# taz.de -- Palästinensische Literatur: Wenn die Sprache versagt
       
       > Das langjährige Programm „Goethe-Institut im Exil“ wurde kurzfristig
       > eingestellt. Eine gecancelte Lesung in Berlin fand deshalb an anderem Ort
       > statt.
       
 (IMG) Bild: Auf einmal Underground-Poesie: Maha El-Hissy, Alaa al-Qaisi, Ahmed Saleh, Asmaa Azaizeh und die Musikerin Cham Saloum (v. l. n. r.)
       
       Der Autorin und Übersetzerin Alaa al-Qaisi stockt die Stimme, als sie an
       die palästinensische Fotojournalistin [1][Fatima Hassouna] aus Gaza
       erinnert. „Sie lebte noch, als ich ihren Text übersetzte“, sagt sie und
       schluchzt. Hassouna stand im Zentrum des mehrfach ausgezeichneten
       Dokumentarfilms „Put Your Soul on Your Hand and Walk“, der im Mai 2025
       [2][beim Filmfestival in Cannes] seine Premiere feierte. Kurz nachdem sie
       erfuhr, dass der Film dort gezeigt werden würde, fiel die Fotografin einem
       israelischen Luftangriff zum Opfer; mit ihr starben sechs ihrer
       Angehörigen. Was von ihr bleibt, sind ihre Bilder und ihre Texte.
       
       „Wir haben viele Menschen verloren, die [3][das kulturelle Gedächtnis]
       ausgemacht haben“, ergänzt Ahmed Saleh, ein Dichter und Schriftsteller aus
       Gaza, der in Brüssel politisches Asyl beantragt hat. „Ich habe mein
       Gedächtnis verloren.“ Denn Israel habe [4][im aktuellen Krieg] die Archive
       und Universitäten im Gazastreifen bombardiert und zerstört. Der 28-Jährige
       gehört zu einer Generation, die seit 2008 fünf Kriege erlebt hat,
       „erstickende Belagerungen“ und den „andauernden Genozid“. Sein Neffe sei im
       Zelt geboren worden, wie seine Großmutter. „Er weiß nicht, was ein Heim
       ist, was ein Fernseher ist, was ein Haus mit Mauern.“
       
       Am Mittwochabend sollte die Lesung im Kulturzentrum Acud in der
       Veteranenstraße in Mitte stattfunden. Dort fanden in den vergangenen Jahren
       schon „Goethe-Institut im Exil“-Festivals mit Künstlerinnen und
       [5][Künstlern aus der Ukraine], [6][Belarus], [7][Afghanistan] und
       [8][Iran] statt. Doch keine 48 Stunden vorher wurde die Veranstaltung
       kurzfristig abgesagt.
       
       Und nicht nur das: Der Vorstand des Goethe-Instituts habe die Entscheidung
       getroffen, das gesamte „Goethe-Institut im Exil“-Programm „mit sofortiger
       Wirkung“ einzustellen, [9][erklärte dessen Pressestelle am Mittwoch]. Die
       „akute Belastungssituation“ und „eine enge finanzielle Ausstattung“ ließen
       eine Fortführung des Formats „unter den gegebenen Bedingungen“ nicht zu, so
       die Begründung.
       
       ## Abruptes Aus ohne rechte Begründung
       
       Das Programm sollte ohnehin in ein paar Monaten enden, aber bis dahin waren
       noch rund 20 Veranstaltungen geplant. Ob und wie das plötzliche Aus mit der
       geplanten Lesung zusammenhängt, dazu äußerte sich das Goethe-Institut
       nicht. Aber dass eine langjährige Veranstaltungsreihe quasi über Nacht
       eingestellt wird ist sehr ungewöhnlich und erweckt den Eindruck, hier habe
       jemand eine Notbremse gezogen.
       
       Der Kurator und seine Freunde verlegten die Lesung deshalb kurzfristig in
       eine Kulturetage in Schöneberg, in der sich am Abend über hundert Menschen
       drängen. Darunter sind auch die ehemalige Leiterin der Kulturstiftung des
       Bundes, Hortensia Völckers, und Bernd Scherer, ehemals Intendant am Haus
       der Kulturen der Welt.
       
       „Wir sind Autoren, wir sind Poeten, wir sind Künstler“, sagt der
       Schriftsteller Abdalrahman Alqalaq eingangs auf Englisch. Er hatte die
       Lesung kuratiert. Aber jeder Text sei nun mal politisch – insbesondere vor
       dem Hintergrund von Völkermord und Unterdrückung. Der im Flüchtlingslager
       Yarmouk bei Damaskus geborene Autor, dessen Gedichtband „Übergangsritus“
       2024 im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist, hatte das Programm für
       die Lesung seit Dezember 2025 zusammengestellt, dann zog das
       Goethe-Institut ihm den Stecker.
       
       Weil die Förderung zurückgezogen wurde, könne man keinen Übersetzer
       bezahlen, entschuldigt sich die Literaturwissenschaftlerin Maha El-Hissy,
       die den Abend moderiert. Das palästinensische Leid existiere seit
       Jahrzehnten. Doch Texte darüber würden in Deutschland als beunruhigend
       empfunden. Geschichte sei aber nun mal beunruhigend.
       
       „Wir sind alle Kinder der Nakba“, sagt die Dichterin Asmaa Azaizeh und
       schlägt damit eine Brücke zu ihren beiden Kollegen aus Gaza. Die 41-jährige
       stammt aus Haifa, also aus Israel. Die Atmosphäre von Zensur und
       Selbstzensur seien ihr vertraut. Bis 1967 hätte die palästinensische
       Minderheit, die in Israel verblieb, unter Militärzensur gelebt. Theater
       wurden geschlossen, Künstler ins Gefängnis geworfen. Die Eltern hätten die
       Kinder gelehrt, zu schweigen, und in den Schulen habe man nichts über die
       eigene Geschichte gelernt, dafür viel über Auschwitz und über den Kalten
       Krieg. Dass es in Haifa vor der Nakba über 30 arabische Verlage und über 50
       Wochenzeitungen gegeben habe, das habe sie erst später gelernt. Die
       Erinnerung an das städtische Palästina sei verdrängt worden.
       
       ## Die Sprache ist funktional geworden
       
       Die Ereignisse in Gaza habe sie, wie die meisten, auf dem Smartphone
       verfolgt. Sie suche noch eine Sprache, um das zu verarbeiten. „Ich möchte
       die Katastrophe nicht in Wörter packen“, sagt sie und liest ein Gedicht,
       das sie im Flugzeug auf dem Weg von Frankfurt nach Tel Aviv für ihren Sohn
       geschrieben hat und das von ihren Gefühlen handelt und um die
       Zeichentrickfigur Peppa Pig kreist. „Mir ist nichts geblieben. Mir wurde
       alles gestohlen, auch mein Recht, ein normales Leben zu haben.“
       
       Die Sprache sei funktional geworden, sagt Alaa al-Qaisi mit Blick auf die
       Menschen in Gaza. „Hast du Wasser? Hast du Gas?“, solche Fragen würden sich
       die Menschen im Gazastreifen stellen. Für Poesie sei kein Platz. Wenn sie
       dort anrufe, könne sie nicht einfach jemanden zum Geburtstag gratulieren.
       Die Kinder dort sprächen von Panzern und Kampfjets, nicht über Glück oder
       Freude. Die schmächtige Autorin und Übersetzerin, die ein Kopftuch trägt,
       wird bald nach Dublin gehen.
       
       Es falle ihr schwer, zu sagen, dass es das Programm „Goethe-Institut im
       Exil“ nicht mehr gibt, sagt Maha El-Hissy. Aber das Programm sei nun
       Geschichte.
       
       26 Feb 2026
       
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