# taz.de -- Visuelle Kirchenkritik im Domschatz: Woher kommt dein Gold, Madonna?
> Die Künstler Alice Creischer und Andreas Siekmann verfolgen im Dommuseum
> Hildesheim die Lieferketten heiligen Geräts bis nach Potosí und in den
> Kongo.
(IMG) Bild: Sakramente in Ketten: Johannes Hopffe, Wrisberg-Epitaph – Ausschnitt aus der Mitteltafel, vor 1590
Im mächtigen vorromanischen Unesco-Weltkulturerbe-Dom von Hildesheim steht
die „Große Goldene Madonna“. Die 1.000 Jahre alte Holzfigur soll eines der
ältesten vollplastischen Bilder Mariens sein, bis ins 20. Jahrhundert
hinein wurde sie bei Prozessionen mitgeführt oder zur Verehrung
ausgestellt. Man strapazierte sie dadurch derart, dass schon mehrmals ihr
Kopf mit den entrückten Gesichtszügen ausgetauscht werden musste. Gehüllt
ist die Madonna in ein Gewand aus Gold. Woher kam dieses Gold? Und das
Silber, das man ihr als Schmuck bis in die Barockzeit umhängte?
Auch die heiligen verehrten Dinge sind über Lieferketten [1][irgendwann
einmal in den Hildesheimer Domschatz gelangt]. Und man weiß nicht nur durch
Hubertus Heils Lieferkettengesetz, dass an der Art, wie für den globalen
Markt Rohstoffe verbreitet werden, viel Unrecht kleben kann. Das wussten
gewiss auch die Kirchenherren der Geschichte. Sie konnten aber über eine
Politik der Bilder den falschen Fluss des Materials, die Verachtung von
Mensch und Natur in Einklang mit einer christlichen Ideologie bringen.
Insbesondere bei der Missionierung der Kolonien mit ihren reichen
Naturschätzen.
Das ist eine der interessanten Thesen, die Alice Creischer, Berliner
Künstlerin, und ihr Kollege Andreas Siekmann schon seit einigen Jahren mit
ihrem Ausstellungs-, Publikations- und Archivprojekt zum
[2][„Potosí-Prinzip“] verfolgen. Potosí, die bolivianische Stadt auf einer
Hochebene des Altiplano mit riesigen Silbervorkommen, 1545 dem spanischen
Imperium einverleibt, aus deren Minen christianisierte Indigene über
Jahrhunderte hinweg das Edelmetall fürs hungrige Europa herausschufteten,
vielleicht auch für den Schmuck der Hildesheimer Madonna.
Creischer und Siekmann plündern nun ihrerseits in der Ausstellung „Die
Zirkulation von Arbeit, Kapital und Leben als Lieferkette“ im Hildesheimer
Dommuseum den dort sorgfältig ausgebreiteten Kirchenschatz aus. Ideell
plündern sie. Mit ihrer schrulligen, akribischen Kunst.
## Mit Otto Neurath zum Coltan
Durch die Säle des alten Doms legen sie in eigenwilliger Systematik mit
Ketten aus ausgeschnibbelten Fotokopien einen Parcours, daran baumeln
Grafiken, historische Fotografien und Bildreproduktionen. Zwischen
prächtigen Renaissancegobelins liegen Bildstatistiken im Stil Otto Neuraths
aus dem Roten Wien, ihre Figuren stellen in Zahlen [3][die blutigen
Konflikte im Kongo um das dort abgebaute Coltan dar]: 1.900 Tonnen der
seltenen Metallerde wurden demnach 2023 aus den Minen von der DR Kongo
exportiert, vornehmlich für die Digitaltechnologie und als Futter für die
weltweiten Börsenkurse.
In verhuschter Wissenschaftlichkeit, frei nach dem Kunstwissenschaftler Aby
Warburg und seinem legendären Mnemosyne-Atlas vergleichen Creischer und
Siekmann Formen, Schemata und Motive quer durch die Bilder, die eine
Geschichte von Kirche und Wirtschaft produziert hat. Von einem originalen
vergoldeten Kontinenteleuchter aus dem 12. Jahrhundert mit der Allegorie
Europas als Kriegsgestalt zum kuriosen Kleidungsstück eines Nerzes, auf den
die Börsenkurve des Rheinmetall-Konzerns gestickt ist.
Auch die Große Goldene Madonna taucht auf. Als Stumpf. Es ist die Kopie
ihres hölzernen Kerns. Daneben steht ein weiterer Stumpf. Das Keramikobjekt
der argentinischen Gegenwartskünstlerin Sonia Abián ist ein eigenwilliges
Modell für den auszuschöpfenden Silberberg, Albián sieht darin auch ein
Symbol für die Frau als Mutter.
Im Zentrum steht ein ungewöhnliches Hildesheimer Bildnis der Sakramente aus
dem späten 16. Jahrhundert. Mit ornamental übers Gemälde schwingenden
Eisenketten bindet auf dem sogenannten Wrisberg-Epitaph die Figuration der
katholischen Kirche als Frau mit Papstkrone ihre Untertanen an sich. Über
ihr ist Jesus am Kreuz. Aus dessen Stigmata fließt das Blut wie bei einem
kunstvollen Springbrunnen in die Kelche der Geketteten.
## Der ausgepresste Jesus
Jesus wird ausgepresst wie eine Weintraube. Auf einem Kupferstich der
gleichen Zeit taucht Christus selbst in der Weinpresse auf. Leid,
Ausbeutung und Ertrag werden auf diesen Bildern Teil der kirchlichen
Heilsgeschichte. Vom Pressen Jesu über die Technik des Pressens und Prägens
bis hin zur Darstellung der Silbergewinnung in Potosí. Faszinierend und
wild ist die bildliche Formel von Siekmann und Creischer, aber doch
irgendwie schlüssig. Und radikal: Die beiden betreiben hier die Demontage
der Institution Kirche zur bloßen Knechtin fürs Kapital.
Die Kirche, die Madonna und der Extraktivismus – die Motive tauchen auch
derzeit beim französischen Starkünstler [4][Pierre Huyghe] auf. Noch wenige
Tage ist in der Halle am Berliner Technoclub Berghain sein Film „Liminals“
zu sehen. Auf einer riesigen Leinwand – perfektes Bild, perfekter Sound –
breitet er im Dunkel unter den monumentalen Betontrichtern des
kathedralenartigen Raums eine KI-generierte dystopische Zukunftsszenerie
aus.
Eine geisterhafte weibliche Gestalt ohne Gesicht aber mit
Kaiserschnittnarbe, sozusagen die postapokalyptische Madonna, wandert durch
eine ausgelaugte Felslandschaft. „Liminals“ ist teure
Überwältigungsästhetik. Der betörende Film zwingt einen regelrecht, sich
Huyghes düsterem Untergangsszenario zu fügen.
Künstlerisch ist das eine vollkommen andere Methode als die Creischers oder
Siekmanns in Hildesheim, obwohl sich doch alle an den Auswüchsen des
Kapitalismus abarbeiten. Doch während Huyghe auf den großen emotionalen
Effekt setzt, müssen die Besucher:innen in Hildesheim richtig arbeiten.
Das tut den schönen Künsten auch mal gut. Das schärft den kritischen Geist,
bevor man überwältigt vorm ästhetischen Objekt, vor einer Madonna,
niederkniet.
4 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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