# taz.de -- Desertierende Soldaten in Russland: Sie wollen in den Knast statt an die Front
       
       > Wie entkommt man dem russischen Militärdienst? Etwa durch eine Haftstrafe
       > wegen Desertierens. Der Staat schickt die Betroffenen aber oft doch
       > wieder in den Krieg.
       
 (IMG) Bild: Mobiles Rekrutierungsbüro in Moskau, 28. Juni 2023, hier können Männer Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium abschliessen
       
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       wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien.
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       Mediazona öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
       [2][Den ganzen Text lesen Sie hier auf Russisch].
       
       Seit Putins Dekret zur „Teilmobilmachung“ im September 2022 gibt es für
       russische Soldaten faktisch nur noch drei Möglichkeiten, aus dem
       Militärdienst entlassen zu werden: durch das Erreichen des 65.
       Lebensjahres, aus gesundheitlichen Gründen oder durch eine Haftstrafe.
       
       Eine Ausmusterung wegen Krankheit ist hingegen kaum noch durchsetzbar. Vor
       dem Hintergrund steigender Verluste und brutaler Behandlung durch
       Vorgesetzte kommen deshalb immer mehr Soldaten zu dem Schluss: Eine
       Gefängnisstrafe wegen Desertion ist besser als der nahezu sichere Tod an
       der Front.
       
       Mediazona beschreibt eine paradoxe Realität im fünften Jahr des russischen
       Angriffskrieges gegen die Ukraine: Soldaten bitten Ermittler darum,
       Strafverfahren gegen sie einzuleiten. Und engagieren Anwälte, um ihr Recht
       auf eine Gefängnisstrafe durchzusetzen – doch selbst das gelingt oft nicht.
       
       Der 37-jährige Anton Putjatow lebt seit März in einem Zeltlager im Ural, in
       der Stadt Werchnjaja Pyschma. Das Lager dient als Sammelstelle für
       Soldaten, denen Desertion oder unerlaubtes Entfernen von der Truppe
       vorgeworfen wird. In sieben überfüllten Militärzelten seien dort derzeit
       rund 180 Männer untergebracht, erzählt Putjatow – darunter auch Verwundete.
       Fast täglich würden neue Soldaten gebracht, während andere gruppenweise
       zurück an die Front geschickt würden. Allein im ersten Monat habe er drei
       solcher Transporte erlebt.
       
       Die Bedingungen beschreibt er als entwürdigend. Nachts dürften die Männer
       nicht einmal zur Toilette gehen. „Man sagt uns: Pinkelt in die Hosentasche,
       wir lassen euch nicht raus“, berichtet Putjatow. Die Wachmannschaften
       begründeten das mit der hohen Zahl an Fluchtversuchen.
       
       Für Putjatow ist es bereits das zweite Mal in diesem Lager. Schon 2025
       verbrachte er dort fast ein halbes Jahr. Seitdem versucht er mit allen
       Mitteln, wegen Desertion oder unerlaubten Verlassens der Einheit angeklagt
       zu werden. Denn das Gefängnis sei für ihn besser als die Rückkehr an die
       Front. „Ich habe erklärt, dass ich nicht mehr am Krieg teilnehmen will. Ich
       bin bereit für ein Gerichtsverfahren und für das Gefängnis. Aber selbst
       dieses Recht wird mir verweigert – stattdessen schicken sie mich immer
       wieder zurück an die Front“, sagt er.
       
       Vor dem Krieg arbeitete Anton Putjatow als Englischlehrer an einer Schule
       in Jekaterinburg. Im September 2022, erzählt er heute, sei ihm klar
       geworden, dass Russland kurz vor der Mobilmachung stand. Statt auf den
       Einberufungsbescheid zu warten, meldete er sich freiwillig zur Armee – auch
       weil ein alter Freund bereits diente.
       
       Putjatow ist kein Einzelfall. Immer mehr russische Soldaten kämpfen wie er
       inzwischen darum, vor Gericht gestellt zu werden. Doch weder Anwälte noch
       öffentliche Videoappelle, Beschwerden bei der Staatsanwaltschaft oder
       Briefe an den Kreml konnten ihm bislang helfen, tatsächlich in
       Untersuchungshaft zu kommen.
       
       In Russland arbeitet inzwischen ein informelles Netzwerk von Anwälten, das
       sich auf die Verteidigung von Soldaten spezialisiert hat. Viele von ihnen
       waren früher Militärermittler oder Militärstaatsanwälte. Einer der Leiter
       dieses Netzwerks sagt gegenüber Mediazona, dass Soldaten derzeit vor allem
       eines von ihm wollten: wegen Desertion oder unerlaubten Verlassens der
       Einheit verurteilt zu werden. Doch nur in etwa zwei von zehn Fällen gelinge
       es Anwälten, ein Verfahren bis zu einem Urteil zu bringen – und ihre
       Mandanten so vor der Front zu bewahren.
       
       Wie hoch ihre Zahl ist, lässt sich allerdings kaum sagen. Die im Internet
       kursierenden inoffiziellen „Deserteurslisten“ gelten weder als vollständig
       noch als verlässlich. Auffällig ist jedoch: Namen aus diesen Datenbanken
       tauchen immer wieder auch auf den [3][Todeslisten von Mediazona] auf.
       Vieles deutet darauf hin, dass einige der mutmaßlichen Deserteure nicht in
       Haft kamen, sondern eben erneut an die Front geschickt wurden – mit
       tödlichen Folgen.
       
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       20 May 2026
       
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