roman gegen die grassierende
Ostdeutschtümelei. Ich bin dann doch froh, ihn nicht aus der Hand gelegt zu
haben.
17 Mar 2026
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